© Jan Windszus Photography
Vita von Virginia
Stell Sie sich vor, Sie verlieren Ihr Zuhause, nur weil Sie zur falschen Zeit als Frau geboren wurden. Vita Sackville-West kannte diesen Schmerz: Knole House, ihr geliebtes Elternhaus, ging an ihren Onkel – weil die Erbfolge nur Männer zuließ. Doch aus diesem Verlust entstand etwas Unsterbliches: Virginia Woolf, fasziniert von Vitas aristokratischer Aura, ihren „schönen Beinen“ und ihrem androgynen Charme, schenkte ihr stattdessen ein Buch: Orlando. Eine (fiktive) Biografie, die kein Geschlecht kennt, keine Zeit – und die bis heute als der „längste und bezauberndste Liebesbrief der Literatur“ gilt. Eine Einführung zur gleichnamigen Oper von Olga Neuwirth über ein Herrenhaus mit 365 Zimmern, eine Frau, die zum Mann wurde – und ein Liebesbrief, der die Literaturgeschichte veränderte.
von Sophie Jira
von Sophie Jira
Ein Herrenhaus mit so vielen Zimmern, wie das Jahr Tage hat, konnte Orlando einst sein Eigen nennen. Hier war der junge Aristokrat aufgewachsen, hier hatte er Einsamkeit und Gesellschaft genossen – oder unter beidem gelitten – und zu dichten begonnen. Als jedoch von einem längeren Aufenthalt im fernen Konstantinopel, wohin sich Orlando als königlicher Gesandter hatte versetzen lassen, eine Lady Orlando zurückkehrte, schien dem geliebten Landsitz der rechtmäßige Eigentümer abhandengekommen zu sein. So zumindest die Meinung einiger Juristen. Kaum zurück auf englischem Boden, musste Orlando also feststellen, dass während ihrer Abwesenheit mehrere Gerichtsprozesse um ihr Gut eröffnet worden waren: Die Hauptvorwürfe, die im Verfahren gegen sie erhoben wurden, lauteten, dass »sie (erstens) tot sei und daher keinen irgendwie gearteten Besitz und Eigentum geltend machen könne« sowie dass »sie (zweitens) eine Frau sei« – was in etwa auf das Gleiche hinauskam.
Orlando
Eine fiktive musikalische Biografie [2019]
Libretto von Catherine Filloux und Olga Neuwirth
nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf
Premiere am 16. Mai 2026
Vita Sackville-West, geboren 1892 auf dem Landsitz Knole in der Grafschaft Kent, legte großen Wert auf die Feststellung, dass ihr geliebtes Elternhaus nicht nur über 365 Zimmer verfügte, sondern auch über 52 Treppen – so viele, wie das Jahr Wochen hat – und sieben Höfe – so viele, wie die Woche Tage. Knole House wäre damit ein sogenanntes »Kalenderhaus«. Wenn auch nicht ganz wahrheitsgetreu, so gehört die besondere Arithmetik immerhin zu den charmantesten Legenden, die Vita in ihrer Familiengeschichte Knole and the Sackvilles (1922) zu erzählen wusste. Als Vitas Vater, der 3. Baron Sackville, im Jahr 1928 verstarb, bedeutete dies allerdings einen riesigen Verlust für sein einziges Kind: Vita konnte als Frau den Landsitz nicht erben, da die männliche Erbfolge galt. Ihr Onkel Charles erhielt Knole House, was Vita ein Leben lang nicht verwinden würde. Noch in den 1950er Jahren beklagte sie, als Mädchen, und nicht als Junge geboren worden zu sein. Dass Orlandos Herrenhaus dem der Sackvilles gleicht und Vitas Verlust dem von Lady Orlando, ist kein Zufall. Virginia Woolf hatte Knole and the Sackvilles mit Begeisterung gelesen und ihrer Geliebten Vita 1928 den, wie Vitas Sohn Nigel ihn später nannte, »längsten und bezauberndsten Liebesbrief der Literaturgeschichte« geschrieben: die fiktive Biografie Orlando. Bis heute befindet sich das Manuskript, das Virginia mit der Widmung »Vita from Virginia« versah und der Widmungsträgerin schenkte, in Knole House. Virginia hatte Orlando mit lila Tinte verfasst, der Farbe, die ihrem Tagebuch, ihren Manuskripten und ihren Liebesbriefen vorbehalten war.
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Ein vortrefffliches Sujet
Vita Sackville-West hatte 1913 in der Kapelle von Knole House den Diplomaten Harold Nicolson geheiratet, mit dem sie eine unkonventionelle, aber innige Ehe führte: Beide hatten zahlreiche Affären, meist mit Personen des eigenen Geschlechts, liebten und verehrten einander aber dennoch zutiefst. Vita und Virginia trafen erstmals 1922 bei einem Abendessen, zu dem Virginias Schwager Clive Bell geladen hatte, aufeinander. Vita, damals 30 Jahre alt, war zu dieser Zeit bereits eine durchaus angesehene Autorin von Novellen, Romanen und Dramen. Virginia, zehn Jahre älter, lebte in einer platonischen Ehe mit dem Schriftsteller Leonard Woolf, mit dem sie 1917 einen eigenen Verlag, die Hogarth Press, gegründet hatte. Ihre größten Erfolge, darunter Mrs Dalloway, To the Lighthouse und The Waves, standen ihr noch bevor. Am Tag nach dem Dinner hielt Virginia ihren ersten Eindruck von Vita in einem Tagebucheintrag fest:
»Mein Kopf ist so benommen, dass ich nicht klar denken kann. Der Grund dafür ist teils das Essen gestern Abend bei Clive, wo ich die reizende, begabte, aristokratische Sackville-West kennenlernte. Nicht nach meinem eher strengen Geschmack – bunt, Oberlippenbart, laute Farben, mit der unbefangenen Geschmeidigkeit der Aristokratie, aber ohne den Geist des Künstlers. […] Sie ist ein Grenadier, hart, attraktiv, männlich, mit Neigung zum Doppelkinn.«
Wenige Tage nach dem ersten Treffen berichtete auch Vita ihrem Mann Harold von der Begegnung mit Virginia:
»Ich verehre Virginia Woolf einfach und das würdest du auch tun. Sie würde dich glatt umwerfen. […] Mrs Woolf wirkte ganz schlicht, aber sie erweckt den Eindruck von etwas Großem. Sie ist völlig unaffektiert, äußerlich ohne jedes schmückende Beiwerk – ihr Bekleidungsstil ist ziemlich schauerlich. […] Sie ist sowohl zurückhaltend als auch menschlich, sie schweigt, bis sie etwas sagen möchte, und dann sagt sie es auf vollendete Weise. Sie ist ziemlich alt. Ich habe nur selten so eine Anziehung zu einem Menschen empfunden, und ich glaube, sie mag mich. Zumindest hat sie mich nach Richmond eingeladen, wo sie lebt. Liebling, ich habe ganz mein Herz verloren.«
»Mein Kopf ist so benommen, dass ich nicht klar denken kann. Der Grund dafür ist teils das Essen gestern Abend bei Clive, wo ich die reizende, begabte, aristokratische Sackville-West kennenlernte. Nicht nach meinem eher strengen Geschmack – bunt, Oberlippenbart, laute Farben, mit der unbefangenen Geschmeidigkeit der Aristokratie, aber ohne den Geist des Künstlers. […] Sie ist ein Grenadier, hart, attraktiv, männlich, mit Neigung zum Doppelkinn.«
Wenige Tage nach dem ersten Treffen berichtete auch Vita ihrem Mann Harold von der Begegnung mit Virginia:
»Ich verehre Virginia Woolf einfach und das würdest du auch tun. Sie würde dich glatt umwerfen. […] Mrs Woolf wirkte ganz schlicht, aber sie erweckt den Eindruck von etwas Großem. Sie ist völlig unaffektiert, äußerlich ohne jedes schmückende Beiwerk – ihr Bekleidungsstil ist ziemlich schauerlich. […] Sie ist sowohl zurückhaltend als auch menschlich, sie schweigt, bis sie etwas sagen möchte, und dann sagt sie es auf vollendete Weise. Sie ist ziemlich alt. Ich habe nur selten so eine Anziehung zu einem Menschen empfunden, und ich glaube, sie mag mich. Zumindest hat sie mich nach Richmond eingeladen, wo sie lebt. Liebling, ich habe ganz mein Herz verloren.«
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Zunächst ist Virginia noch weniger von Vitas Persönlichkeit als vielmehr von ihren »schönen Beinen« angetan – eine Bemerkung, die über die nächsten Jahre immer wieder in ihrer Korrespondenz auftauchen wird und die sich auch Queen Elisabeth I. nicht verkneifen kann, als sie Orlando zum ersten Mal sieht: Nur zu gern blättert die pockenvernarbte, vor der Zeit gealterte Königin im »Katalog jugendlicher Schönheit« und erkennt an Orlando das »prachtvollste Paar Beine, auf denen ein junger Mann stehen kann«. Vor allem Vitas aristokratische Lebensart und ihr androgyner Charme sind es, die zunehmend Eindruck auf Virginia machen: »Mir gefällt, wie hochwohlgeboren sie ist; & sie ist es wirklich; eine vollkommene Dame«, Vita sei gleichzeitig aber auch »von einer männlichen Vernunft & Schlichtheit«. Als Vita und Harold den Woolfs im Februar 1923 einen Überraschungsbesuch abstatten, notiert Virginia in ihr Tagebuch: »Sie ist eine ausgesprochene Sapphistin & wirft vielleicht, meint Ethel Sands, ein Auge auf mich, obwohl ich alt bin.« Ab 1923 schreiben Vita und Virginia einander Briefe, über Literatur, Neuigkeiten aller Art und Virginias häufige Krankheiten: Immerhin stehe ihr ein ganzes »Krankheitsgruselkabinett« voller Migräne, Grippe, Zahnschmerzen, Nervenzusammenbrüchen und Depression zur Verfügung. Ihren intensiven Briefwechsel setzen die beiden Frauen bis zu Virginias Selbstmord im Jahr 1941 fort. Im Sommer 1924 besucht Virginia Knole und ist hingerissen von Vitas geschichtsträchtigem Elternhaus:
»Man durchwandert meilenlange Galerien; überspringt unzählige Schätze – Stühle, auf denen Shakespeare gesessen haben könnte – Tapisserien, Gemälde, Fußböden aus halben Eichen; […] Dann ist da Mary Stuarts Altar, an dem sie vor ihrer Hinrichtung gebetet hatte. ›Einer unserer Vorfahren überbrachte ihr das Todesurteil‹, sagte Vita. Die ganzen Vorfahren & Jahrhunderte & Silber & Gold haben einen vollendeten Körper hervorgebracht. Sie hat etwas von einem Hirsch oder einem Rennpferd, abgesehen von ihrem Schmollgesicht.«
»Man durchwandert meilenlange Galerien; überspringt unzählige Schätze – Stühle, auf denen Shakespeare gesessen haben könnte – Tapisserien, Gemälde, Fußböden aus halben Eichen; […] Dann ist da Mary Stuarts Altar, an dem sie vor ihrer Hinrichtung gebetet hatte. ›Einer unserer Vorfahren überbrachte ihr das Todesurteil‹, sagte Vita. Die ganzen Vorfahren & Jahrhunderte & Silber & Gold haben einen vollendeten Körper hervorgebracht. Sie hat etwas von einem Hirsch oder einem Rennpferd, abgesehen von ihrem Schmollgesicht.«
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Vitas Familiengeschichte, die türkischen Gewänder, in denen sie durch die Galerie in Knole House stolzierte sowie Vitas abenteuerliche Reise nach Persien 1927 inspirieren Virginia zu einem neuen Werk:
»eine Biografie, die im Jahr 1500 beginnt & bis zum heutigen Tag führt, Orlando genannt: Vita; nur mit einer Umwandlung aus einem Geschlecht in ein anderes. Ich glaube, ich werde, mir zum Vergnügen, mir eine Woche nehmen, um das hinzufetzen.«
Doch das Buch wird umfangreicher als gedacht. Ehe Virginia sich in die monatelange Arbeit daran stürzt, bittet sie Vita um Erlaubnis, sie in der Titelfigur verewigen zu dürfen:
»Aber hör zu: angenommen, es stellt sich heraus, dass Orlando Vita ist und nur von dir handelt und den Lüsten Deines Fleisches und den Verlockungen deines Geistes […] – angenommen, es gibt da den Schimmer von Realität, der meinen Figuren manchmal anhaftet, wie der Glanz auf einer Austernschale [...]. Wird es dir etwas ausmachen? Sag Ja oder Nein; Deine Vortrefflichkeit als Sujet beruht hauptsächlich auf Deiner adeligen Geburt und der sich daraus ergebenden Gelegenheit für Unmengen blumiger Textpassagen. Außerdem gebe ich zu, dass ich Lust hätte, einige sehr seltsame, widersprüchliche Strähnen in Dir zu entflechten und neu zu zwirnen.«
»eine Biografie, die im Jahr 1500 beginnt & bis zum heutigen Tag führt, Orlando genannt: Vita; nur mit einer Umwandlung aus einem Geschlecht in ein anderes. Ich glaube, ich werde, mir zum Vergnügen, mir eine Woche nehmen, um das hinzufetzen.«
Doch das Buch wird umfangreicher als gedacht. Ehe Virginia sich in die monatelange Arbeit daran stürzt, bittet sie Vita um Erlaubnis, sie in der Titelfigur verewigen zu dürfen:
»Aber hör zu: angenommen, es stellt sich heraus, dass Orlando Vita ist und nur von dir handelt und den Lüsten Deines Fleisches und den Verlockungen deines Geistes […] – angenommen, es gibt da den Schimmer von Realität, der meinen Figuren manchmal anhaftet, wie der Glanz auf einer Austernschale [...]. Wird es dir etwas ausmachen? Sag Ja oder Nein; Deine Vortrefflichkeit als Sujet beruht hauptsächlich auf Deiner adeligen Geburt und der sich daraus ergebenden Gelegenheit für Unmengen blumiger Textpassagen. Außerdem gebe ich zu, dass ich Lust hätte, einige sehr seltsame, widersprüchliche Strähnen in Dir zu entflechten und neu zu zwirnen.«
Eine fiktive Biografie
Mit Orlando schuf Virginia Woolf ein ironisches Kunstwerk, eine verspielte Biografie, die das Genre parodiert und zumindest zum Teil als »Persiflage« gedacht war. Die Biografin, die sich im Text immer wieder selbst thematisiert und gerne Erklärungen zu frei erfundenen Quellenlagen einschiebt, gibt sich den Anschein des Seriösen und spielt doch freimütig mit ihrer Rolle zwischen Historikerin und Voyeurin. Virginia will die »Balance zwischen Wahrheit & Fantasie sorgfältig wahren« und webt historische Ereignisse wie den Großen Frost des Jahres 1608 ebenso in die Handlung ein wie private Details aus Vitas Liebesleben: »Morgen beginne ich das Kapitel, das beschreibt, wie Violet und du euch auf dem Eis begegnet«, lässt sie Vita im Oktober 1927 wissen. Violet Trefusis, eine Jugendfreundin und Geliebte Vitas, dürfte damit als Vorbild für die Begegnung Orlandos mit der russischen Prinzessin Sasha auf der zugefrorenen Themse gedient haben. Vita hatte sich auf Reisen mit Violet beim Ausgehen gerne als Mann verkleidet. Und auch Orlando hält Sasha, in russischer Tunika und langen Hosen auf Schlittschuhen, erst für einen Knaben: »Orlando war bereit dazu, sich die Haare auszureißen aus Kummer darüber, dass die Person seinem eigenen Geschlecht angehörte und alle Umarmungen daher außer Frage standen.« Auch Lady Orlando lebt ihr Faible für Crossdressing aus, wechselt nach Laune zwischen Kniehosen, Taftkleid und türkischen oder chinesischen Unisex-Gewändern.
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Der große Geist ist androgyn
In jedem Menschen gäbe es ein »Schwanken zwischen dem einen oder anderen Geschlecht«, stellt die Biografin fest. Mit derselben Gelassenheit wie Orlando, die nach siebentägiger Trance ihr plötzlich weibliches Spiegelbild ohne jede Fassungslosigkeit oder Überraschung betrachtet, haben auch die Leser:innen Orlandos bemerkenswerte Verwandlung zur Kenntnis zu nehmen. Dabei ist der Vorzug einer Titelfigur, Mann und Frau zu sein, in der Gattung des Romans – und noch vielmehr in der der Biografie – ein vollkommen neuer. »Es ist tödlich für jede Person, die schreibt, sich bewusst zu sein, dass man Mann oder Frau ist«, befand Virginia Woolf. »Nur die androgyne Seele« mit männlichen und weiblichen Anteilen würde literarisches Genie ermöglichen. Alle großen Schriftsteller:innen, angefangen bei Shakespeare, seien androgyn gewesen, verkündete Woolf im zeitgleich zu Orlando entstandenen Essay A Room of One’s Own. Orlando, die Verkörperung des androgynen Dichtergeistes, kann so als Metapher für dieses literarische Prinzip gelten.
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Am 20. März 1928 meldet Virginia schließlich an Vita: Orlando ist fertig!
»Werden sich meine Gefühle für dich ändern? Ich habe so viele Monate in dir gelebt. – Nun komme ich wieder heraus und wie bist Du wirklich? Gibt es dich? Habe ich dich erfunden?«
Nach der Lektüre von Orlando fühlt sich Vita unendlich geehrt und vergleicht die ihr gewidmete Biografie mit einem »Umhang, der mit Edelsteinen besetzt und Rosenblütenblättern bestreut ist«. An Virginia schreibt sie:
»Im Augenblick kann ich nichts anderes sagen, als dass ich vollständig verwirrt, verzaubert, hingerissen, gebannt bin. Es scheint mir das schönste, weiseste, reichste Buch zu sein, das ich je gelesen habe. […] Du hast auch eine neue Form des Narzissmus erfunden – muss ich gestehen – ich bin in Orlando verliebt – das ist eine Komplikation, die ich nicht vorausgesehen hatte.«
»Werden sich meine Gefühle für dich ändern? Ich habe so viele Monate in dir gelebt. – Nun komme ich wieder heraus und wie bist Du wirklich? Gibt es dich? Habe ich dich erfunden?«
Nach der Lektüre von Orlando fühlt sich Vita unendlich geehrt und vergleicht die ihr gewidmete Biografie mit einem »Umhang, der mit Edelsteinen besetzt und Rosenblütenblättern bestreut ist«. An Virginia schreibt sie:
»Im Augenblick kann ich nichts anderes sagen, als dass ich vollständig verwirrt, verzaubert, hingerissen, gebannt bin. Es scheint mir das schönste, weiseste, reichste Buch zu sein, das ich je gelesen habe. […] Du hast auch eine neue Form des Narzissmus erfunden – muss ich gestehen – ich bin in Orlando verliebt – das ist eine Komplikation, die ich nicht vorausgesehen hatte.«
#KOBOrlando
11. Mai 2026
Tausende Ichs
Mezzosopranistin Ema Nikolovska und Dirigent Johannes Kalitzke im Gespräch über Ambivalenzen, Schieflagen und den Griff in die Spielzeugkiste
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Interview
11. Mai 2026
Natur und Erwartung
Eine Eiche stürzt um, wenn das Herz bricht. Aus ihrem Holz wächst etwas Neues. So erzählt Regisseurin Ewelina Marciniak von Veränderung in ihrer Inszenierung Orlando: nicht als Skandal, sondern als Natur. Als etwas, das einfach geschieht — im Körper, in der Geschichte, auf der Bühne. Doch das so Selbstverständliche stetigen Wandels zu einem Leben in Vielfalt ist mehr denn je bedroht: 2019 wirkte Olga Neuwirths Oper Orlando noch wie eine albtraumhafte Warnung vor einer Realität, die längst eingetreten ist: der wütende, von Rechtspopulisten angetriebene Mob ist kein Fantasiebild mehr. An der Komischen Oper Berlin kämpft Virginia Woolfs unsterbliche Figur Orlando deshalb immer noch gegen unzeitgemäße Fragen: Wer darf über sich sprechen, wer darf wen lieben, wer darf sich verändern — ohne sich dafür erklären zu müssen?
#KOBOrlando
Interview
30. April 2026
Im letzten Teil der Oper tritt eine Anspielung auf Donald Trump auf, doch wird er nicht wörtlich als er selbst dargestellt, sondern durch Mutanten verkörpert, die sich seiner Slogans und der Sprache der Selbstinszenierung bedienen.
Auf sehr treffende Weise zeichnet Olga Neuwirth hier ein Bild des gegenwärtigen Populismus und Nationalismus. Sie zeigt, wie gefährlich Politik wird, wenn sie sich in ein Spektakel verwandelt und beginnt, auf gesellschaftlicher Angst sowie auf der Ausgrenzung anderer zu basieren.
Auf sehr treffende Weise zeichnet Olga Neuwirth hier ein Bild des gegenwärtigen Populismus und Nationalismus. Sie zeigt, wie gefährlich Politik wird, wenn sie sich in ein Spektakel verwandelt und beginnt, auf gesellschaftlicher Angst sowie auf der Ausgrenzung anderer zu basieren.
Regisseurin Ewelina Marciniak über ihre Neusinszinierung von Olga Neuwirths Oper Orlando, in: Corinna Kolbe: Abgesang auf das Patriarchat, Tagesspiegel Spielzeit von 24.04.2026
#KOBOrlando
30. April 2026
Dazwischen und außerhalb
Eine Soiree zum Phänomen Orlando am 26. Mai 2026
Aus Anlass des Magnus Hirschfeld Tages, des Deutschen Diversity-Tages und der Premiere von Olga Neuwirths Oper Orlando widmet sich die Komische Oper Berlin in Kooperation mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld dem Thema Genderfluidität in einer Soiree: Mit der Literaturwissenschaftlerin Karoline Strauch und dem Medizinhistoriker Rainer Herrn sprechen wir über Queer Modernism, Woolfs Klassiker und die Geschichte der frühen Sexualwissenschaft. Was hätten Virginia Woolf und Magnus Hirschfeld einander zu erzählen gehabt? Und wie wird Orlando heute gelesen? Die an der Neuproduktion beteiligten Sänger:innen Ema Nikolovska (Orlando) und Kevin(a) Taylor (Orlando’s Child) rahmen den Abend mit einer Reise durch Zeit, Stil und Identitäten musikalisch ein.
#KOBOrlando
29. April 2026
Ich finde spannend, wie Olga Neuwirth die vielen Facetten der Hauptfigur Orlando zum Ausdruck bringt. Wie vielseitig sie für die Stimme schreibt und wie sie Elektronik einsetzt. Sie bringt klanglich unterschiedliche Epochen zusammen: Renaissance, Barock, Pop, Rock, Noise, Experimental. Das ist eine Vielschichtigkeit, die der Figur Orlando entspricht. […] Die Partie ist musikalisch wie ein Kaleidoskop. Es geht um Freiheit, darum, dass Identität ein Prozess ist. Das ist in Orlando zu hören.
Mezzosopranistin Ema Nikolovska über die Neuinszenierung von Olga Neuwirths Oper »Orlando« im Interview zusammen mit Regisseurin Ewelina Marciniak: Siegessäule, Mai 2026: Wann ist das schon möglich auf der Openbühne?
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