© Monika Rittershaus
Zu alt und kindisch
Von Vätern, Töchtern und unerträglichem Verlust – eine Einführung zu Barrie Koskys Lear
von Sophie Jira
von Sophie Jira
Die Angst von Vätern, durch ihre eigenen Kinder entmachtet und entmündigt zu werden, mag wohl so alt sein wie die Menschheit selbst. Schon der mythologische Urvater Kronos (bei den Römern Saturn genannt) fürchtete den Machtverlust so sehr, dass er, um ganz sicher zu gehen, alle seine Kinder verschlang. Alle bis auf eines. Ausgerechnet der kleine Zeus, der spätere Göttervater und Herrscher des Olymp, entging der grausamen Tat. Seine Mutter hatte ihn versteckt. Als König Lears erklärte Lieblingstochter Cordelia ihm nicht das öffentliche Liebesbekenntnis schenkt, das er erwartet, schleudert Lear ihr all seinen Zorn entgegen und macht sich selbst mit Kronos gleich: »Du bist mir fremder als der Wilde, der sich am Fleisch der eigenen Kinder mästet!« Cordelia hat keine Mutter, die sie schützen könnte. Denn in Shakespeares Drama fehlen die Mütter zur Gänze.
Lear
von Aribert Reimann
Oper in zwei Teilen nach William Shakespeare
eingerichtet von Claus H. Henneberg [1978]
Premiere an der Komischen Oper Berlin am 16. September 2026
Zeus brachte seine Lieblingstochter bezeichnenderweise selbst zur Welt: Auch er hatte eine Weissagung erhalten, der zufolge eines seiner Kinder ihn stürzen würde, und verschluckte aus Vorsicht seine schwangere Geliebte. Nach Wochen des unerträglichen Kopfschmerzes ließ er sich schließlich den Schädel aufschlagen und gebar daraus das mitverschlungene Kind: Athene. Niemand würde dem Göttervater jemals näher stehen als diese Tochter, die Vernünftige, seine Vertraute.
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Nach dem uralten Rezept der griechischen Tragödie löst auch König Lear ein schreckliches Blutbad aus, bei dem Versuch, genau dieses zu verhindern. Denn die Aufteilung des Erbes zu seinen Lebzeiten sollte erbitterte Kämpfe darum eigentlich verhindern. Und seinem Liebkind den größten Anteil zusichern. Wie ein Seher orakelt sein Narr dazu in seltsamen Sprüchen von Lears Untergang und dem seines Reiches. (Dass der Narr sich dabei augenzwinkernd mit dem Zauberer Merlin aus der Artuslegende vergleicht, ist nur einer der vielen Anachronismen, mit denen Shakespeare die vorchristliche Zeit der Handlung verwischt.) Die anderen Töchter König Lears, Goneril und Regan, schlucken (original »digest«) auf Geheiß ihres Vaters das Erbe der verstoßenen Schwester und fiebern längst dem Tag entgegen, an dem sie endlich selbst an die Macht gelangen. So sehr König Lear auch bereuen mag, seine Kinder nicht gefressen zu haben, so ist sein wahrer Feind doch gar nicht unter diesen zu finden: Nicht umsonst gaben Aribert Reimann und Claus H. Henneberg ihrer Oper nur den nackten Namen Lear als Titel – ohne den »König«. Denn dessen Gegenspieler, der Mensch Lear, bringt ihn durch eine Reihe folgenschwerer Fehler um die Macht.
Thou Mad’st Thy Daughters Thy Mothers
Die eigenen Töchter zu Müttern zu machen, die Väter Mündel der Söhne werden zu lassen. Diese Verkehrung der natürlichen Ordnung ist der Kardinalfehler, vor dem in Shakespeares König Lear gewarnt, und der dennoch begangen wird. Lear ist fest entschlossen und doch unentschieden: Seine Töchter will er ganz kontrollieren und zugleich von ihnen abhängig sein. Die mühsamen Regierungsgeschäfte lässt er sich abnehmen und plant, sich künftig von seiner Lieblingstochter durchfüttern zu lassen (»to set my rest on her kind nursery«). Lear möchte König bleiben, aber wieder Kind sein. Und sein Narr verspottet ihn dafür: Lear habe seinen Töchtern die Rute in die Hand gedrückt und seine Hose vor ihnen heruntergelassen.
König Lear versteht sich als mächtig, männlich und gottgleich, nicht nur als Herrscher, sondern auch als Schöpfer. Eine Frau hat Lear nicht – nicht mehr. Über die Mutter seiner drei Töchter erfährt man in Shakespeares Drama nichts. In Hennebergs Libretto blitzt sie an einer einzigen Stelle kurz, aber heftig auf. Wie aus der Pistole geschossen beginnt Goneril ihre erzwungene Liebeserklärung an den Vater mit dem Bekenntnis: »Die Mutter hätte ich für dich verraten.« Nicht auszuschließen, dass Goneril damit das genaue Gegenteil dessen ausspricht, was sie tatsächlich denkt und fühlt. Nicht von der Hand zu weisen aber auch die inzestuösen Züge des Verhältnisses zwischen dem Vater und seiner ältesten Tochter.
König Lear versteht sich als mächtig, männlich und gottgleich, nicht nur als Herrscher, sondern auch als Schöpfer. Eine Frau hat Lear nicht – nicht mehr. Über die Mutter seiner drei Töchter erfährt man in Shakespeares Drama nichts. In Hennebergs Libretto blitzt sie an einer einzigen Stelle kurz, aber heftig auf. Wie aus der Pistole geschossen beginnt Goneril ihre erzwungene Liebeserklärung an den Vater mit dem Bekenntnis: »Die Mutter hätte ich für dich verraten.« Nicht auszuschließen, dass Goneril damit das genaue Gegenteil dessen ausspricht, was sie tatsächlich denkt und fühlt. Nicht von der Hand zu weisen aber auch die inzestuösen Züge des Verhältnisses zwischen dem Vater und seiner ältesten Tochter.
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Ohne Frau ist Lears schöpferische Kraft, seine Macht als Erzeuger, jedenfalls beschränkt. Den alternden König scheinen die Weitergabe und sein Vermächtnis aber gerade in dieser Phase seines Lebens, die ihn bereits an sein Ende denken lässt, besonders zu beschäftigen. Während sich Lear (bei Henneberg) dem Tod »entgegenschleppt« oder ihm (bei Shakespeare) »entgegenkrabbelt« wie ein Kind, sieht er gerade in der Nachkommenschaft eine Möglichkeit, den absoluten Tod zu umgehen. Umso grausamer fällt die Abkehr von seinen Töchtern aus, die der rasend gedemütigte Lear der Reihe nach verstößt. Goneril straft er mit einem Fluch, zu dem Aribert Reimann sich 1977 in seinen Entwürfen zur Oper notiert: »Lears Verfluchung Gonerils: Assoziationen an antikes Theater«. Lears Liebe zu seiner Tochter schlägt in abgrundtiefen Hass um und lässt ihn jeden Wunsch danach vergessen, in Gonerils zukünftigen Kindern selbst fortzuleben. Rachsüchtig ruft Lear die göttliche Natur an:
»Bann’ Unfruchtbarkeit in Gonerils Leib!
Dörre ihren Schoß aus! Muss sie gebären,
schaffe ihr ein Kind im Zorn!
Lasse es leben, damit es sie voll Bosheit peinige,
damit sie den Undank ihres Kindes fühlt.«
Dörre ihren Schoß aus! Muss sie gebären,
schaffe ihr ein Kind im Zorn!
Lasse es leben, damit es sie voll Bosheit peinige,
damit sie den Undank ihres Kindes fühlt.«
Den Schmerz, der in Lear anschwillt, als ihm klar wird, dass er nach Cordelia und Goneril auch Regan im Machtkampf an die Gegenseite verloren hat, begreift er als Mutterschmerz. Das unerträgliche Gefühl, das er im Drama »hysterica passio« nennt (von griech. hystéra »Gebärmutter«), versucht Lear mit aller Kraft zu unterdrücken. Für ihn wird Goneril im Moment des Verrats zum »Bastard«, womit er, wie schon an früherer Stelle im Stück, sämtliche schlechten Eigenschaften seiner Töchter auf ihre Mutter, genauer gesagt auf deren Untreue, zurückführt. Dass alles Weibliche in dieser Welt als niedrig gilt, zeigen auch die Vorwürfe, die Goneril ihrem Gatten, dem Herzog von Albany, macht: Sie hält ihn für einen unmännlichen, verweichlichten
»milkliver’d man«. Für König Lear wiederum gibt es nichts Unmännlicheres als Tränen. Umso schlimmer also, dass ihn der Bruch mit Goneril vor allen zum Weinen bringt. »I am asham’d that thou hast power to shake my manhood thus« gibt Lear gegenüber seiner Tochter zu. Aribert Reimann hält zu dieser Schlüsselstelle, die unmittelbar in die gewaltige Sturmszene mündet, fest:
»milkliver’d man«. Für König Lear wiederum gibt es nichts Unmännlicheres als Tränen. Umso schlimmer also, dass ihn der Bruch mit Goneril vor allen zum Weinen bringt. »I am asham’d that thou hast power to shake my manhood thus« gibt Lear gegenüber seiner Tochter zu. Aribert Reimann hält zu dieser Schlüsselstelle, die unmittelbar in die gewaltige Sturmszene mündet, fest:
»Eine zweimal 24tönige Reihe baut sich auf bis zur Totale (sieben Oktaven) bei Lears Ausbruch ›Lasst mich vor euch nicht weinen. [Lasst Tränen mich nicht entehren.]‹ Der stehende Akkord beginnt von unten herauf langsam zu vibrieren, wie ein Erdbeben. Massives Blech.«
Auf dem Weg liegt Wahnsinn
»Sie irren alle« stellt Edgar bereits in der ersten Szene der Oper fest. Und er behält recht. Lear entwickelt sich zu einer weitläufigen Betrachtung des menschlichen Irrens. Ausgehend vom großen Irrtum des Königs, der ihn Macht und Verstand kostet, begegnen wir einem weiteren Vater, dem Grafen von Gloster, der ebenfalls irrtümlich sein rechtschaffenes Kind, Edgar, verstößt. Beide Väter werden später – der eine als Wahnsinnige, der andere als Blinder – durch die Welt irren. Beide werden einem »Irren« begegnen, der sich nur als solcher ausgibt. Vom Wahn der Machtgier getrieben sind Goneril und Edmund, der uneheliche Sohn Glosters, sowie die sadistische Regan und ihr Gatte. Lear nennt sich selbst einen »old fool« und wird dennoch von einem Narren begleitet, dessen Wahnsinn darin besteht, die Wahrheit zu sagen.
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Der Narr hält Lear den Spiegel vor, doch der scheint zu eitel zu sein, um hineinzublicken. Dass der Graf von Gloster in König Lear nicht rechtzeitig sein Spiegelbild erkennt, wird auch für ihn zur persönlichen Tragödie. Erst die Blindheit bringt ihn zur Einsicht – ebenso wie Lear erst durch den Wahnsinn zum Verständnis findet. Shakespeares 1605/06 verfasstes Schauspiel lässt kaum ein Paradoxon, kaum eine Verkehrung oder Spiegelung aus. Als Hauptquellen dienten ihm zwar das Geschichtswerk Holinshed’s Chronicles (1587) und das anonyme Bühnenstück The True Chronicle History of King Leir (1605), Shakespeare erweiterte jedoch als erster Bearbeiter der alten britischen Sage die Handlung wesentlich, nämlich zum Doppeldrama. Die Vorlage für den Handlungsstrang der Familie Gloster, der zugunsten noch üblerer Intrigen mit dem der Familie Lears verwickelt wurde, hatte Shakespeare in Philip Sidneys Prosaromanze Arcadia (1590) gefunden. Das Happy End der Lear-Geschichte, das die bis dahin entstandenen Versionen dominiert hatte – Lear wird mithilfe Cordelias wieder als König eingesetzt – verweigerte Shakespeare. Abgemilderte Anpassungen, wie Nahum Tates Drama History of King Lear (1681), das die beiden »guten« Kinder Edgar und Cordelia zum Liebespaar macht, sollten sich allerdings noch bis ins 19. Jahrhundert großer Beliebtheit erfreuen.
Shakespeare verfasste seinen König Lear zwischen Othello und Macbeth, zwei der Dramen, die Giuseppe Verdi später höchst erfolgreich vertonte. Am Versuch, aus König Lear eine Oper zu machen, verzweifelte Verdi jedoch. Neben der verwickelten Handlung schreckte ihn vor allem die märchenhafte Liebesprobe ab. Nicht nur Verdi erschien Lears Grund für die Verstoßung Cordelias »kindisch« und »lächerlich«, auch Strindberg äußerte sein Unverständnis darüber und Goethe empfand ihn sogar als »so absurd, dass man seinen Töchtern nicht ganz unrecht geben kann«.
Shakespeare verfasste seinen König Lear zwischen Othello und Macbeth, zwei der Dramen, die Giuseppe Verdi später höchst erfolgreich vertonte. Am Versuch, aus König Lear eine Oper zu machen, verzweifelte Verdi jedoch. Neben der verwickelten Handlung schreckte ihn vor allem die märchenhafte Liebesprobe ab. Nicht nur Verdi erschien Lears Grund für die Verstoßung Cordelias »kindisch« und »lächerlich«, auch Strindberg äußerte sein Unverständnis darüber und Goethe empfand ihn sogar als »so absurd, dass man seinen Töchtern nicht ganz unrecht geben kann«.
Lear ist ein Monster
Auch in Aribert Reimann hatte sein Lear zehn Jahre lang gearbeitet, bevor er das Werk 1978 unter nicht geringer seelischer und geistiger Anstrengung fertigstellte. »Lear ist ein Monster« hatte er Dietrich Fischer-Dieskau entgegnet, als dieser ihm 1968 erstmals König Lear zur Vertonung vorschlug. Drei Jahre lang wehrte Reimann die Bitten Fischer-Dieskaus, dessen Korrepetitor und Liedbegleiter er zu jener Zeit war, ab. Zu groß war der Respekt vor diesem Stoff. Dennoch las Reimann Shakespeares Drama im Laufe der Jahre immer und immer wieder und musste schließlich feststellen, dass sich neben all den anderen Arbeiten eine eigene »Ablage für Lear-Gedanken« in seinem Kopf gebildet hatte. Reimann sah von da an alle weiteren, neuentstandenen Kompositionen als »Wege zu Lear«. Nachdem August Everding ihm 1975 einen Kompositionsauftrag erteilte, begann Reimann nun wirklich – sehr zur Freude Fischer-Dieskaus, für den die Titelpartie entstand –, aus dem aufgespeicherten Lear-Material zu komponieren. Reimann sammelte stetig weitere Ideen zur musikalischen Struktur und hielt einige seiner Inspirationen als Notizen fest:
»28. III. 75: Jerusalem. Höre von der Moschee die Stimme des Muezzin. Habe plötzlich die Idee, Edgar in der Heide, noch unsichtbar, eine unbegleitete Vokalise singen zu lassen, gleichsam seine veränderte Stimme, seine neue Rolle als Tom ausprobierend.«
Gemeinsam mit dem Librettisten Claus H. Henneberg erstellte Reimann eine Fassung des Klassikers, die ihm die musikdramatische Struktur und die sangbare, »komponierbare« Sprache bot, die er brauchte. Henneberg reduzierte, verzichtete auf alles, was die Musik ausdrücken konnte, fasste Bilder zusammen und schuf Simultanszenen. Für Cordelia kompilierte er aus vorhandenem Material eine neue Szene und griff an einer Stelle auch auf die etwa zur selben Zeit wie Shakespeares Drama entstandene Ballade von König Leir und seinen drei Töchtern zurück: »Er ging zu Quellen, Wald und Höh’n / und jammernd klagt’ er ihnen …« (Herrenchor, Schluss des I. Teils).
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Die Musiksprache des 20. Jahrhunderts, so schien es Reimann, konnte dem Lear-Stoff endlich gerecht werden: »Ich glaube, dass unsere Psyche, unser Denken, auch unsere Sprache durch das, was wir in unserem Jahrhundert durchgemacht haben, so offen sind für das, was sich in diesem Lear ereignet.« Die vernichtende Grausamkeit der Handlung fand geistigen Anschluss im traumatisierten Nachkriegsdeutschland, Worte wie die hasserfüllte Rede gegen die »entartete Schwester« gewannen in diesem Kontext an Härte. Reimann selbst, 1936 in Berlin geboren, hatte den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt. Er verlor seinen Bruder bei einem Bombenangriff und musste in den letzten Kriegstagen mit seiner Familie aus der Stadt fliehen. Mit diesen Erinnerungen setzte sich Reimann später in vielen – vielleicht allen – seiner Werke auseinander.
Am 22. Januar 1978 notiert Reimann erleichtert: »Heute in einem den Schlussmonolog geschrieben. Hätte es nicht länger ertragen können.« Besonders der gewaltige Klangstrudel der Sturmszene hatte ihm wochenlanges Chaos und unerträgliche Nächte bereitet.
Nach der fulminanten Uraufführung seines Lear an der Bayerischen Staatsoper war es vor allem die DDR-Erstaufführung des Werks 1983, die besonderen Eindruck beim Komponisten hinterließ. Harry Kupfers Inszenierung an der Komischen Oper Berlin deutete den Sturm als Aufbegehren der lange Unterdrückten: Diese »Unteren«, die im Schlamm leben, und »auf deren Rücken die Mächtigen ihre Kämpfe austragen«, rebellieren unter den Füßen ihrer Herrscher. Sie bringen den Boden von unten, durch das Aufbrechen von Platten, zum Bersten. Kupfer verstand Lear als »Menetekel für die heutige Welt« und endete doch mit der Vision, dass nach dieser Gesellschaft eine neue, bessere kommen könne. Aribert Reimann selbst stellte für sich fest, dass kein anderer Stoff ihm je so viele Antworten auf Fragen an seine eigene Zeit geben konnte wie Lear.
Am 22. Januar 1978 notiert Reimann erleichtert: »Heute in einem den Schlussmonolog geschrieben. Hätte es nicht länger ertragen können.« Besonders der gewaltige Klangstrudel der Sturmszene hatte ihm wochenlanges Chaos und unerträgliche Nächte bereitet.
Nach der fulminanten Uraufführung seines Lear an der Bayerischen Staatsoper war es vor allem die DDR-Erstaufführung des Werks 1983, die besonderen Eindruck beim Komponisten hinterließ. Harry Kupfers Inszenierung an der Komischen Oper Berlin deutete den Sturm als Aufbegehren der lange Unterdrückten: Diese »Unteren«, die im Schlamm leben, und »auf deren Rücken die Mächtigen ihre Kämpfe austragen«, rebellieren unter den Füßen ihrer Herrscher. Sie bringen den Boden von unten, durch das Aufbrechen von Platten, zum Bersten. Kupfer verstand Lear als »Menetekel für die heutige Welt« und endete doch mit der Vision, dass nach dieser Gesellschaft eine neue, bessere kommen könne. Aribert Reimann selbst stellte für sich fest, dass kein anderer Stoff ihm je so viele Antworten auf Fragen an seine eigene Zeit geben konnte wie Lear.
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17. September 2026
»Eine Lehrstunde in Sachen musiktheatraler Personenregie… Kosky trifft Entscheidungen, die bei allem Überzeitlichen subtil im Hier und Heute ankern. So wird Glosters flüchtiger Sohn Edgar in seiner Verkleidung als Bettler Tom zu einer queeren Figur mit BH und Glitzerhäubchen. Ein wackelig staksendes Menschenwesen, das die um die Macht im Reich streitenden Edmunds, Gonerils (Rosie Aldridge mit dem Leuchtfeuer einer Brünnhilde) und Regans (Nicole Chevaliers Strauss’scher Sahnesopran) wohl einfach zerquetschen könnten. Aber der Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen kann nicht nur fragil wie in den erschütternden "Tom friert!"-Rufen, sondern lässt auch schon die Entschlossenheit jenes Edgar durchschimmern, der seinen Halbbruder Edmund (echter Strahletenor: Brenton Ryan) zur Rechenschaft ziehen wird.«
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Ihre Kälte und ihre Selbstbeherrschung sind ihre Rüstung. […] Barrie Kosky und ich waren uns beide von Anfang an einig, dass Goneril eine weitaus interessantere Figur ist, als man ihr häufig zugesteht.
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Rosie Altridge über ihre Rollespiel als Goneril in Barrie Koskys Lear, in: Interview für ioco.de
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»Ein Ereignis der Extraklasse.«
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»Die musikalische Leitung hat Nicholas Carter, und der weiß wirklich mit dieser Musik umzugehen an diesem Ort. Großes Orchester, aber es gibt noch mal eine eigene Bühne für das Schlagwerk… Das hat dieser Musik eine treibende, eine energische Kraft gegeben. Mich hat es musikalisch unglaublich mitgerissen… das ist ungeheuer aufregende Musik. Und das hat diesen Abend wirklich getragen, zweieinhalb Stunden lang...
Es ist ein deprimierender Abend, aber Kosky schafft es, da Humor reinzubringen. Er schafft es, groteske Elemente auszuspielen, emotional sehr stark. Musikalisch wie inszenatorisch ein herausragender Abend.«
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André Mumot, DLF Kultur – Fazit, 16.09.2026
Oper im Hangar: Barrie Kosky inszeniert Aribert Reimanns »Lear« in Berlin
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Zum vierten Mal startet die Komische Oper mit einer großen Inszenierung im Flughafen Tempelhof in die Saison. Die Aufführungen an der ungewöhnlichen und spektakulären Location sind längst Highlights im Konzert- und Opern-Kalender. Barrie Kosky nimmt sich diesmal Aribert Reimanns Shakespeare-Oper »Lear« an.
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4. September 2026
Archaisches Elementartheater
Mich fasziniert, wie Reimann mit diesen zeitlosen Themen des Stoffs umgeht: eine dysfunktionale heteronormative Familie als Metapher für die ganze Welt, Macht, Machtmissbrauch, Krieg, Wahnsinn. In Lear geht es um enge zwischenmenschliche Beziehungen. Deshalb konzentriere ich mich auf die Körper, die Emotionen, die Stimmen. […] Es wird ein archaisches Elementartheater: konzentriert, ohne Schnickschnack. Der Hangar 4 ist das Bühnenbild. Wenn nur zwei Menschen in Hysterie und voller Angst über diese große Fläche laufen – das alleine ist schon Theater.
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