Gepflegte Beatmusik

Die DDR-Unterhaltungsmusik zwischen Freiheit und Lenkung

von Wolfgang Behrens
»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« Dieser Satz, den der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 bei einer Pressekonferenz fallen ließ, ist zu trauriger Be- rühmtheit gelangt, weil er sich schon zwei Monate später als grobe Unwahrheit herausstellen sollte: Im August 1961 begann die DDR in Windeseile Grenzanlagen hochzuziehen, einen »antifaschistischen Schutzwall« und damit eben jene Mauer, die Deutschland nahezu 30 Jahre trennen sollte. Die rhetorische Figur des »Niemand hat die Absicht …« und verwandter Prägungen sollte spätestens seit diesem Tag Anlass zu höchstem Misstrauen geben.

Mokka-Hits und Milchbarträume


Ein Kessel Buntes unter Druck

Eine Revue [2026]
Premiere am 14. Juni 2026
Insofern musste bei denjenigen, die sich von einem Satz adressiert fühlten, den das damalige Politbüro-Mitglied Erich Honecker im Dezember 1965 beim 11. Plenum des Zentralkomitees der SED äußerte, sofort die Alarmglocken läuten: »Niemand in unserem Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beatmusik.« Ach ja? Wenn dem so gewesen wäre, hätte es gar keiner Erwähnung bedurft. Tatsächlich läutete das 11. Plenum eine kulturelle Eiszeit in der DDR ein, nicht zuletzt Erich Honecker profilierte sich im Verlauf des Plenums als Ankläger von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlichster Couleur – und neben Mitgliedern der schreibenden Zunft bekam schließlich auch die Jugendkultur ihr Fett weg. Honecker kritisierte den gerade erst gegründeten DDR-Jugend-Radiosender DT64, der in seinem Programm einseitig die Beatmusik propagiere. Hinzu komme, so Honecker, »dass es im Zentralrat der Freien Deutschen Jugend eine fehlerhafte Beurteilung der Beatmusik gab. Dabei wurde übersehen, dass der Gegner diese Art Musik ausnutzt, um durch die Übersteigerung der Beatrhythmen Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. Der schädliche Einfluss solcher Musik auf das Denken und Handeln von Jugendlichen wurde grob unterschätzt.« Kurze Zeit zuvor hatte das DDR-Fernsehen die Gelegenheit gehabt, ausführlich über einen solchen Exzess zu berichten, denn dass in der West-Berliner Waldbühne die Besucher:innen eines Rolling-Stones-Konzerts die Veranstaltungsstätte regelrecht in ihre Bestandteile zerlegten, wurde genüsslich als Verfallssymptom des Kapitalismus ausgeschlachtet.
Aber gegen eine »gepflegte Beatmusik« sei nichts einzuwenden – und gewissermaßen lieferte Honecker damit ein Leitmotiv für die gesamte Geschichte der Unterhaltungsmusik in der DDR, die sich immer zwischen den Polen der politischen Lenkung und dem Erkämpfen von Freiräumen bewegte. Diese Spannung bestand von Anfang an, sie war bereits mit der Staatsgründung im Jahr 1949 angelegt. Der spätere Intendant der Berliner Staatsoper Hans Pischner, der von 1950 bis 1954 als Leiter der Hauptabteilung Musik beim DDR-Rundfunk fungierte, suchte damals nach eigenem Bekunden »in der Diskussion um zeitgemäße Tanzmusik lange nach einer tragfähigen, niveauvollen Konzeption. Die Gefahr bestand, von einem Extrem ins andere zu fallen. Einerseits die Verbindung zur breiten Hörerschaft nicht zu verlieren und auf deren Wünsche einzugehen, andererseits eine eigenständige stilistische und künstlerische Linie zu finden, war das ehrgeizige Ziel.« Die schon früh beschworene Gefahr – vor der auch Pischner implizit warnt – bestand in der vermeintlichen Dekadenz der Schlager aus dem Westen, vor der die SED die Bevölkerung glaubte beschützen zu müssen. In der Praxis sah es freilich in den 1950er Jahren anders aus: Das bereits 1947 – noch im sowjetisch besetzten Sektor Berlins – gegründete und 1954 verstaatlichte Label Amiga presste nicht nur Schallplatten von DDR-Unterhaltungskünstler:innen, sondern auch von solchen aus dem Westen, etwa von Evelyn Künneke oder Bully Buhlan. Auch Cover-Versionen von Songs aus dem Westen waren in der DDR im Umlauf – und die ideologisch linientreue Zeitschrift Melodie und Rhythmus musste sogar beklagen, dass sich auch Schlager aus der DDR »an kitschigen, verlogenen und primitiven Texten westlicher Massenfabrikation« orientierten.

Dem Parteiapparat der SED gelang es offenkundig nicht, die Unterhaltungsmusik-Szene durch Verbote in den Griff zu bekommen (schon 1950 hatte man etwa die Präsentation angloamerikanischer Tanzmusik in der Öffentlichkeit untersagt), also verlegte man sich darauf, positive Beispiele zu setzen. Auf der 1. DDR-Tanzmusikkonferenz in der Bergbaustadt Lauchhammer wurde 1959 eine eigens entwickelte sozialistische Alternative zum Rock ’n’ Roll präsentiert, der nach seiner Entstehungsstadt Leipzig benannte »Lipsi«, ein durchaus charmanter Tanz im etwas forciert wirkenden 6/4-Takt, dem jedoch kein dauerhafter Erfolg beschieden sein sollte. Wirklich einzuhegen war dieses Gebiet also nicht. Und schlimmer noch: In den Texten der Künstler:innen, die man im weitesten Sinne der Unterhaltungsmusik zuordnete, konnten Gedanken zum Ausdruck kommen, die dem SED-Regime alles andere als genehm waren. Einer der erfolgreichsten Künstler des Labels Amiga etwa war Manfred Krug, der einmal vermutete, dass die Hälfte der Leute wegen seiner Sprüche in seine Konzerte kam. Dass Manfred Krug dann auch im wegen »antisozialistischer Tendenzen« abgesetzten DEFA-Film Spur der Steine die Hauptrolle spielte, passte ebenso ins Bild wie seine Freundschaft zum Liedermacher Wolf Biermann. Letzteren trafen die Folgen des erwähnten 11. Plenums des Zentralkomitees der SED besonders hart: Er wurde mit Auftrittsverbot belegt. Elf Jahre später wurde Biermann anlässlich eines Konzertauftritts in Köln, also in der Bundesrepublik, ausgebürgert – ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der DDR, das für viele heute als der Anfang des Endes der DDR gilt. Zu den Erstunterzeichner:innen des Protestes gegen die Ausbürgerung zählte auch Manfred Krug – ein Exodus von Intellektuellen und Künstler:innen folgte. Auf seltsame Weise ist der Untergang der DDR eng mit ihrer Unterhaltungsmusik verknüpft.
Es schwante aber auch der DDR-Führung irgendwann, dass die Beatmusik – sei sie nun gepflegt oder nicht – nicht aufzuhalten war. Man trug dem schon 1953 Rechnung, indem man die Rundfunksendung Schlagerlotterie, später in Schlagerrevue umbenannt, ins Leben rief (sogar hier gab es anfangs noch Schlager aus Ost und West gleichermaßen zu hören). Das vielleicht größte Zugeständnis an den nicht anders einzufangenden Massengeschmack bestand jedoch 1972 in der Einführung der Fernsehshow Ein Kessel Buntes, die von nun an alle zwei Monate aufwendig produziert im DDR-Fernsehen zu sehen war – und sogar Auftritte von West-Künstler:innen zuließ. Ironischerweise erfolgte die erste Ausstrahlung der Show ausgerechnet im ersten Jahr nach der Machtübernahme Erich Honeckers in der DDR, jenes Mannes also, der sich noch wenige Jahr zuvor so kategorisch gegen die Unterhaltungs- und Beatmusik positioniert hatte.

Der große, in der DDR geborene und in die Bundesrepublik geflüchtete Schriftsteller und Theaterregisseur Einar Schleef schrieb in dieser Zeit sein erstes Theaterstück, das heute unter dem Titel Berlin ein Meer des Friedens bekannt ist, ursprünglich aber Ein Kessel Buntes hieß. In seinem Tagebuch notiert Schleef:

Honecker schenkt der Bevölkerung die Liveübertragung aus dem Friedrichstadtpalast. Geladene Gäste, ausgezeichnete Kollektive als Zuschauer. Höhepunkt Westinterpreten. Nach den ersten Sendungen Auseinandersetzungen im NEUEN DEUTSCHLAND: Harte Devisen für Kitsch! Das Programm wird variiert, in den Finalen sowjetische Ensembles und Klassisches Ballett eingesetzt. Die Intershopware verpackt. Nach Dieter Thomas Hecks SCHLAGERPARADE starten die Sänger von Westberlin in den KESSEL BUNTES, 2. Auftritt. Nach 77 nimmt das Programm eindeutig Kurs auf die Ulbricht-Devise: Überholen ohne Einzuholen. Angleichung. Die Sendereihe wird zum offiziellen Gradmesser des Westimports.

­KOBMokkaHits

09.06.2024

Ausgrabung mit Kult-Potenzial

Die Musik ist grandios. Da stimmt alles. Das Tempo und das Timing, die schlagertauglichen Nummern. Alles da und sogar auf Weltniveau, wie es in der DDR immer so schön illusorisch hieß. Und es wird auf dem üblichen Niveau des Hauses von Adam Benzwi von einer Formation des Orchesters der Komischen Oper für das Zelt zündend serviert. ... Gisa Flake gibt die Titelrolle nicht nur schauspielerisch überzeugend als Melange aus Original und Sympathieträgerin, sie singt auch noch fabelhaft. Maria-Danaé Bansen stellt sowohl ihre atemberaubende Berliner Schnauze als auch ihr Sexappeal der Sekretärin Kulicke zur Verfügung. Thorsten Merten ist wie geschaffen für diesen Kuckuck, Andreja Schneider ein Musterbeispiel für den dosierten Einsatz eines weiblichen Selbstbewusstseins, wie man es wohl gerne mehr gehabt hätte.
Roberto Becker, Die Deutsche Bühne
#KOBGisela
09.06.2024

DDR-Operette im Theaterzelt vorm Roten Rathaus: Nadelöhr der Liebe

Ranischs verspielte Version lebt von der Diversität seiner Darsteller, die allesamt echte Charaktere sind, schräge Typen, weit entfernt von der hochprofessionellen Austauschbarkeit der Casts im Kommerzmusical amerikanischer Prägung. Hier treffen singende Schauspieler wie Nico Holonics, Thorsten Merten und Martin Reik auf Andreja Schneider von den Geschwistern Pfister und Johannes Dunz aus dem Komische-Oper-Ensemble. Für Theo Rüster hat Ranisch aus zwei Nebenrollen die schwule Inge erfunden. ... Im Fokus aber stehen zwei fantastische Frauen: einerseits Gisa Flake als uneitle, sturköpfige Titelheldin mit Power-Präsenz, andererseits Maria-Danae Bansen als platinblonde, brachial berlinernde Chefsekretärin Margueritta Kulicke.
Frederik Hanssen, Der Tagesspiegel
#KOBGisela
29.10.2023

Killer-Girls rocken den Knast

Katharine Mehrling als berlinernde Göre Roxy röhrt, tanzt, singt, bettelt, lügt, jammert, gewinnt und verliert einfach hinreißend, ebenso Ruth Brauer-Kvam, ihre Schicksalsschwester Velma, ruchlos, neidisch, böse und geschockt.
Maria Ossowski, rbb24/ARD
#KOBChicago #Vaudeville #Musical
29.10.2023

Unmoral siegt!

...hier kickt bald der Musical-Drive, den so nur die Komische Oper kann, groovt das Orchester unter Adam Benzwi besonders lässig und jazzy, reißt es das Publikum am Ende von den Sitzen.
Georg Kasch, Nachtkritik
#KOBChicago #Vaudeville #Musical
29.10.2023

Barrie Kosky zeigt die Welt als eine selbstverliebte Show

Nach fünf Minuten weiß man in der Premiere bereits, dass das Ensemble der Komischen Oper in seiner Interimsspielstätte Schillertheater angekommen ist. ... Es gibt Applaus auf offener Szene. Das geht den dreistündigen Abend über so weiter.
Volker Blech, Berliner Morgenpost
#KOBChicago #Vaudeville #Musical
29. Mai 2023
»Eine schöne Idee, dem großartigen Aryeh Nussbaum Cohen nach dem Schlusschor noch ein Lied von Herbert Howells anzuvertrauen... Es zeigt Cohen als einen Altus von einzigartigem Schmelz... Rupert Charlesworths Tenorstimme verbindet Klarheit und Unbedingtheit zu einer sprechenden vokalen Geste. Ebenso leuchtet aus Nadja Mchantafs Sopran die reine und einfache Zuneigung der Michal zu David... Dazu kommt ein fantastisch wendiger, klein besetzter, aber wunderbar präsenter Chor, den David Cavelius im Sinne bester britischer Chöre einstudiert hat. Seine Leistung im letzten Bild mit einzeln verlöschenden Einsätzen, der ergreifenden Klage und dem Aufschwung zum Jubelchor formt eine der eindrucksvollsten Chorszenen, die man in den letzten Jahren in Berliner Opernhäusern hören konnte.«
Händels »Saul«: Eine der eindrucksvollsten Chorszenen der letzten Jahre
Peter Uehling, Berliner Zeitung
#KOBSaul
28. Mai 2023

»Ranisch erzählt die Geschichte erfrischend neu ... am Ende stürmischer Beifall für alle. Für Dirigent David Bates und sein furioses Orchester. Beifall für den Chor und die allesamt stimmgewaltigen Solisten. Beifall auch für den Regisseur, der künftig weiter am Haus arbeiten wird. Ein Riesen-Erfolg, um in der Bildsprache zu bleiben.«
Komische Oper: Vor dem Umzug noch ein Highlight — mit »Saul«
Peter Zander, Berliner Morgenpost
#KOBSaul
31. Januar 2015
Damit ist in dieser Aufführung tatsächlich alles drin, von überdrehtem Tingel-Tangel bis zur eindringlichen Jazz-Ballade. Dieser Abend hat Sogwirkung, ist ganz großes Theater, eine Sternstunde der Saison.
Virtuoser Schleudergang
Eckhard Weber, Siegessäule
#KOBEineFrau