© Monika Rittershaus
Im Untergang gefangen
Ein Gespräch mit Bühnenbildnerin Rebecca Ringst über ihre Ausstattung zu Aribert Reimanns Lear im Hangar und dass sich Weite und Beklemmung keineswegs widersprechen
Interview: Milena Leszkowicz-Weizman, Bearbeitung: Maximilian Grosser
Interview: Milena Leszkowicz-Weizman, Bearbeitung: Maximilian Grosser
Wenn man den leeren Hangar 4 am ehemaligen Flughafen Tempelhof betritt, beeindruckt zunächst nur eines: der weite Raum dieser Flugzeughalle als Bühne für eine Operninszenierung. Genau dieses Gefühl hatte auch Rebecca Ringst, als sie den Hangar zum ersten Mal betrat – leer, nachhallend, noch gezeichnet vom Abbau der vorangegangenen Inszenierung. Aus eben dieser Leere gepaart mit der Erzählung um König Lears Niedergang, erzählt sie, sei der Gedanke entstanden, diesen riesigen Ort in eine Art Gefängnis auf hoher See zu verwandeln: Für das Bühnebild zu Aribert Reimanns Lear gleicht die Bühne einem Tanker, auf dem das Publikum gemeinsam mit König Lear untergeht.
Ihr Bühnenbild zu „Lear“ ist ein vor sich hintreibender Tanker in den Untergang, der alle mit in den Abgrund reißt. Wie kamen Sie auf dieses Bild?
Rebecca Ringst: Entstanden ist es im Austausch mit Barrie Kosky über den Stoff selbst. Lear ist ein alternder König, der zunehmend seinen Verstand verliert, und im Grunde erzählt das Stück eine Familiengeschichte – das Verhältnis zu seinen Töchtern ist toxisch, ja missbräuchlich. Zwei von ihnen üben Rache, die dritte wendet sich ab. Und er selbst verliert sich in seiner Einsamkeit immer tiefer im Wahn. Uns war wichtig, dass das Publikum dieses Gefühl des Ausgeliefertseins körperlich nachvollzieht – so, als säße es mit ihm gemeinsam an Bord eines Tankers, dessen Kapitän nach und nach dem Wahnsinn verfällt, ohne dass ein Entrinnen möglich wäre.
Ihr Bühnenbild zu „Lear“ ist ein vor sich hintreibender Tanker in den Untergang, der alle mit in den Abgrund reißt. Wie kamen Sie auf dieses Bild?
Rebecca Ringst: Entstanden ist es im Austausch mit Barrie Kosky über den Stoff selbst. Lear ist ein alternder König, der zunehmend seinen Verstand verliert, und im Grunde erzählt das Stück eine Familiengeschichte – das Verhältnis zu seinen Töchtern ist toxisch, ja missbräuchlich. Zwei von ihnen üben Rache, die dritte wendet sich ab. Und er selbst verliert sich in seiner Einsamkeit immer tiefer im Wahn. Uns war wichtig, dass das Publikum dieses Gefühl des Ausgeliefertseins körperlich nachvollzieht – so, als säße es mit ihm gemeinsam an Bord eines Tankers, dessen Kapitän nach und nach dem Wahnsinn verfällt, ohne dass ein Entrinnen möglich wäre.
Lear
von Aribert Reimann
Oper in zwei Teilen nach William Shakespeare
eingerichtet von Claus H. Henneberg [1978]
Premiere an der Komischen Oper Berlin am 16. September 2026
Ein Tanker, der das Gefühl einer klaustrophobischen Enge erweckt? Wie kann das in einer weitläufigen Halle wie dem Hangar 4 funktionieren?
Rebecca Ringst: Genau darin bestand die Herausforderung. Trotz seiner politischen Wucht ist „Lear“ im Innersten ein Kammerspiel. Natürlich schwingt darin der ganze Staat mit, die politische Dimension eines Herrschers, der seinen Verstand verliert – doch Musik und Figuren verlangen vor allem nach Intimität und Fokus. Also mussten wir ausgerechnet in diesem riesigen Raum etwas erschaffen, das wie ein enger, finsterer Tunnel wirkt. Deshalb haben wir das Publikum auf zwei gegenüberliegende Seiten verteilt und die Spielfläche dazwischen platziert, ganz im Sinne einer klassischen Shakespeare-Bühne: ein leeres Feld, auf dem die Figuren scharf hervortreten
Rebecca Ringst: Genau darin bestand die Herausforderung. Trotz seiner politischen Wucht ist „Lear“ im Innersten ein Kammerspiel. Natürlich schwingt darin der ganze Staat mit, die politische Dimension eines Herrschers, der seinen Verstand verliert – doch Musik und Figuren verlangen vor allem nach Intimität und Fokus. Also mussten wir ausgerechnet in diesem riesigen Raum etwas erschaffen, das wie ein enger, finsterer Tunnel wirkt. Deshalb haben wir das Publikum auf zwei gegenüberliegende Seiten verteilt und die Spielfläche dazwischen platziert, ganz im Sinne einer klassischen Shakespeare-Bühne: ein leeres Feld, auf dem die Figuren scharf hervortreten
© Monika Rittershaus
...umgeben von einer großen Dunkelheit...
Rebecca Ringst: ... die die riesigen schwarzen Akustikröhren erzeugen, die die Zuschauertribünen und Bühne umhüllen. Der Hangar ist eine Halle mit einem extremen Hall. Deshalb arbeitet jede Produktion hier mit schwarzen Akustikröhren. Sie machen den Hangar erst zu einer Opernsaal. Als ich sie zum ersten Mal sah, wurden sie gerade abgebaut, einige hingen, einige lagen schon am Boden und lagen wie schwarze Stoffmassen auf dem Boden. Das war das erste Bild, aus dem die Idee entstand: Diese Röhren könnten Teil der Erzählung werden, nicht nur technisches Beiwerk. Während des ganzen Stücks sitzen wir dann tatsächlich in einem schwarzen Schlauch aus diesen Röhren – das verstärkt die Klaustrophobie noch einmal enorm. Und dieses Prinzip von Schwere setzt sich im gesamten Bau fort: Wir haben das Orchester in einen erhöhten Gerüstbau gesetzt, quasi wie eine Orchestermuschel, mit Akustikdecken aus Aluminium, die zum Gerüstmaterial total gut passen.
Das eigentliche Baumaterial dieser Enge sind Stahlgerüste, ein kaltes Material. Wie fügt sich das in Ihren Bühnenentwurf ein?
Rebecca Ringst: Dieses Material hat mich schon immer gereizt. Das Metall, diese Härte – eine gewisse Robustheit, hat fast etwas Brutales. Elegant im klassischen Sinn ist das nicht, aber betrachtet man die Struktur als Ganzes, entfaltet sie plötzlich auch etwas Filigranes. Genau diese Spannung zwischen Brutalität und Eleganz reizt mich. Daraus entstanden die Zuschauertribünen, die Türme, von denen aus später auch die Sänger und Sängerinnen auftreten, sowie das gesamte Spielfeld – Sperrholzplatten auf einem Gerüstboden. Das hat etwas von einer Burg, diese Schwere. Genau diese manchmal monströse Schwere wollte ich neben der Enge in den Bau übertragen.
Rebecca Ringst: ... die die riesigen schwarzen Akustikröhren erzeugen, die die Zuschauertribünen und Bühne umhüllen. Der Hangar ist eine Halle mit einem extremen Hall. Deshalb arbeitet jede Produktion hier mit schwarzen Akustikröhren. Sie machen den Hangar erst zu einer Opernsaal. Als ich sie zum ersten Mal sah, wurden sie gerade abgebaut, einige hingen, einige lagen schon am Boden und lagen wie schwarze Stoffmassen auf dem Boden. Das war das erste Bild, aus dem die Idee entstand: Diese Röhren könnten Teil der Erzählung werden, nicht nur technisches Beiwerk. Während des ganzen Stücks sitzen wir dann tatsächlich in einem schwarzen Schlauch aus diesen Röhren – das verstärkt die Klaustrophobie noch einmal enorm. Und dieses Prinzip von Schwere setzt sich im gesamten Bau fort: Wir haben das Orchester in einen erhöhten Gerüstbau gesetzt, quasi wie eine Orchestermuschel, mit Akustikdecken aus Aluminium, die zum Gerüstmaterial total gut passen.
Das eigentliche Baumaterial dieser Enge sind Stahlgerüste, ein kaltes Material. Wie fügt sich das in Ihren Bühnenentwurf ein?
Rebecca Ringst: Dieses Material hat mich schon immer gereizt. Das Metall, diese Härte – eine gewisse Robustheit, hat fast etwas Brutales. Elegant im klassischen Sinn ist das nicht, aber betrachtet man die Struktur als Ganzes, entfaltet sie plötzlich auch etwas Filigranes. Genau diese Spannung zwischen Brutalität und Eleganz reizt mich. Daraus entstanden die Zuschauertribünen, die Türme, von denen aus später auch die Sänger und Sängerinnen auftreten, sowie das gesamte Spielfeld – Sperrholzplatten auf einem Gerüstboden. Das hat etwas von einer Burg, diese Schwere. Genau diese manchmal monströse Schwere wollte ich neben der Enge in den Bau übertragen.
© Monika Rittershaus
Inwiefern ist die Bühne auch eine Burg?
Rebecca Ringst: Diese Schwere, die das Gerüstmaterial ausstrahlt, spiegelt für mich genau das wider, was auch einen Burgbau ausmacht. Burgen sollten den König und seine Gefolgschaft schützen – aber sie hatten immer auch etwas Menschenfeindliches, etwas Abweisendes nach außen. Genau diese doppelte Bedeutung wollte ich in den Bau hineinbringen: Schutz und Bedrohung zugleich. Das setzt sich in den beiden Türmen fort, die auf der anderen Seite stehen. Dort sitzt zum einen Orchester, zum anderen können die Sänger ganz nach oben steigen und von exponierten Positionen aus singen, links und rechts vom Orchester. Diese Türme wirken wie Wachtürme oder Bergfriede einer Burganlage – Orte der Macht und der Kontrolle, aber auch der Isolation, ganz im Sinne von Lears Wahnsinn, der sich in dieser Höhe und Distanz immer weiter zuspitzt.
Rebecca Ringst: Diese Schwere, die das Gerüstmaterial ausstrahlt, spiegelt für mich genau das wider, was auch einen Burgbau ausmacht. Burgen sollten den König und seine Gefolgschaft schützen – aber sie hatten immer auch etwas Menschenfeindliches, etwas Abweisendes nach außen. Genau diese doppelte Bedeutung wollte ich in den Bau hineinbringen: Schutz und Bedrohung zugleich. Das setzt sich in den beiden Türmen fort, die auf der anderen Seite stehen. Dort sitzt zum einen Orchester, zum anderen können die Sänger ganz nach oben steigen und von exponierten Positionen aus singen, links und rechts vom Orchester. Diese Türme wirken wie Wachtürme oder Bergfriede einer Burganlage – Orte der Macht und der Kontrolle, aber auch der Isolation, ganz im Sinne von Lears Wahnsinn, der sich in dieser Höhe und Distanz immer weiter zuspitzt.
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Das Besondere an den Barrie Kosky-Inszenierungen ist, dass er auch schauspielerisch mit den Sängerinnen und Sängern grandios arbeitet. Das Stück könnte unglaublich düster und deprimierend und trist sein. Und das ist es auch. Es ist ein deprimierender Abend, aber Kosky schafft es, da Humor reinzubringen. Er schafft es, groteske Elemente auszuspielen, emotional sehr stark. Musikalisch wie inszenatorisch ein herausragender Abend.«
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Ihre Kälte und ihre Selbstbeherrschung sind ihre Rüstung. […] Barrie Kosky und ich waren uns beide von Anfang an einig, dass Goneril eine weitaus interessantere Figur ist, als man ihr häufig zugesteht.
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