Doppelte Kraft voraus!

Interview mit Susanne Moser und Philip Bröking
Philip Brökling und Susanne Moser
© Jan Windszus Photography
Die letzte Dekade der Komischen Oper Berlin war eine glanzvolle. Sprühende Jazz-Operetten begeisterten Kritik und Publikum ebenso wie Produktionen großer Werke des 20. Jahrhunderts. Hinter dem Erfolg standen neben Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky, dem exzellenten Ensemble und den hochmotivierten Mitarbeitenden zwei Namen, die die Geschicke der Komischen Oper Berlin auch in Zukunft maßgeblich beeinflussen werden: Susanne Moser und Philip Bröking. Ab der Spielzeit 2022 / 23 übernehmen sie als Doppelspitze die Intendanz der Komischen Oper Berlin. Das Haus, in den frühen Nachkriegsjahren von Walter Felsenstein gegründet, muss dringend generalsaniert werden. Dabei werden nicht nur Haus- und Bühnentechnik komplett erneuert, entlang der Glinkastraße und hin zum Prachtboulevard Unter den Linden entstehen neue einladende Gebäude, die die Komische Oper Berlin ganz ihrem Selbstverständnis als »Oper für alle« entsprechend, auch architektonisch in Richtung Stadtraum öffnen. Davor aber heißt es: Kisten packen! Die nächsten Jahre spielt die Komische Oper Berlin interimistisch neben dem Schillertheater noch an zahlreichen anderen Orten im Stadtgebiet. Eine nicht nur logistisch sondern auch künstlerisch herausfordernde Zeit für alle. Susanne Moser und Philip Bröking – Geschäftsführende Direktorin und Operndirektor sind beide seit über 15 Jahren an der Komischen Oper Berlin tätig – und bringen die besten Voraussetzungen mit, das Schiff auch in bewegten Zeiten sicher zu steuern. Was uns genau in der nächsten Saison an der Komischen Oper Berlin erwartet, davon mehr im Gespräch mit den neuen Intendant:innen ...


Ab dieser Spielzeit wird die Komische Oper Berlin von gleich zwei Intendant:innen geleitet. Als Doppelspitze Moser | Bröking übernehmen Sie gemeinsam den Staffelstab von Barrie Kosky ...

SUSANNE MOSER… eine große Herausforderung,
auf die wir uns aber sehr freuen. Barrie Kosky mit dem uns eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit verbindet, wird der Komischen Oper Berlin, seiner künstlerischen Heimat, nicht nur mit zwei Neuinszenierungen pro Spielzeit, sondern auch als enger Vertrauter und Berater verbunden bleiben.

Aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit am Haus kennen Sie den Betrieb wie ihre Westentasche. Vor welchen Aufgaben haben Sie Respekt? Worauf freuen Sie sich besonders?

PHILIP BRÖKING Für die Vorbereitungen des Umzugs und für die Pläne während der Ausweichspielzeiten müssen unsere künstlerischen Vorhaben und Abläufe völlig neu justiert werden. Das ist heraus-fordernd und spannend zugleich. Im Respekt vor der anstehenden Aufgabe liegt also zugleich die Vorfreude auf die neue Situation.

SUSANNE MOSER Die Identifikation des Publikums mit dem Haus ist traditionell sehr stark. Wir sind die Oper für Berlin! Es gilt für die nächsten Jahre, das Publikum auf unserer Reise mitzunehmen.

Sie beide waren als Geschäftsführende Direktorin und Operndirektor sowohl unter den Intendanten Homoki als auch Kosky Teil der Leitung der Komischen Oper Berlin. Gerade deshalb sind wir gespannt, welche neuen Schwerpunkte Sie als Intendant:innen setzen werden. Was ändert sich ab der nächsten Spielzeit an der Komischen Oper Berlin?

PHILIP BRÖKING Einiges, aber nicht alles. Gleich für die Saisoneröffnung Intolleranza 1960 von Luigi Nono verwandeln wir den gesamten Bühnen- und Zuschauer-raum in eine Eiswüste! Mit dieser Eröffnungsproduktion führen wir die Linie großer Werke des 20. Jahrhunderts in der Tradition von The Bassarids, Moses und Aron und Die Soldaten fort, geben ihr aber noch zusätzliches Gewicht, indem wir die Spielzeit mit einem solchen Werk beginnen.

SUSANNE MOSER Zudem gibt Opernregisseur Marco Štorman mit Intolleranza 1960 sein Berlin-Debüt. Mit der aufwendigen, alles umfassenden Raumkonzeption von Bühnenbildner Márton Ágh geben wir einen Ausblick auf das Thema »neue Spielräume«, das uns auch die nächsten Jahre begleiten wird. Im letzten Jahr an der Behrenstraße wollen wir dem Publikum die Komische Oper Berlin auch aus ungewohnten Blickwinkeln präsentieren.

PHILIP BRÖKING Einen gesamtprogrammatischen neuen Schwerpunkt setzen wir im Bereich der Kinderoper. Sie ist zwar schon seit vielen Jahren fester Bestandteil des Spielplans, aber künftig wollen wir das Augenmerk noch stärker auf die kommenden Generationen lenken. In der Spielzeit 2022 / 23 erwarten uns mit Kurt Weills Tom Sawyer und Franz Wittenbrinks Pippi Langstrumpf gleich zwei Uraufführungen in diesem Genre. Mit Pippi Langstrumpf gibt Sänger-Schauspielerin Dagmar Manzel zudem ihr Debüt als Regisseurin.

SUSANNE MOSER In der »spielerisch-frechen« Regiehandschrift von Herbert Fritsch steht seit langem auch wieder ein Werk von Richard Wagner auf dem Spielplan. Die märchenhafte Schicksalsschwere von Der fliegende Holländer passt unserer Meinung nach so ganz hervorragend an unser Haus.

Starke Regiehandschriften haben an der Komischen
Oper Berlin schon immer eine große Bedeutung. Die letzten Jahre waren besonders durch den Chefregisseur und Intendanten Barrie Kosky geprägt ...

PHILIP BRÖKING Mit ihm planen wir gleich zwei weitere Produktionen: ... und mit morgen könnt ihr mich!, ein neuer Songabend mit Katharine Mehrling und Liedern von Kurt Weill aus seiner Berliner Zeit und La Cage aux Folles von Jerry Herman. Hier schlägt Barrie Kosky nach der Berliner Jazzoperette, der er in den letzten zehn Jahren zu einer wahren Renaissance verholfen hat, ein neues Kapitel in Sachen »perfekt gemachter Unterhaltung« und Musiktheatertraditionen jenseits des europäischen Kernrepertoires auf: das us-amerikanische »book musical«. Mit auf der Bühne steht Theaterlegende Helmut Baumann, der das Werk Mitte der 1980er-Jahre für Deutschland entdeckte. Ein weiterer Regisseur, mit dem wir die Arbeit weiterführen, ist Kirill Serebrennikov, der in den letzten Jahren weitgehend aus dem Hausarrest in seiner Moskauer Wohnung Opern inszenierte. Und das mit Erfolg! In der kommenden Saison legt er mit Così fan tutte den ersten Teil eines neuen Zyklus von Mozarts Da-Ponte-Opern vor. Neuinszenierungen von Le nozze di Figaro und Don Giovanni folgen in späteren Spielzeiten.

SUSANNE MOSER Gleichzeitig freuen wir uns auf eine ganze Reihe neuer Regiehandschriften! Axel Ranisch, der nicht nur als Opern-, sondern auch als Filmregisseur (Dicke Mädchen, Alki Alki, Tatort) und Autor Erfolge feiert, setzt mit Saul unsere Reihe dramatischer Händel-Oratorien fort und gibt damit sein Regiedebüt an der Komischen Oper Berlin. Gespannt sind wir auch auf die hochromantische und selten zu erlebende Hamlet-Vertonung von Ambroise Thomas in der Regie von Nadja Loschky, dirigiert von Marie Jacquot.

Keine Berührungsangst vor Musiktraditionen jenseits des »E« und »U«-Denkens, spannende Lesarten bekannter und weniger bekannter Werke und neue Regiehandschriften, das hat an der Komischen Oper Berlin Tradition. Ab der nächsten Spielzeit zieht es sie aber auch zu noch neueren musiktheatralen Ufern ...

SUSANNE MOSER Richtig! Mit unserem neu ins Leben gerufenen Festival für »brandneues Musiktheater« Schall&Rausch betreten wir in mehrerlei Hinsicht Neuland. Hier wird ab der kommenden Spielzeit in der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln und SchwuZ ausgelotet, welche Möglichkeiten das Musiktheater der Zukunft bereithält. Und das ohne Berührungsängste vor Pop und Pomp. Gleichzeitig streckt das Festival mit den Spielorten in Neukölln die Fühler nach Spielstätten jenseits der Behrenstraße aus. Ein Vorgeschmack auf neue Spielorte ab der Spielzeit 2023 / 24!

»Raus in die Stadt!« heißt es an der Komischen Oper Berlin mit seinem starken Vermittlungsangebot im Kinder- und Jugendbereich und im interkulturellen Dialog seit über zehn Jahren. Welche Bedeutung hat die Vermittlungsarbeit unter Ihrer Ägide?

PHILIP BRÖKING Längst ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Kinder und Jugendliche mit klassischer Musik, geschweige denn der noch komplexeren Form Oper, automatisch in Berührung kommen. Die laufenden Projekte im Bereich Musiktheatervermittlung sollen in unserer Intendanz entsprechend nicht nur weitergeführt, sondern auch weiterentwickelt werden. Mit Selam Opera! wollen wir weiterhin die Stadtgesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt, unabhängig vom finanziellen, sozialen oder kulturellen Background ansprechen. Verstärkt wollen wir auch mit den kulturellen Multiplikator:innen in den Kiezen in einen künstlerischen Austausch treten.

SUSANNE MOSER Unser Programm erreicht mit seinen zahlreichen Workshop-Angeboten schon jetzt eine Altersgruppe, die durch die erste Berührung mit der Kunstform in frühen Jahren auch später von diesem Schatz profitieren kann. Besonders erfolgreich sind Projekte, die auch die Elterngeneration mit einbeziehen, die oft über die Kinder musiktheatrale Erfahrungen machen können, die ihnen selbst in der Kindheit nicht ermöglicht wurden. Im neu aufgesetzten Projekt resonare arbeiten wir in Kooperation mit der Charité zudem mit Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Komische Oper Jung ist den Kinderschuhen längst entwachsen und heißt deshalb ab sofort Jung und Jede:r.
Gerade in einem Projekt wie dem von Ihnen genannten resonare wird klar, wie bereichernd ein früher und unkomplizierter Zugang zur klassischen Musik für jede:n einzelne:n sein kann. Wie sieht es jenseits der großen Bühnenproduktionen künftig mit dem Konzertprogramm aus? Wohin wird hier die Reise gehen?

SUSANNE MOSER Die Konzertsparte, mit unserem wunderbar vielseitigen Orchester, wollen wir etwas mehr in den Fokus rücken – durch Konzerterlebnisse, wie man sie nur an der Komischen Oper Berlin finden kann. Unser Ziel verfolgen wir mit einem Programm auch jenseits des klassischen Kanons, exklusiv bei uns zu erlebenden Künstler:innen und Konzertformaten, die das Potential der Komischen Oper Berlin mit seinem vielseitigen Orchester und musiktheatralen Kompetenzen ausschöpft. Mit James Gaffigan, der ab der Spielzeit 2023 / 24 als Generalmusikdirektor die musikalischen Fäden an der Komischen Oper Berlin in Händen hält, konnten wir einen künstlerischen Partner gewinnen, der diese Haltung ebenso selbstverständlich vertritt wie wir. Beim Neujahrskonzert und im Sinfoniekonzert Transatlantic gibt er schon nächste Spielzeit einen Vorgeschmack auf die musikalische Zukunft des Hauses. Mit Erina Yashima steht ihm als erste Kapellmeisterin eine weitere vielversprechende Leitungspersönlichkeit zur Seite. Frau Yashima ist erstmals bei der Gala zum 75. Geburtstag der Komischen Oper Berlin zu erleben.

Ein dreiviertel Jahrhundert Oper als Musiktheater. Kurz und knapp: Was ist das Geheimnis eines gelungenen Opernabends?

PHILIP BRÖKING Oper ist Teamwork. In ihr spielen tausend Rädchen eine Rolle und jedes hat den gleichen Wert, von dem:der Protagonist:in im Rampenlicht bis zu den Ankleider:innen hinter den Kulissen. Aber damit das Getriebe funktioniert, muss alles perfekt aufeinander abgestimmt sein. Die Vorbedingung für Kunst ist zu 80 Prozent Handwerk.

SUSANNE MOSER Doch selbst das akribischste Handwerk garantiert nicht, dass ein Abend »abhebt«. Oper braucht so viel unterschiedliche Qualifikationen, in die jede:r seine:n ganzen Einsatz und die ganze Liebe hineinlegt. Mich fasziniert, wenn aus jenem vielfäl-tigen künstlerischen und handwerklichen Zusammenspiel ein Erlebnis entsteht, das sich auf das Publikum überträgt und die Zuschauer:innen so tief berührt, dass sie mit einer Träne im Augenwinkel den Saal verlassen.

Fundiertes Können und ein Funken Theaterglück. Das eine haben Sie, das andere wünschen wir Ihnen. Doch was ist ihre persönliche Kraftquelle für die anstehenden Aufgaben?

PHILIP BRÖKING Die letzten fünf Minuten vor Beginn einer Aufführung sind voller Vorfreude, Anspannung und Zauber. Wenn sich das Publikum auf die Plätze begibt, die Einlassklingel drei Mal läutet, die Inspizienz die beteiligten Künstler:innen zum Vorstellungsbeginn einruft: in wenigen Augen-blicken also auf der Bühne – in welcher Form auch immer –die Bedingungen unserer Existenz verhandelt werden, das ist magisch und zutiefst human. Dafür lohnt sich aller Aufwand, das wirkt bei mir wie ein Schnellladevorgang meines Akkus.

Das Beste, was in der kommenden Spielzeit passieren könnte?

SUSANNE MOSER & PHILIP BRÖKING
Die Corona-Pandemie löst sich in Luft auf und unser Publikum strömt wieder in unsere Vorstellungen!

Das Gespräch führte Chefdramaturgin Johanna Wall.