© Jan Windszus Photography
Natur und Erwartung
Eine Eiche stürzt um, wenn das Herz bricht. Aus ihrem Holz wächst etwas Neues. So erzählt Regisseurin Ewelina Marciniak von Veränderung in ihrer Inszenierung Orlando: nicht als Skandal, sondern als Natur. Als etwas, das einfach geschieht — im Körper, in der Geschichte, auf der Bühne. Doch das so Selbstverständliche stetigen Wandels zu einem Leben in Vielfalt ist mehr denn je bedroht: 2019 wirkte Olga Neuwirths Oper Orlando noch wie eine albtraumhafte Warnung vor einer Realität, die längst eingetreten ist: der wütende von Rechtspopulisten angetriebene Mob ist kein Fantasiebild mehr. An der Komischen Oper Berlin kämpft Virginia Woolfs unsterbliche Figur Orlando deshalb immer noch gegen unzeitgemäße Fragen: Wer darf über sich sprechen, wer darf wen lieben, wer darf sich verändern — ohne sich dafür erklären zu müssen?
Die Handlung der Oper Orlando endet im Heute, ihre Titelfi gur lebt also seit 444 Jahren. Dementsprechend lang und vielschichtig ist Orlandos Geschichte. Worauf legst du den Fokus in deiner Lesart?
Ewelina Marciniak: Der wichtigste Aspekt der Geschichte ist für mich Orlandos Geschlechtswechsel: Orlando lebt jahrhundertelang und wird vom Mann zur Frau. Heute verstehen wir eine solche Veränderung als einen natürlichen Teil des Lebens, zugleich hat sie aber immer auch eine politische Dimension. Politiker:innen nutzen dieses Thema für ihre Zwecke, und ich denke, auch das ist Teil der Geschichte von Orlando. Der zweite wichtige Aspekt, der für mich im Mittelpunkt steht, ist Orlando als Künstler:in. Orlando ist zunächst ein junger Edelmann, der Dichter werden möchte. Seine Geschichte wird bis in unsere Gegenwart weitergesponnen, sodass wir uns die Fragen stellen: Was ist heute die Rolle von Künstler:innen und mit welchen Gegenkräften sind sie konfrontiert?
Ewelina Marciniak: Der wichtigste Aspekt der Geschichte ist für mich Orlandos Geschlechtswechsel: Orlando lebt jahrhundertelang und wird vom Mann zur Frau. Heute verstehen wir eine solche Veränderung als einen natürlichen Teil des Lebens, zugleich hat sie aber immer auch eine politische Dimension. Politiker:innen nutzen dieses Thema für ihre Zwecke, und ich denke, auch das ist Teil der Geschichte von Orlando. Der zweite wichtige Aspekt, der für mich im Mittelpunkt steht, ist Orlando als Künstler:in. Orlando ist zunächst ein junger Edelmann, der Dichter werden möchte. Seine Geschichte wird bis in unsere Gegenwart weitergesponnen, sodass wir uns die Fragen stellen: Was ist heute die Rolle von Künstler:innen und mit welchen Gegenkräften sind sie konfrontiert?
Orlando
Eine fiktive musikalische Biografie [2019]
Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth
nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf
Premiere am 16. Mai 2026
Ist Orlando trans?
Ewelina Marciniak: Schwer zu sagen, denn Orlando lebt ein Leben voll verschiedener möglicher Identitäten. Der Wechsel von männlich zu weiblich ist, aus meiner Sicht, einfach ein Beispiel für diese Fluidität und beleuchtet Fragen, Herausforderungen und Erwartungen, mit denen das Frausein und -werden einhergeht.
Ewelina Marciniak: Schwer zu sagen, denn Orlando lebt ein Leben voll verschiedener möglicher Identitäten. Der Wechsel von männlich zu weiblich ist, aus meiner Sicht, einfach ein Beispiel für diese Fluidität und beleuchtet Fragen, Herausforderungen und Erwartungen, mit denen das Frausein und -werden einhergeht.
© Jan Windszus Photography
Wie erlebt Orlando ihre Veränderung?
Ewelina Marciniak: Ich finde es sehr interessant, dass die Oper sowohl die Erfahrungen von Orlando, als auch die von Orlandos Kind zeigt. Wenn wir diese beiden Geschichten vergleichen, sehen wir einerseits, dass Veränderung zu unserer Natur und zur Wirklichkeit gehört, in der wir leben. Andererseits bedeutet sie eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, in der bis heute starre Rollenbilder und Erwartungshaltungen existieren, wie man sich als Mann, wie man sich als Frau zu verhalten hat. Es geht also um die Frage: Wie kann ich mich als non-binary Person ausdrücken und über meine Identität sprechen? Die Verbindung zwischen Orlando aus Virginia Woolfs Roman und der von Olga Neuwirth und Catherine Filloux neu geschaffenen Figur Orlandos Kind herzustellen, ist eine der spannendsten Aufgaben für mich.
Du hast Paul B. Preciados Dokumentarfilm Orlando. Meine politische Biografie als eine Inspirationsquelle genannt. Was hat dich daran fasziniert?
Ewelina Marciniak: Als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich begeistert davon, wie die verschiedenen trans und non-binary Menschen, die im Film porträtiert werden, über ihre eigenen, intimen Erfahrungen erzählen – und zwar in den Worten aus Woolfs Orlando. Es sind Menschen aller Altersgruppen mit vollkommen verschiedenen Identitäten, deren Aussagen im Kern aus dem Buch stammen und zugleich absolut authentisch sind. Man hat nicht den Eindruck eines vom Regisseur übergestülpten Konzepts, die Menschen sprechen aus ihrem Herzen und das hat mich berührt. In unserer Produktion wollen auch wir einen guten Weg der Repräsentation und Authentizität finden, denn »queer« auf der Bühne bedeutet oft lustig oder komisch und ist mit Klischees verbunden. Das Lustige wollen wir nicht ausklammern, aber eine Balance finden, wenn wir über queere Communitys sprechen.
Ewelina Marciniak: Ich finde es sehr interessant, dass die Oper sowohl die Erfahrungen von Orlando, als auch die von Orlandos Kind zeigt. Wenn wir diese beiden Geschichten vergleichen, sehen wir einerseits, dass Veränderung zu unserer Natur und zur Wirklichkeit gehört, in der wir leben. Andererseits bedeutet sie eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, in der bis heute starre Rollenbilder und Erwartungshaltungen existieren, wie man sich als Mann, wie man sich als Frau zu verhalten hat. Es geht also um die Frage: Wie kann ich mich als non-binary Person ausdrücken und über meine Identität sprechen? Die Verbindung zwischen Orlando aus Virginia Woolfs Roman und der von Olga Neuwirth und Catherine Filloux neu geschaffenen Figur Orlandos Kind herzustellen, ist eine der spannendsten Aufgaben für mich.
Du hast Paul B. Preciados Dokumentarfilm Orlando. Meine politische Biografie als eine Inspirationsquelle genannt. Was hat dich daran fasziniert?
Ewelina Marciniak: Als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich begeistert davon, wie die verschiedenen trans und non-binary Menschen, die im Film porträtiert werden, über ihre eigenen, intimen Erfahrungen erzählen – und zwar in den Worten aus Woolfs Orlando. Es sind Menschen aller Altersgruppen mit vollkommen verschiedenen Identitäten, deren Aussagen im Kern aus dem Buch stammen und zugleich absolut authentisch sind. Man hat nicht den Eindruck eines vom Regisseur übergestülpten Konzepts, die Menschen sprechen aus ihrem Herzen und das hat mich berührt. In unserer Produktion wollen auch wir einen guten Weg der Repräsentation und Authentizität finden, denn »queer« auf der Bühne bedeutet oft lustig oder komisch und ist mit Klischees verbunden. Das Lustige wollen wir nicht ausklammern, aber eine Balance finden, wenn wir über queere Communitys sprechen.
© Jan Windszus Photography
Welche Bedeutung haben Virginia Woolfs biografische Elemente in dieser Oper für dich?
Ewelina Marciniak: Zunächst war es mir wichtig, eine Interpretation für die Figur der Erzählerin (Narrator) zu finden. Ich komme aus dem Schauspiel, daher ist mein Anspruch an echte und intensive Beziehungen auf der Bühne hoch. Der Ursprung des Romans liegt ja in Virginia Woolfs Liebesbeziehung zu Vita Sackville-West, die sie in der Titelfigur verewigt hat. Ich fand die Idee also interessant, Virginia als Narrator zu zeigen, die Orlando zum Leben erweckt. Die beiden Figuren können miteinander in Dialog treten, aber auch unabhängig voneinander handeln. Ich verstehe Virginia aber nicht nur als Orlandos Autorin, sondern auch als Symbol, das wir auf der Bühne in verschiedene Zeiten und Kontexte versetzen können. Schon der Roman ist eine Mischung aus Geschichte und Fantasie, und ich möchte diese Fantasie weiterentwickeln: Wir erkunden, wie Virginia sich fühlen und verhalten würde, etwa in den Szenen über Krieg, vor dem sie tatsächlich große Angst hatte und der auch ein Grund für ihren Selbstmord war. Oder in einer Szene über sexuelle Freiheit: Virginia trifft auf eine Gruppe queerer Menschen, die sich so frei ausdrücken, wie es Woolf zu ihrer Zeit nie möglich gewesen wäre. So entstehen viele berührende Szenen.
Woolf hat selbst viel über das Schreiben geschrieben, besonders auch über das Schreiben als Frau. Welche Gedanken interessieren dich besonders?
Ewelina Marciniak: In ihrem Essay A Room of One’s Own beschreibt Woolf, wie wichtig es für weibliche Schriftstellerinnen ist, einen eigenen Raum, Unabhängigkeit, Freiheit von den klassischen Pflichten einer Frau, Zeit und einen Ort zum »Nichtstun« – also zum Schreiben – zu haben. Mir war es wichtig, einen Bogen zu schlagen vom Beginn der Geschichte, wenn Virginia durch das Schreiben ihre Liebe und ihren Liebeskummer verarbeitet, bis zur Schlussszene, in der Orlando vor der herausfordernden Frage steht, wie man heute als Künstler:in zu einer Sprache findet, um über gesellschaftliche und politische Themen wie Rechtspopulismus zu schreiben. Außerdem gibt es diese spannende Verbindung zwischen Orlando und dem Kritiker Greene, der es nur auf Orlandos Geld abgesehen hat und ihr Jahrhunderte später als Verleger wieder begegnet: Er sagt ihr, sie müsse simplifizieren. Das ist eine Metaebene, die auch für das Schaffen von Komponist:innen, Regisseur:innen und allen anderen Künstler:innen interessant ist.
Ewelina Marciniak: Zunächst war es mir wichtig, eine Interpretation für die Figur der Erzählerin (Narrator) zu finden. Ich komme aus dem Schauspiel, daher ist mein Anspruch an echte und intensive Beziehungen auf der Bühne hoch. Der Ursprung des Romans liegt ja in Virginia Woolfs Liebesbeziehung zu Vita Sackville-West, die sie in der Titelfigur verewigt hat. Ich fand die Idee also interessant, Virginia als Narrator zu zeigen, die Orlando zum Leben erweckt. Die beiden Figuren können miteinander in Dialog treten, aber auch unabhängig voneinander handeln. Ich verstehe Virginia aber nicht nur als Orlandos Autorin, sondern auch als Symbol, das wir auf der Bühne in verschiedene Zeiten und Kontexte versetzen können. Schon der Roman ist eine Mischung aus Geschichte und Fantasie, und ich möchte diese Fantasie weiterentwickeln: Wir erkunden, wie Virginia sich fühlen und verhalten würde, etwa in den Szenen über Krieg, vor dem sie tatsächlich große Angst hatte und der auch ein Grund für ihren Selbstmord war. Oder in einer Szene über sexuelle Freiheit: Virginia trifft auf eine Gruppe queerer Menschen, die sich so frei ausdrücken, wie es Woolf zu ihrer Zeit nie möglich gewesen wäre. So entstehen viele berührende Szenen.
Woolf hat selbst viel über das Schreiben geschrieben, besonders auch über das Schreiben als Frau. Welche Gedanken interessieren dich besonders?
Ewelina Marciniak: In ihrem Essay A Room of One’s Own beschreibt Woolf, wie wichtig es für weibliche Schriftstellerinnen ist, einen eigenen Raum, Unabhängigkeit, Freiheit von den klassischen Pflichten einer Frau, Zeit und einen Ort zum »Nichtstun« – also zum Schreiben – zu haben. Mir war es wichtig, einen Bogen zu schlagen vom Beginn der Geschichte, wenn Virginia durch das Schreiben ihre Liebe und ihren Liebeskummer verarbeitet, bis zur Schlussszene, in der Orlando vor der herausfordernden Frage steht, wie man heute als Künstler:in zu einer Sprache findet, um über gesellschaftliche und politische Themen wie Rechtspopulismus zu schreiben. Außerdem gibt es diese spannende Verbindung zwischen Orlando und dem Kritiker Greene, der es nur auf Orlandos Geld abgesehen hat und ihr Jahrhunderte später als Verleger wieder begegnet: Er sagt ihr, sie müsse simplifizieren. Das ist eine Metaebene, die auch für das Schaffen von Komponist:innen, Regisseur:innen und allen anderen Künstler:innen interessant ist.
Orlando begegnet im Laufe der Handlung einer Vielzahl von Charakteren, die zum Teil symbolisch wirken …
Ewelina Marciniak: In der Tat findet man in jeder Episode etwas, das zwar im historischen Gewand daherkommt, aber uns einiges über heutige Zeiten und Themen erzählen kann. Etwa die Szene mit Queen Elisabeth I.: Sie verkörpert für mich, wie wir als Frauen mit dem Altern hadern. Was passiert mit Lust und Begierde? Die Queen verstehe ich als eine ältere Frau, die immer noch Liebe und Leidenschaft sucht, sich diese aber erkaufen muss. Durch Sasha erlebt Orlando schmerzhafte Zurückweisung, obwohl er bereit ist, alles für sie aufzugeben. Diese Szene zeigt, dass man – egal ob man Männer oder Frauen liebt – an Liebe auch schrecklich leiden kann. Ob vor 400 Jahren oder heute, das ist universell. Auch die Szene der drei Dichter bedeutet große Enttäuschung für Orlando: Sie würde gerne an deren Gespräch über Literatur teilhaben, ist aber lediglich für den Tee zuständig. Den Dichtern sind ihr Ruf und Stand wichtiger als das eigentliche Schreiben, an Kunst sind sie nicht wirklich interessiert. Die Mutanten in Bild XVII stehen für mich für Rechtspopulist:innen, die eine Show abziehen, wenn sie Politik machen, mit ihrer Rhetorik, ihren Slogans. Ich will zeigen, dass Orlandos Kind durch diesen wütenden Mob wirklich in Gefahr ist. Virginia, Orlando und ihr Kind benennen auch klar, dass es sich um Faschismus handelt. Ich habe die Mutanten in dieser Szene multipliziert. Das Bild ist eine Warnung.
Wie sind die Natur und das Vergehen von Zeit im Bühnen- und Kostümbild dargestellt?
Ewelina Marciniak: Zentrales Element im Bühnenbild ist ein Eichenbaum, der für die unsterbliche Kunst und auch für Orlandos persönliche Kunst steht. Wenn Orlando bestürzt ist von der Zurückweisung seiner Geliebten, stürzt auch der Baum um. Und aus dem Holz kann etwas Neues entstehen. Ich möchte zeigen, dass sich in der Natur alles ständig verändert, auf dieselbe Art, wie in uns Veränderung stattfindet. Auf der Bühne sehen wir eine grasige Landschaft, die sich in Orlandos Verwandlungsszene ebenfalls bewegt und verwandelt, um die natürliche Veränderung von Orlandos Körper widerzuspiegeln. Im zweiten Teil haben wir mehr leeren Raum auf der Bühne. Da wir durch sehr viele Zeiten und Bilder reisen, gibt es die wunderbaren Tänzer:innen, die durch ihre Körperpräsenz Atmosphäre und Bedeutung schaffen und an deren Kostümen wir die Zeit ablesen können.
Ewelina Marciniak: In der Tat findet man in jeder Episode etwas, das zwar im historischen Gewand daherkommt, aber uns einiges über heutige Zeiten und Themen erzählen kann. Etwa die Szene mit Queen Elisabeth I.: Sie verkörpert für mich, wie wir als Frauen mit dem Altern hadern. Was passiert mit Lust und Begierde? Die Queen verstehe ich als eine ältere Frau, die immer noch Liebe und Leidenschaft sucht, sich diese aber erkaufen muss. Durch Sasha erlebt Orlando schmerzhafte Zurückweisung, obwohl er bereit ist, alles für sie aufzugeben. Diese Szene zeigt, dass man – egal ob man Männer oder Frauen liebt – an Liebe auch schrecklich leiden kann. Ob vor 400 Jahren oder heute, das ist universell. Auch die Szene der drei Dichter bedeutet große Enttäuschung für Orlando: Sie würde gerne an deren Gespräch über Literatur teilhaben, ist aber lediglich für den Tee zuständig. Den Dichtern sind ihr Ruf und Stand wichtiger als das eigentliche Schreiben, an Kunst sind sie nicht wirklich interessiert. Die Mutanten in Bild XVII stehen für mich für Rechtspopulist:innen, die eine Show abziehen, wenn sie Politik machen, mit ihrer Rhetorik, ihren Slogans. Ich will zeigen, dass Orlandos Kind durch diesen wütenden Mob wirklich in Gefahr ist. Virginia, Orlando und ihr Kind benennen auch klar, dass es sich um Faschismus handelt. Ich habe die Mutanten in dieser Szene multipliziert. Das Bild ist eine Warnung.
Wie sind die Natur und das Vergehen von Zeit im Bühnen- und Kostümbild dargestellt?
Ewelina Marciniak: Zentrales Element im Bühnenbild ist ein Eichenbaum, der für die unsterbliche Kunst und auch für Orlandos persönliche Kunst steht. Wenn Orlando bestürzt ist von der Zurückweisung seiner Geliebten, stürzt auch der Baum um. Und aus dem Holz kann etwas Neues entstehen. Ich möchte zeigen, dass sich in der Natur alles ständig verändert, auf dieselbe Art, wie in uns Veränderung stattfindet. Auf der Bühne sehen wir eine grasige Landschaft, die sich in Orlandos Verwandlungsszene ebenfalls bewegt und verwandelt, um die natürliche Veränderung von Orlandos Körper widerzuspiegeln. Im zweiten Teil haben wir mehr leeren Raum auf der Bühne. Da wir durch sehr viele Zeiten und Bilder reisen, gibt es die wunderbaren Tänzer:innen, die durch ihre Körperpräsenz Atmosphäre und Bedeutung schaffen und an deren Kostümen wir die Zeit ablesen können.
© Jan Windszus Photography
Zeiten ändern sich, Mode, Politik und Klima verändern sich. Die Oper ist im Jahr 2019 uraufgeführt worden. Was hat sich seitdem am meisten verändert?
Ewelina Marciniak: Ich denke, vor allem die Mutanten-Szene sehen wir heute anders: Sie ist eine albtraumhafte Fantasie, und sie ist vor dem Sturm auf das Capitol (2021) entstanden. Wir wussten, dass dieser aggressive Mob Macht hat, aber jetzt sehen wir, was möglich ist. Sie konnten eindringen und zerstören. Das Bild hat an Kraft gewonnen.
Was denkst du, würde Orlando im Rückblick auf 444 Jahre Geschichte als das einschneidendste Ereignis bezeichnen?
Ewelina Marciniak: Man könnte natürlich jetzt all die Kriege der jüngeren Geschichte aufzählen, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht tun. Ich denke, die Ereignisse im Iran, besonders im Hinblick auf das Thema Frauenrechte, würden Orlando erschüttern. Das sage ich aus meiner ganz persönlichen Perspektive, weil ich das Land vor zehn Jahren bereist habe. Wenn man sich Fotos aus den 1960er Jahren anschaut, ist es schockierend zu sehen, was mit diesem Land passiert ist.
Ewelina Marciniak: Ich denke, vor allem die Mutanten-Szene sehen wir heute anders: Sie ist eine albtraumhafte Fantasie, und sie ist vor dem Sturm auf das Capitol (2021) entstanden. Wir wussten, dass dieser aggressive Mob Macht hat, aber jetzt sehen wir, was möglich ist. Sie konnten eindringen und zerstören. Das Bild hat an Kraft gewonnen.
Was denkst du, würde Orlando im Rückblick auf 444 Jahre Geschichte als das einschneidendste Ereignis bezeichnen?
Ewelina Marciniak: Man könnte natürlich jetzt all die Kriege der jüngeren Geschichte aufzählen, aber das möchte ich an dieser Stelle nicht tun. Ich denke, die Ereignisse im Iran, besonders im Hinblick auf das Thema Frauenrechte, würden Orlando erschüttern. Das sage ich aus meiner ganz persönlichen Perspektive, weil ich das Land vor zehn Jahren bereist habe. Wenn man sich Fotos aus den 1960er Jahren anschaut, ist es schockierend zu sehen, was mit diesem Land passiert ist.
#KOBOrlando
17. Mai 2026
Zwischen Baum und Boxsack, Naturbild und Projektion, höfischer Pose und futuristischem Krach sucht Olga Neuwirths »Orlando« an der Komischen Oper Berlin nach einer Form, in der nichts einfach nur es selbst bleibt. Die Wahrhaftigkeit dieses Abends liegt gerade in diesen Reibungen.
Aus Woolfs fantastischer Erzählung wird ein bewegliches Musiktheater aus Übergängen, Spiegelungen und historischen Schichten. Orlando erscheint darin immer neu, weil sich verändert, was sich in dieser Figur spiegelt. Die Berliner Inszenierung setzt das mit sichtbarer Energie um.
Regisseurin Ewelina Marciniak scheut weder Überzeichnung noch Bruch und findet darin immer wieder präzise Momente… in denen die vielen Ebenen nicht bloß nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig schärfen.
Aus Woolfs fantastischer Erzählung wird ein bewegliches Musiktheater aus Übergängen, Spiegelungen und historischen Schichten. Orlando erscheint darin immer neu, weil sich verändert, was sich in dieser Figur spiegelt. Die Berliner Inszenierung setzt das mit sichtbarer Energie um.
Regisseurin Ewelina Marciniak scheut weder Überzeichnung noch Bruch und findet darin immer wieder präzise Momente… in denen die vielen Ebenen nicht bloß nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig schärfen.
Johannes Furtwängler, Der Tagesspiegel, 17.05.2026
Wörter wie Schmetterlinge
Wörter wie Schmetterlinge
#KOBOrlando
17. Mai 2026
So überzeugend Alma Sadé als Erzählerin fungiert, schreitet Ema Nikolovska als Orlando mit imponierender Sicherheit alle vokalen Dimensionen ihrer Rolle aus! Die beiden führen ein Ensemble an, das sich für diese Produktion vehement ins Zeug legt. Herausragend: der Counter Eric Jurenas als Schutzengel, Anna Nekhames als Sasha, Günter Papendell als Shelmerdine bzw. Greene und als Putto der Tölzer Knabenchor Solist Benedikt Siewert und natürlich non-binary Performer Kevin(a) Taylor als Orlandos (kämpferisches) Kind.
Joachim Lange, NMZ, 17.05.2026
Im Klangwunderland – Olga Neuwirths »Orlando« an der Komischen Oper Berlin
Im Klangwunderland – Olga Neuwirths »Orlando« an der Komischen Oper Berlin
#KOBOrlando
17. Mai 2026
Unter Dirigent Johannes Kalitzke, ohnehin einer der kompetentesten Fachleute für Gegenwartsmusik, wird das Stück spürbar schneller gespielt als unter Matthias Pintscher in Wien. Das macht die Erzählsause noch atemloser, dennoch bekommt der Hörer mehr Luft – ein musikalisches Interpretationsparadox!
Die Regisseurin Ewelina Marciniak lässt der Choreografie von Agnieszka Kryst viel Raum, und noch mehr den beiden vorzüglichen Hauptdarstellerinnen des Abends: Alma Sadé als Erzählerin und Ema Nikolovska in der Titelrolle des beziehungsweise der Orlando. Ihre Tessitur ist enorm, beginnend mit einem männlich tiefliegenden »I am alone«, um im Lauf der Oper nicht nur höher und »weiblicher« zu steigen, sondern auch in intensive Deklamation und artistisches Flackern auszuschlagen. Dabei ist Nikolovska kein(e) ätherische(r) Orlando wie Tilda Swinton in Sally Potters bekannter Romanverfilmung von 1992, sondern eine bodenständige, manchmal fast burschikose Bühnenerscheinung, quasi grundtonsicher im bodenlos grundtonfreien Raum.
Neuwirths lustvoll eklektizistische Partitur ist grundlegend out of tune, abrupt die stilistischen Schnitte, schichtenreich die musikalische Collage: Das alles wird von Sängern und Riesenorchester mit Bravour absolviert.
Die Regisseurin Ewelina Marciniak lässt der Choreografie von Agnieszka Kryst viel Raum, und noch mehr den beiden vorzüglichen Hauptdarstellerinnen des Abends: Alma Sadé als Erzählerin und Ema Nikolovska in der Titelrolle des beziehungsweise der Orlando. Ihre Tessitur ist enorm, beginnend mit einem männlich tiefliegenden »I am alone«, um im Lauf der Oper nicht nur höher und »weiblicher« zu steigen, sondern auch in intensive Deklamation und artistisches Flackern auszuschlagen. Dabei ist Nikolovska kein(e) ätherische(r) Orlando wie Tilda Swinton in Sally Potters bekannter Romanverfilmung von 1992, sondern eine bodenständige, manchmal fast burschikose Bühnenerscheinung, quasi grundtonsicher im bodenlos grundtonfreien Raum.
Neuwirths lustvoll eklektizistische Partitur ist grundlegend out of tune, abrupt die stilistischen Schnitte, schichtenreich die musikalische Collage: Das alles wird von Sängern und Riesenorchester mit Bravour absolviert.
Albrecht Selge, Nachtkritik, 17.05.2026
Binär ins Offene
Binär ins Offene
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12. Mai 2026
Vita von Virginia
Stellen Sie sich vor, Sie verlieren Ihr Zuhause, nur weil Sie zur falschen Zeit als Frau geboren wurden. Vita Sackville-West kannte diesen Schmerz: Knole House, ihr geliebtes Elternhaus, ging an ihren Onkel – weil die Erbfolge nur Männer zuließ. Doch aus diesem Verlust entstand etwas Unsterbliches: Virginia Woolf, fasziniert von Vitas aristokratischer Aura, ihren „schönen Beinen“ und ihrem androgynen Charme, schenkte ihr stattdessen ein Buch: Orlando. Eine (fiktive) Biografie, die kein Geschlecht kennt, keine Zeit – und die bis heute als der „längste und bezauberndste Liebesbrief der Literatur“ gilt. Eine Einführung zur gleichnamigen Oper von Olga Neuwirth über ein Herrenhaus mit 365 Zimmern, eine Frau, die zum Mann wurde – und ein Liebesbrief, der die Literaturgeschichte veränderte.
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11. Mai 2026
Tausende Ichs
Mezzosopranistin Ema Nikolovska und Dirigent Johannes Kalitzke im Gespräch über Ambivalenzen, Schieflagen und den Griff in die Spielzeugkiste
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30. April 2026
Im letzten Teil der Oper tritt eine Anspielung auf Donald Trump auf, doch wird er nicht wörtlich als er selbst dargestellt, sondern durch Mutanten verkörpert, die sich seiner Slogans und der Sprache der Selbstinszenierung bedienen.
Auf sehr treffende Weise zeichnet Olga Neuwirth hier ein Bild des gegenwärtigen Populismus und Nationalismus. Sie zeigt, wie gefährlich Politik wird, wenn sie sich in ein Spektakel verwandelt und beginnt, auf gesellschaftlicher Angst sowie auf der Ausgrenzung anderer zu basieren.
Auf sehr treffende Weise zeichnet Olga Neuwirth hier ein Bild des gegenwärtigen Populismus und Nationalismus. Sie zeigt, wie gefährlich Politik wird, wenn sie sich in ein Spektakel verwandelt und beginnt, auf gesellschaftlicher Angst sowie auf der Ausgrenzung anderer zu basieren.
Regisseurin Ewelina Marciniak über ihre Neusinszinierung von Olga Neuwirths Oper Orlando, in: Corinna Kolbe: Abgesang auf das Patriarchat, Tagesspiegel Spielzeit von 24.04.2026
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29. April 2026
Ich finde spannend, wie Olga Neuwirth die vielen Facetten der Hauptfigur Orlando zum Ausdruck bringt. Wie vielseitig sie für die Stimme schreibt und wie sie Elektronik einsetzt. Sie bringt klanglich unterschiedliche Epochen zusammen: Renaissance, Barock, Pop, Rock, Noise, Experimental. Das ist eine Vielschichtigkeit, die der Figur Orlando entspricht. […] Die Partie ist musikalisch wie ein Kaleidoskop. Es geht um Freiheit, darum, dass Identität ein Prozess ist. Das ist in Orlando zu hören.
Mezzosopranistin Ema Nikolovska über die Neuinszenierung von Olga Neuwirths Oper »Orlando« im Interview zusammen mit Regisseurin Ewelina Marciniak: Siegessäule, Mai 2026: Wann ist das schon möglich auf der Openbühne?
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