O Poor Heart

Über Tod, Teufel und das Wandern durch den Underground

von Sophie Jira
Franz Schubert und Nick Cave: Der im Wien des Biedermeier früh verstorbene Romantiker und West-Berlins best dressed Pessimist der 1980er reichen sich in den dunklen Abgründen ihrer Musik die Hände. Beide kultivierten ein epochales Traurigsein. Beide sind durch ihr herausragendes musikalisches Gespür für menschliche Ausweglosigkeit zu Meistern der klingenden Todesahnung geworden. Bei aller Liebe zur Melancholie verbindet die beiden Künstler aber auch eine unfassbare Produktivität: So komponierte Franz Schubert in den knapp 19 Jahren seines künstlerischen Schaffens trotz jahrelanger Krankheit rund 1000 Werke, darunter Opern, Sinfonien, geistliche und Kammermusik sowie über 600 Lieder. Und auch ein Vierteljahrhundert Heroinsucht konnte Nick Cave nicht davon abhalten, allein mit seiner Band Nick Cave and the Bad Seeds 18 Alben aufzunehmen, mehrere Romane, Drehbücher, zahlreiche Gedichte und Filmmusiken zu schreiben.

Cave meets Schubert


Sinfoniekonzert

Programm

Nick Cave and The Bad Seeds
Tender Prey (arrangiert für Orchester)

Hans Zender [1936-2019]
Schuberts »Winterreise«, Eine komponierte Interpretation für Tenor und kleines Orchester

(arrangiert für Orchester)Tender Prey
Nick Cave and The Bad Seeds

Verbraucht und durchgeschwitzt, aber im Maßanzug – so zeigte sich der 25-jährige Nick Cave Anfang der 80er Jahre erstmals einem begeisterten West-Berliner Club- und Schuppen-Publikum. Mit seiner Band The Birthday Party war der junge Australier zuvor erst nach London und dann – perspektivlos und pleite – weiter nach Berlin-Kreuzberg gezogen. Eine gemeinsame Tour mit der deutschen Instrumentalband Die Haut und eine enge Freundschaft zu deren Bassisten Christoph Dreher hatte ihn auf die Idee gebracht, sich in der kleinen, aber experimentellen und kompromisslosen Musikszene West-Berlins auszuprobieren. Als Ausländer in der Mauerstadt fühlte sich Cave als »cooler Exot« und der merkwürdige, düstere Charme des eingezäunten Freigeheges West-Berlin sprach ihn an. Schnell tauchte Cave ein in das Nachtleben der Stadt und wurde Stammgast in legendären Lokalen wie dem Kreuzberger SO36 und der Underground-Bar Risiko, in der Musiker Blixa Bargeld hinter dem Tresen stand.
Nick Cave schreit bei einem Konzert ins Mikrofon
The Birthday Party in der Maschinenhalle der ehemaligen Schokoladenfabrik Stollwerck in Köln 1984
Blixa Bargeld und der brachiale Sound seiner Band faszinierten Nick Cave sofort, denn Die Einstürzenden Neubauten erweiterten ihr Instrumentarium um Schrott und Sperrmüll. 1983 gründete Nick Cave gemeinsam mit seinem Jugendfreund Mick Harvey aus The Birthday Party und Blixa Bargeld als Gitarristen eine neue Band, Nick Cave and the Bad Seeds, die im Jahr darauf ihr erstes Album veröffentlichte. In den zu ihrer Kreuzberger Basis günstig gelegenen Hansa-Tonstudios nahmen die Bad Seeds drei ihrer nächsten Alben auf. Die berühmten »Studios an der Mauer« beim Potsdamer Platz boten nicht nur zahlreichen deutschen und internationalen Künstler:innen einen Aufnahmeort, sondern auch direkten Blickkontakt zu einem Wachturm an der Mauer. Nick Cave and the Bad Seeds spielten hier ihre »Berlin-Trilogie« ein: The Firstborn is Dead (1985), Your Funeral… My Trial (1986) und Tender Prey (1988). Über die Jahre gewann ihr Post-Punk-Sound an Blues-Einflüssen und Abgründigkeit, wurde dunkler und poetischer.

Doch nicht nur die Musik, die Erfolge und das günstige Wohnen machten Berlin für Nick Cave so reizvoll. Der einfache Zugang zu harten Drogen bescherte ihm einerseits entgrenzte Hochgefühle, und warf ihn andererseits an die düstersten Tiefpunkte seines Lebens: Nahtoderfahrungen, Selbstmordgedanken, Psychosen und regelmäßige Überdosen. Cave, der sich bereits im Alter von 14 Jahren erstmals Heroin gespritzt hatte, machte nie ein Geheimnis aus seiner Drogenabhängigkeit. Im Jahr der Aufnahme von Tender Prey wurde er wegen Heroinbesitzes verhaftet. Es folgte ein zweimonatiger Entzug – und der Rückfall.
Für Franz Schubert begann 1823 der Leidensweg einer Krankheit, die ihm in heftigen Schüben zusetzen würde: Im Alter von 26 Jahren erhielt er die Diagnose Syphilis und wurde im Wiener Allgemeinen Krankenhaus – diskret – wegen seiner »Hautprobleme« behandelt. Vermutlich hatte sich Schubert, dessen Verhältnis zu Frauen nur bruchstückhaft dokumentiert ist, im Rotlichtmilieu angesteckt. Ekzeme und Schmerzen belasteten den jungen Mann fortan, hinzu kamen die Nebenwirkungen der damals üblichen Behandlung mit giftigem Quecksilber und Blei. Weniger als sechs Jahre blieben ihm zu diesem Zeitpunkt noch bis zu seinem frühen Tod an »Nervenfieber«.
Nick Cave singt und spielt am Klavier
Nick Cave bei einem Konzert im Jahr 2013
»Als wenn das Sterben das Schlimmste wäre, was uns Menschen begegnen könnte!«, schrieb Schubert an seinen Vater. Für die Ich-Erzähler seiner beiden großen Liederzyklen Die schöne Müllerin und Winterreise kommt der Tod jedenfalls als Erlösung. Der von der Liebe enttäuschte Müllersbursche geht in den Bach, der einsame Wanderer der Winterreise begegnet erst im letzten Lied dem ersten Menschen: einem barfüßigen Leiermann, der ihm mit klammen Fingern und in leeren Quinten anbietet, ihn zu begleiten. Eine klirrend kalte Welt der Einsamkeit ist es, in die der Wanderer »in gehender Bewegung« aufbricht, wie Schubert im Vorspiel zum ersten Lied des Zyklus, »Gute Nacht«, notiert. Ein gebrochenes Herz und schnelle Schritte treiben ihn in gleichmäßigen Achteln aus der Stadt und auf eine ziellose Reise durch eine raue Winterlandschaft, pfeifende Winde und auf Wege, die kein anderer zu nehmen scheint.

Auch Wilhelm Müller, der Dichter der beiden Zyklen, verstarb jung – während Franz Schubert im Herbst 1827 gerade die zweite Hälfte seiner »Wanderlieder« vertonte. Bereits im Februar 1827 hatte sich Schubert den ersten zwölf der insgesamt 24 Gedichte der Winterreise gewidmet. Als diese im Januar 1828 veröffentlicht wurden, hatte der Komponist selbst nur noch zehn Monate zu leben. Das zweite Heft mit den restlichen zwölf Liedern erschien nur wenige Wochen nach Schuberts Tod im Alter von 31 Jahren.

Die ersten privaten Aufführungen der Winterreise, von Schubert als »Zyklus schauerlicher Lieder« angekündigt und selbst »mit bewegter Stimme« vorgetragen, dürften seine Freunde nicht wenig schockiert haben. Die erschütternde Wucht des Originals zu vermitteln und seine radikalen und revolutionären Gedanken in den Fokus zu rücken, versucht Hans Zenders »komponierte Interpretation« der Winterreise, die 1993 uraufgeführt wurde. Die Intimität des Liedes für Singstimme und Klavier löst Zender durch die geräuschbetonte Instrumentierung für Kammerorchester mit markantem Schlagwerk auf: Windmaschinen, Regenbleche und klirrende Eisenstäbe kommen zum Einsatz, um ganz unmittelbar Wetter, Frost und Schmerz darzustellen. Hans Zender kehrt in seiner Interpretation zur von Schubert notierten originalen Tenorlage zurück und betont die Nähe zum Volksliedhaften durch den Einsatz von »Folkloreinstrumenten« wie Gitarre, Akkordeon und Mundharmonika. Diese Archaik stellt Zender dem biedermeierlichen Streichquartett-Klang gegenüber. Gegen Ende der Reise franst Schuberts Liedsatz aus und zerreißt in Fetzen, die letzten drei Lieder läuten schließlich den Realitätsverlust ein. Musikalische Zusammenhänge lösen sich auf und die Orientierung des einsamen Wanderers geht vollends verloren.
Mitte der 1990er war ein neuer Tiefpunkt erreicht: Zur Zeit seines größten Mainstream-Hits, dem Duett »Where the Wild Roses Grow« mit Kylie Minogue aus dem Album Murder Ballads, geriet Nick Caves Drogensucht außer Kontrolle. Zwischen den zahlreichen Auftritten bei »Top of the Pops« vor Massen euphorischer Teenager setzte sich Cave Spritzen, wann und wo immer er konnte. 1995 gesteht er sich ein: »I don’t feel as cocky about death as I used to.«
Nick Cave singt und spielt am Klavier
Tod, Vergeltung, Sucht und Sünde gehörten zur Zeit der Entstehung von Tender Prey zu Nick Caves Lieblingsthemen. Viele seiner Songtexte sind aufgeladen mit Verweisen auf das Alte Testament: So stellt er im Opener des Albums, »The Mercy Seat«, eine Verbindung zwischen dem Gnadenstuhl (der christlichen Darstellung der göttlichen Dreifaltigkeit) und dem elektrischen Stuhl her, auf den der Ich-Erzähler wartet. Auch der alttestamentliche Rechtssatz »Auge um Auge, Zahn um Zahn« wird aufgegriffen. Um den Teufel, den inneren Dämon der Sucht und Versuchung, und ein Leben in Verdammnis dreht sich der Song »Up Jumped the Devil«, der, wie so viele von Caves Liedern, die Natur des Bösen durchleuchtet. Mit »City of Refuge« nimmt Cave nicht nur Bezug auf die in der Bibel beschriebenen Zufluchtsstädte, in denen Menschen, die sich des Totschlags schuldig gemacht haben, Schutz vor Blutrache finden konnten, er schuf auch einen Erfolgstitel, der immer mit seiner Wahlheimat West-Berlin verbunden sein wird.

Waren Nick Cave and the Bad Seeds in den 80ern noch in kleinen Clubs vor einer Handvoll Punks, Goths und Gruftis aufgetreten, füllen sie heute die größten Hallen. Im Sommer 2026 ist die Band auch wieder live in Berlin zu erleben, in jener Stadt, deren Sound Nick Cave so wesentlich geprägt hat.

Februar 2026

https://www.komische-oper-berlin.de/ Komische Oper Berlin Bismarckstraße 110, 10625 Berlin
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