Der nächste Coup von Barrie Kosky steigt im Flughafen-Hangar

Zum vierten Mal startet die Komische Oper mit einer großen Inszenierung im Flughafen Tempelhof in die Saison. Die Aufführungen an der ungewöhnlichen und spektakulären Location sind längst Highlights im Konzert- und Opern-Kalender. Barrie Kosky nimmt sich diesmal Aribert Reimanns Shakespeare-Oper „Lear“ an.
Mit viel Respekt, aber auch jeder Menge Freude geht Barrie Kosky an diese Mammutaufgabe heran. Aribert Reimanns Oper nach dem Shakespeare-Klassiker »Lear« gilt als eine der wichtigsten Opern der jüngeren Geschichte. »Reimann und sein Librettist Claus Henneberg haben dieses große Werk von Shakespeare transformiert. Sie haben die Sprache zu Musik gemacht, zu etwas, das nach Shakespeare riecht und schmeckt und trotzdem nicht Shakespeare ist«, sagt Kosky. »Sie haben es so lange eingekocht, bis etwas sehr Pures herauskam«, schwärmt er.

Schon die Theaterfassung hat es dem gebürtigen Australier angetan. »Es ist eines meiner Lieblingstheaterstücke, ich habe es bestimmt zehn bis zwölf Mal gesehen«, sagt er. Zwei Mal hat er den »Lear« auch inszeniert. »Einmal als Student in Melbourne, als ich 19 oder 20 war. Und dann in den 1990er Jahren für das Staatstheater in Sydney.« Drei Themenkomplexe sind Kosky wichtig. »Es gibt die beiden Familien, den König Lear und seine Töchter und Gloster mit seinen beiden Söhnen. Und was diese beiden Männer gegen ihre Kinder unternehmen, und wie die Kinder darauf reagieren, ist toxische patriarchale Blindheit«, sagt er. Gloster käme dabei etwas besser weg als Lear (Scott Hendricks). Aber auch der suche im Konfliktfall nicht das Gespräch mit seinem Sohn Edgar, sondern jage ihn einfach weg.

Zweiter Aspekt ist, dass in diesem Stück die Mütter fehlen. »Es ist eine Welt ohne Mutter. Das ist unglaublich. Aber es gibt keine Königin neben Lear. Es gibt auch keine Frau Gloster. Und Lears Töchter reagieren alles andere als mütterlich. Man hat das Gefühl, dass die Instabilität und der Wahnsinn im Stück auch daher kommen, dass die Mütter fehlen«, überlegt Kosky. Er führt auch keine Mutterfigur ein, selbst wenn der Narr bei ihm mit der großartigen Dagmar Manzel besetzt ist. »Aber das ist keine mütterliche Figur. Das haben wir von Anfang an so entschieden. Sie ist ein gebrochener Clown, da gibt es keinen Tropfen Mütterlichkeit«, betont er. Eine Mutterinstanz entdeckt er trotzdem in dem Stück. »Es ist Mutter Natur. Der Sturm im Stück ist auf der einen Seite ein meteorologisches Ereignis. Auf der anderen Seite kommt der Sturm durch die Seele und die Körper der Menschen. Es ist das, was schreit. Ich finde das von einer psychologischen Perspektive her sehr interessant.«

Der Sturm in Reimanns Oper ist aber auch ein gewaltiges musikalisches Moment. »Es ist eine atemberaubende Szene mit dem Schlagwerk. Normalerweise hat man in einem Orchester ja zwei oder drei Schlagwerker. Hier braucht man eine ganze Menge«, sagt Kosky. Bis zu 17 sind es. Die passen meist gar nicht in den Orchestergraben, sondern werden per Livestream von einer Nebenbühne eingespielt. Der Spielort im Hangar im Flughafen Tempelhof indes erlaubt, dass immerhin sieben Schlagwerker und ein Paukist auf einem eigens gebauten Turm direkt mit dabei sind. Die musikalische Leitung hat Nicholas Carter.