© Monika Rittershaus
Große Bögen, heiße Eisen und der Dauerbrenner »Frisco«
Sibylle Masanetz im Gespräch über das wiederentdeckte Bühnenwerk ihres Mannes Guido Masanetz
Frau Masanetz, Sie waren am Ostberliner Metropol-Theater als Chefsekretärin des Intendanten Peter Czerny tätig. Wie haben Sie die Spielplanpolitik des »Heiteren Musiktheaters« der DDR in Ihrer Funktion erlebt und welchen Stellenwert hatten die Werke von Guido Masanetz damals am Metropol-Theater?
Sibylle Masanetz: Es gab in den 1970er und 1980er Jahren eine kleine Gruppe von Werken, die neben In Frisco ist der Teufel los und Vasantasena über zahlreiche DDR-Bühnen gingen, darunter zum Beispiel auch Bretter, die die Welt bedeuten von Gerhard Kneifel. Die Gattung war etabliert, aber das Bemühen um Gegenwartsstücke wurde seit 1980 schwieriger. Mein Mann konnte, obwohl das schwierig war, fast immer erfolgreich einen großen Bogen um die »Gegenwartsstoffe aus dem sozialistischen Alltag« machen. Dem ehemaligen Metropol-Theater war er sehr verbunden. Die meisten seiner Werke wurden dort uraufgeführt und standen jahrzehntelang auf dem Spielplan. An vielen Abenden stand er selbst am Pult und dirigierte seine eigenen Werke. In Frisco ist der Teufel los erlebte ungefähr ab 1977 an vielen Musiktheatern der DDR eine zweite Inszenierungswelle.
Sibylle Masanetz: Es gab in den 1970er und 1980er Jahren eine kleine Gruppe von Werken, die neben In Frisco ist der Teufel los und Vasantasena über zahlreiche DDR-Bühnen gingen, darunter zum Beispiel auch Bretter, die die Welt bedeuten von Gerhard Kneifel. Die Gattung war etabliert, aber das Bemühen um Gegenwartsstücke wurde seit 1980 schwieriger. Mein Mann konnte, obwohl das schwierig war, fast immer erfolgreich einen großen Bogen um die »Gegenwartsstoffe aus dem sozialistischen Alltag« machen. Dem ehemaligen Metropol-Theater war er sehr verbunden. Die meisten seiner Werke wurden dort uraufgeführt und standen jahrzehntelang auf dem Spielplan. An vielen Abenden stand er selbst am Pult und dirigierte seine eigenen Werke. In Frisco ist der Teufel los erlebte ungefähr ab 1977 an vielen Musiktheatern der DDR eine zweite Inszenierungswelle.
In Frisco ist der Teufel los
Operette in vier Akten [1962]
Libretto von Otto Schneidereit
Libretto-Neufassung von Maurycy Janowski
Das Theater gehört der Arbeiterklasse
Können Sie sich erinnern, wie viele Inszenierungen von In Frisco ist der Teufel los Sie persönlich erlebt haben? Ist Ihnen eine in besonderer Erinnerung geblieben?
Ich habe viele Premieren und Vorstellungen von Frisco erlebt, auch an kleinen Bühnen, wie zum Beispiel 1985 in Zeitz. Im Jahr 2015 führte die Musikalische Komödie in Leipzig zum 100. Geburtstag meines Mannes in unserer Anwesenheit In Frisco ist der Teufel los auf. Das hat mich für ihn sehr gefreut. Er starb dann aber leider nach wenigen Monaten. Frisco war sehr beliebt beim Publikum. Das Stück erlebte über 60 Inszenierungen, und laut dem Verlag Bärenreiter wurde es über tausendmal aufgeführt.
Ist In Frisco ist der Teufel los für Sie eher eine Operette oder ein Musical – oder war diese Gattungsdiskussion damals nebensächlich?
Die Fachdiskussionen um »Operette contra Musical« entzündete sich in der DDR erstmals tatsächlich um die Entstehung von Frisco. Aber die erste große Musicalwelle in der BRD kannte man in der DDR nur indirekt, weil der Mauerbau die bis dahin direkt mögliche Kommunikation verhinderte. In Frisco ist der Teufel los hat von beiden Gattungen etwas.
Konnte Ihr Mann Inspirationen aus der ankommenden US-Musical-welle ziehen?
Natürlich wirkten die deutschen Erstaufführungen von Kiss me, Kate und Annie Get Your Gun auch auf die Komponisten im Osten. Mein Mann war ein großer Anhänger der Musik von Leonard Bernstein. Ein besonderes und in der DDR ungewöhnliches Faible hatte er aber für die Musik Indiens. Er machte daher einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Indien, holte sich dort fachliche Anregungen für seine Kompositionen und brachte für die Uraufführung von Vasantasena im Metropol-Theater zahlreiche indische Instrumente und eine Anleitung für die Choreografie mit. Der anwesende indische Botschafter war voll des Lobes und würdigte die hohe Authentizität der Musik.
Ich habe viele Premieren und Vorstellungen von Frisco erlebt, auch an kleinen Bühnen, wie zum Beispiel 1985 in Zeitz. Im Jahr 2015 führte die Musikalische Komödie in Leipzig zum 100. Geburtstag meines Mannes in unserer Anwesenheit In Frisco ist der Teufel los auf. Das hat mich für ihn sehr gefreut. Er starb dann aber leider nach wenigen Monaten. Frisco war sehr beliebt beim Publikum. Das Stück erlebte über 60 Inszenierungen, und laut dem Verlag Bärenreiter wurde es über tausendmal aufgeführt.
Ist In Frisco ist der Teufel los für Sie eher eine Operette oder ein Musical – oder war diese Gattungsdiskussion damals nebensächlich?
Die Fachdiskussionen um »Operette contra Musical« entzündete sich in der DDR erstmals tatsächlich um die Entstehung von Frisco. Aber die erste große Musicalwelle in der BRD kannte man in der DDR nur indirekt, weil der Mauerbau die bis dahin direkt mögliche Kommunikation verhinderte. In Frisco ist der Teufel los hat von beiden Gattungen etwas.
Konnte Ihr Mann Inspirationen aus der ankommenden US-Musical-welle ziehen?
Natürlich wirkten die deutschen Erstaufführungen von Kiss me, Kate und Annie Get Your Gun auch auf die Komponisten im Osten. Mein Mann war ein großer Anhänger der Musik von Leonard Bernstein. Ein besonderes und in der DDR ungewöhnliches Faible hatte er aber für die Musik Indiens. Er machte daher einen mehrwöchigen Studienaufenthalt in Indien, holte sich dort fachliche Anregungen für seine Kompositionen und brachte für die Uraufführung von Vasantasena im Metropol-Theater zahlreiche indische Instrumente und eine Anleitung für die Choreografie mit. Der anwesende indische Botschafter war voll des Lobes und würdigte die hohe Authentizität der Musik.
© Monika Rittershaus
Welche künstlerischen Folgen hatte der Mauerbau für Guido Masanetz?
Nach dem Mauerbau wurde Mein schöner Benjamino am Metropol-Theater 1963 zwar uraufgeführt, die Gegenüberstellung von Ost und West in der Handlung aber fast bis zur Unkenntlichkeit eliminiert. Das Stück passte trotzdem noch immer nicht in die politische Richtung der DDR und wurde deshalb radikal negiert und dann abgesetzt.
Ist In Frisco ist der Teufel los für Sie ein unpolitisches Werk? Was denken Sie, wie viel Sehnsucht nach dem, was die DDR-Bürger:innen nicht hatten, steckt in Frisco?
Das in Frisco besungene Fernweh wurde erst nach dem Mauerbau und damit erst einige Jahre nach Fertigstellung der zweiten Fassung ein heißes Eisen. In der Handlung ist Frisco meiner Meinung nach unpolitisch, beinhaltet aber eine Gesellschaftskritik, die nach wie vor Gültigkeit hat. Die von den DDR-Ideolog:innen kritisierte »westliche Dekadenz« strahlte auf die DDR-Bürger:innen eine noch größere Faszination aus, weil sie offiziell abgelehnt wurde.
Was bedeutete der Mauerfall für die Werke Ihres Mannes? Wie sah seine Arbeit nach 1989 aus?
Nach dem Mauerfall spielten die Theater in der ehemaligen DDR sofort die Stücke, die ihnen bisher nicht zugänglich waren – sei es durch die Mauer, theoretische Kritik oder zu hohe Auslandstantiemen. Dafür hatten wir vollstes Verständnis. Da mein Mann am Tag des Mauerfalls bereits 76 Jahre alt war, zogen wir uns zum größten Teil ohne Groll ins Private zurück. Er komponierte nur noch einige Gelegenheitswerke und trat mehrfach als Dirigent seiner Werke auf.
Hätten Sie persönlich erwartet, dass mit der Wende das gesamte Genre des »Heiteren Musiktheaters« der DDR nahezu komplett aus den Theatern verschwinden würde?
Dass es über 30 Jahre bis zu einer sichtbaren Auseinandersetzung mit dem »Heiteren Musiktheater« der DDR dauern sollte, hätten wir nicht gedacht. Denn es sind sehr gute Stücke darunter, die indirekt einiges über den Osten erzählen – was heute erst recht interessant ist, denn wir Zeitzeug:innen werden immer weniger.
Nach dem Mauerbau wurde Mein schöner Benjamino am Metropol-Theater 1963 zwar uraufgeführt, die Gegenüberstellung von Ost und West in der Handlung aber fast bis zur Unkenntlichkeit eliminiert. Das Stück passte trotzdem noch immer nicht in die politische Richtung der DDR und wurde deshalb radikal negiert und dann abgesetzt.
Ist In Frisco ist der Teufel los für Sie ein unpolitisches Werk? Was denken Sie, wie viel Sehnsucht nach dem, was die DDR-Bürger:innen nicht hatten, steckt in Frisco?
Das in Frisco besungene Fernweh wurde erst nach dem Mauerbau und damit erst einige Jahre nach Fertigstellung der zweiten Fassung ein heißes Eisen. In der Handlung ist Frisco meiner Meinung nach unpolitisch, beinhaltet aber eine Gesellschaftskritik, die nach wie vor Gültigkeit hat. Die von den DDR-Ideolog:innen kritisierte »westliche Dekadenz« strahlte auf die DDR-Bürger:innen eine noch größere Faszination aus, weil sie offiziell abgelehnt wurde.
Was bedeutete der Mauerfall für die Werke Ihres Mannes? Wie sah seine Arbeit nach 1989 aus?
Nach dem Mauerfall spielten die Theater in der ehemaligen DDR sofort die Stücke, die ihnen bisher nicht zugänglich waren – sei es durch die Mauer, theoretische Kritik oder zu hohe Auslandstantiemen. Dafür hatten wir vollstes Verständnis. Da mein Mann am Tag des Mauerfalls bereits 76 Jahre alt war, zogen wir uns zum größten Teil ohne Groll ins Private zurück. Er komponierte nur noch einige Gelegenheitswerke und trat mehrfach als Dirigent seiner Werke auf.
Hätten Sie persönlich erwartet, dass mit der Wende das gesamte Genre des »Heiteren Musiktheaters« der DDR nahezu komplett aus den Theatern verschwinden würde?
Dass es über 30 Jahre bis zu einer sichtbaren Auseinandersetzung mit dem »Heiteren Musiktheater« der DDR dauern sollte, hätten wir nicht gedacht. Denn es sind sehr gute Stücke darunter, die indirekt einiges über den Osten erzählen – was heute erst recht interessant ist, denn wir Zeitzeug:innen werden immer weniger.
© Monika Rittershaus
Frisco steckt voller Blues, Slow-Rock, Charleston und auch lateinamerikanischer Tanzrhythmen. Stand Ihr Mann jemals vor kulturideologischen Problemen in Bezug auf solche musikalischen Amerikanismen?
Nein, denn sonst hätte In Frisco ist der Teufel los nie zu diesem breiten Erfolg werden können. In politischen Kontexten sagten viele dann, die hörbaren Amerikanismen seien nötig zur musikdramatischen Kritik am Kapitalismus. In Wirklichkeit ging es jedoch um eine politisch akzeptierte, gut getarnte und erfolgversprechende »Aneignung«.
Welche Musik lief privat im Hause Masanetz vor 1989?
Zuhause hörten wir meistens klassische Musik, zum Beispiel Chopin, die mein Mann auch gern und zu unser aller Freude am Klavier spielte. Aber wir hörten auch gerne anderes, wie etwa indische Musik oder Musik aus seiner böhmischen Heimat.
Haben Sie einen Lieblingssong aus Frisco?
Mein absoluter Lieblingsschlager ist »Seemann, hast Du mich vergessen« – ein Liebeslied mit einer wunderschönen Melodie!
Nein, denn sonst hätte In Frisco ist der Teufel los nie zu diesem breiten Erfolg werden können. In politischen Kontexten sagten viele dann, die hörbaren Amerikanismen seien nötig zur musikdramatischen Kritik am Kapitalismus. In Wirklichkeit ging es jedoch um eine politisch akzeptierte, gut getarnte und erfolgversprechende »Aneignung«.
Welche Musik lief privat im Hause Masanetz vor 1989?
Zuhause hörten wir meistens klassische Musik, zum Beispiel Chopin, die mein Mann auch gern und zu unser aller Freude am Klavier spielte. Aber wir hörten auch gerne anderes, wie etwa indische Musik oder Musik aus seiner böhmischen Heimat.
Haben Sie einen Lieblingssong aus Frisco?
Mein absoluter Lieblingsschlager ist »Seemann, hast Du mich vergessen« – ein Liebeslied mit einer wunderschönen Melodie!
© Monika Rittershaus
Den arbeits- und obdachlosen Seemann Jonas, genannt Klabautermann, erklärt Schneidereit zum »Ahasver der kapitalistischen Gesellschaft«, zum Schiff ohne Hafen, zum Totalverlierer und Opfer einer Macht, die wiederum in der aufregend amoralischen Xonga Miller Gestalt angenommen hat. Die mexikanisch angehauchte Magnatin, deren Machtzentrum das heißeste Nachtlokal Friscos ist, vereint das Immobilienschlucken mit dem Männerverschlingen, und scheint damit selbst den Autor in Verlegenheit zu bringen. Schneidereit gesteht Xonga zweifellos »Format im Verbrecherischen« zu und hält als Anforderung für die Darsteller:innen der Rolle fest: »Xonga kann jung oder alt, dünn oder fett sein – eines aber muss sie sein: faszinierend! Je außergewöhnlicher sie ist, desto größer ist Browns Sieg über sie.«
#KOBFrisco
22. Dezember 2025
Auf der Bühne der Komischen Oper ist vor dem Orchester ein schmaler Streifen freigelassen, da singt, spielt und tanzt ein höchst engagiertes Ensemble… Mit Mut zur Wirkung gesungen, flott inszeniert, dass man das »halbszenisch« der Ankündigung fast nicht merkt… Versprochen, man geht mindestens mit einem Ohrwurm raus.
Harald Asel, rbb24 inforadio, 22.12.2025
Nostalgisch und zeitlos: »In Frisco ist der Teufel los« wiederentdeckt
Nostalgisch und zeitlos: »In Frisco ist der Teufel los« wiederentdeckt
#KOBFrisco
22. Dezember 2025
Regisseur Martin G. Berger sorgt für eine quirlige szenische Umsetzung dieses Klassenkampficals. Unter der Leitung von Kai Tietje musiziert das Orchester der Komischen Oper mitreißend gut gelaunt, über die kleinen Spielfläche wirbelt dazu ein Ensemble, das genrefluide Ensemblemitglieder wie Alma Sadé und Christoph Späth mit genuinen Musicaldarstellern wie Alexander von Hugo und Tobias Joch mixt.
Eine brillante Battle um die Diven-Rolle des Abends liefern sich Sophia Euskirchen und Christoph Marti. Sie als kesse Bardame Virginia, die zupackend pragmatisch den Aufstand gegen Xonga Miller organisiert, er als eben jene Raubtierkapitalistin, deren Verderbtheit hier durchaus etwas Faszinierendes hat. Und doch sind alle im ausverkauften Saal froh, wenn am Ende das Gute siegt.
Eine brillante Battle um die Diven-Rolle des Abends liefern sich Sophia Euskirchen und Christoph Marti. Sie als kesse Bardame Virginia, die zupackend pragmatisch den Aufstand gegen Xonga Miller organisiert, er als eben jene Raubtierkapitalistin, deren Verderbtheit hier durchaus etwas Faszinierendes hat. Und doch sind alle im ausverkauften Saal froh, wenn am Ende das Gute siegt.
Frederik Hanssen, Der Tagesspiegel, 22.12.2025
Operette »In Frisco ist der Teufel los«: Klassenkampf an der Komischen Oper
Operette »In Frisco ist der Teufel los«: Klassenkampf an der Komischen Oper
#KOBFrisco
22. Dezember 2025
Ein Abend voller Augenzwinkern. Der Klassenkampf ist ein fröhliches Miteinander der Darsteller. Die Inszenierung hat Tempo und Witz… Gekonnt wird das Publikum mehrfach in diese Produktion mit hineingezogen. Sophia Euskirchen durchbricht als Virginia West besonders offensiv die »vierte Wand« und wird als resolute Bardame zur Sympathieträgerin des Abends.
Volker Blech, Berliner Morgenpost, 22.12.2025
Komische Oper: Der reichste Mann der Welt ist ein Operetten-Bösewicht
Komische Oper: Der reichste Mann der Welt ist ein Operetten-Bösewicht
#KOBFrisco
16. Dezember 2025
West Coast Blues in Ostberlin
Ein musikalischer Ausflug ins kapitalistische Ausland mit In Frisco ist der Teufel los!
#KOBFrisco
Einführung
