Ein Schlag ins Gesicht

Ein Gespräch mit Dirigent James Gaffigan über die russische Sprache, extremes Musiktheater und die Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit
Wenn man an Schostakowitsch denkt, fallen einem für gewöhnlich zunächst seine vielen Sinfonien ein, die stilistisch das gesamte Leben des Komponisten von der Jugend bis zum hohen Alter abdecken. Wo würdest Du hier nun die Oper Lady Macbeth von Mzensk einordnen?

James Gaffigan: Schostakowitsch hat eine musikalische Sprache, die er seit Beginn seines Lebens spricht und die ihn immer begleitet hat. Man hört zum Beispiel in seinen späteren Sinfonien noch immer viel vom Material seiner 1. Sinfonie, die er mit nicht einmal 20 Jahren komponiert hat. Es ist dasselbe Material, aber umgeben von einer anderen Instrumentation und anderen Harmonien, die er in seiner Jugend nicht verwendet hätte. Lady Macbeth von Mzensk ist das Werk eines Komponisten, der erwachsen geworden ist, sich an der Vergangenheit orientiert, aber trotzdem in die Zukunft blickt. Das ist die perfekte Balance, um große Musik zu schreiben. Schostakowitsch respektiert die Vergangenheit und das, was vor ihm war, und ist dennoch offen für Neues, Zukünftiges. In Lady Macbeth gibt es viele Momente, in denen er Rimski-Korsakow, Mussorgski und Tschaikowski seinen Dank abstattet und trotzdem seine ganz eigene Sprache spricht.

La­dy Mac­beth von Mzensk

Oper in vier Akten [1934]
nach einer Erzählung von Nikolai S. Leskow
Libretto von Alexander G. Preis

Premiere am 31. Januar 2026
Wie kommst Du musikalisch mit der russischen Sprache zurecht?

James Gaffigan: Ich selbst war nie gut in Sprachen. Das fiel mir immer schwer im Vergleich zu vielen anderen Leuten, die Sprachen sehr leicht lernen. Ich möchte also gar nicht erst behaupten, dass ich gute Russischkenntnisse hätte, und ich kann auch kein Kyrillisch lesen. Was ich aber gut kann, ist zu hören, wann etwas gegen die Musik ankämpft oder wann es mit der Musik harmoniert. Was ich von zahlreichen Begegnungen mit tollen russischen Sprachcoaches gelernt habe, ist, dass der Text in russischen Opern ein wesentlicher Bestandteil ist. Es geht nicht darum, zuerst die Musik zu lernen und dann den Text oder umgekehrt. Beides geht Hand in Hand. Bei einem Komponisten wie Schostakowitsch kann man musikalische Probleme fast immer über den Text lösen. Das finde ich faszinierend. Ich finde es auch großartig, dass unsere Besetzung so viele verschiedene Nationalitäten umfasst: Kanada,Russland, Island, Ungarn, Amerika, Deutschland. Wir haben von allem etwas dabei. Ich finde es gut, dass es keine rein russische Besetzung ist. Ich denke, wir können so noch mehr voneinander lernen – von der Sprache und der russischen Oper. Es ist aufregend, das alles zusammenzubringen.
Lady Macbeth nimmt in Schostakowitschs Biografie eine sehr tragische Rolle ein: Nachdem Stalin das Werk gesehen hatte und es ihm nicht gefiel, wurde Schostakowitsch in der Sowjetunion lange Zeit zum »Volksfeind« erklärt. Das Stück verschwand aus allen Spielplänen …

James Gaffigan: Dasselbe ist tragischerweise auch in Deutschland während des Nationalsozialismus mit so viel wunderbarer Musik passiert. Das lag an der verheerenden politischen Lage und hatte nichts mit einer künstlerischen Bewertung von Schostakowitschs Musik zu tun. Die Leute haben das Stück geliebt und konnten sich damit identifizieren. Natürlich ist es Musiktheater in seiner extremen Form, aber es ist nichts Anstößiges daran. Es gibt nichts daran, was verboten werden sollte. An dieser Musik ist nichts Scheußliches. Ich finde sie zutiefst bewegend. Ich glaube, jeder Mensch, der dieses Drama mitverfolgt, wird sich mit der weiblichen Hauptfigur, die sich in der schlimmstmöglichen Situation befindet, identifizieren. Es ist erschütternd, was Schostakowitsch deswegen durchmachen musste: Er fürchtete um sein Leben. Wir alle kennen die Geschichten, wie er nachts mit gepacktem Koffer an der Tür schlief, um seine Familie nicht zu stören, falls ihn jemand abholen würde. Das alles ist wegen dieses großartigen Stückes passiert. Damit hat alles angefangen. Ich bin froh, dass in der heutigen Musikwelt kein Zweifel mehr daran besteht, dass Lady Macbeth ein Meisterwerk ist.


In diesem Meisterwerk dreht sich alles um die Titelfigur Katerina Ismailowa. Wie ist es möglich, dass wir mit dieser Frau trotz ihrer schlimmen Taten mitfühlen?

James Gaffigan: Das ist einer dieser seltsamen Fälle, wenn man zum Beispiel ein Buch liest und sich mit einer Figur, die etwas Illegales oder Gewalttätiges tut, identifizieren kann. Das Stück erzielt diesen Effekt auf sehr geschickte Weise: Zunächst einmal ist jeder Mann in dieser Oper ein furchtbarer Mensch. Jede einzelne männliche Figur ist schrecklich. Es sind manipulative Menschen, Vergewaltiger, Gewalttäter, Mörder, Gangster. Das ist die Welt, in die wir hineingeworfen werden – wir hassen von vornherein all diese Männer. Und dann sieht man diese arme Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht als Zuneigung und Liebe. Es gibt einen kurzen Moment, in dem sie glaubt, beides endlich zu bekommen, aber es ist alles nur vorgetäuscht, es ist alles eine Lüge, es ist alles manipulativ. Das ist einfach tragisch. Natürlich fühlen wir mit ihr mit, wenn sie am Ende vollkommen die Beherrschung verliert. Menschlich können wir das alle nachempfinden.
Welche Wirkung entfaltet Schostakowitschs Musik in dieser Oper?

James Gaffigan: Die Musik schafft die Atmosphäre für Katerinas verhängnisvolle Lage. Man hat ständig das Gefühl, dass man von der Polizei beobachtet wird. Das markante Thema, das man im dritten Akt hört, wenn Katerina und Sergej von der Polizei gestellt werden, zieht sich in verschiedenen Variationen durch das gesamte Stück. Es vermittelt eine absurde Zwangskontrolle der Gesellschaft. Ebenso spüren wir schon ab dem ersten Takt des Stückes Katerinas Langeweile. Wir spüren, wie verloren sie ist. Sie hat nichts, woran sie sich festhalten kann. Sie treibt einfach so durch dieses schreckliche Leben. Die Musik vermittelt dabei Einsamkeit auf präziseste Art und Weise. Sie entfaltet sich vor allem im Vergleich zu den lauten, fast burlesken Passagen. Diese burleske Musik der Polizei oder auch der Vergewaltigungsszene zeigt, wie wahnsinnig die Menschheit sein kann.


In Lady Macbeth von Mzensk gibt es eine Reihe von teils sehr langen musikalischen Zwischenspielen. Was für eine Funktion haben diese rein instrumentalen Passagen?

James Gaffigan: Das Publikum braucht gerade bei diesem Stück Zeit, um das Gesehene zu verdauen. Und man braucht auch Zeit, um sich auf die nächste Szene vorzubereiten. Manchmal ist diese Musik aber auch wie ein Schlag ins Gesicht, und die Szene bekommt eine vollkommen neue Atmosphäre. Dann sind wir zum Beispiel nach einer melancholischen Passage ganz plötzlich wieder bei einer burlesken Zirkusmusik. Die Zwischenspiele unterstützen also auch die Schockmomente. In den brutalen Szenen wendet Schostakowitsch durch laute, repetitive und gewalttätige Blechbläsermusik durchaus musikalische Gewalt gegen das Publikum an. Dadurch überträgt sich die Brutalität auf der Bühne nochmal ganz anders auf uns. Schostakowitschs Zwischenspiele dienen also zur Verdauung, zur Vorbereitung oder auch als Schockmoment. Ich finde die Zwischenspiele großartig, genauso wie beispielsweise in Wozzeck. Diese Musik dient nicht einfach dazu, Zeit für den Bühnenumbau zu gewinnen, sie ist ein wesentlicher Bestandteil des Dramas.
Gibt es Momente im Stück, die Du besonders gerne dirigierst?

James Gaffigan: Ich liebe die Szenen, in denen Katerina allein ist und nach der ganzen Unruhe vollkommen isoliert zurückbleibt. All diese Stellen haben eine tiefgreifende Wirkung auf mich. Manchmal sagt sie gar nichts. Es ist dann wie ein lautloser Urschrei an das Orchester. Das ist vor allem im letzten Akt unglaublich erschütternd, wenn jede Hoffnung dahin ist und Katerina alles verloren hat.

Du sprichst den düsteren Schluss der Oper bereits an: Das Stück endet vollkommen hoffnungslos. Worin liegt der Mehrwert, sich so etwas anzusehen?

James Gaffigan: Um Hoffnung zu geben. Um zu erkennen, dass es sich bei den gezeigten Grausamkeiten nicht nur um einfache Fehler aus längst vergangenen Zeiten handelt, sondern um schwerwiegende Probleme des Menschen. Um uns zu zeigen, wie egoistisch wir sein können und wie wir das Leben anderer Menschen ausnutzen. Es ist ein Stück zum Weinen. Vielleicht nicht unbedingt so, wie man am Ende von La Bohème weint, aber man fühlt mit Katerina bis zum schrecklichen Ende mit. Ich denke, es ist wichtig für uns als Menschen, das zu fühlen, besonders, wenn wir so etwas noch nicht erlebt haben. Ich hatte bislang das Glück, ein ziemlich gutes Leben zu führen. Ja, auch ich habe Probleme, aber nichts Vergleichbares zu Katerina oder den Strafgefangenen in Sibirien im Finale der Oper. Es ist wichtig für uns, diesen Schmerz in der Musik, im Text und in der Inszenierung des Stückes zuzulassen. Das hilft uns dabei, als Gesellschaft zu wachsen.

Januar 2026

https://www.komische-oper-berlin.de/ Komische Oper Berlin Bismarckstraße 110, 10625 Berlin
Sa
31.
Jan
19:00
Premiere
Dmitri Schostakowitsch

Schillertheater – Großer Saal
Im Anschluss
Premierenfeier

Februar 2026

https://www.komische-oper-berlin.de/ Komische Oper Berlin Bismarckstraße 110, 10625 Berlin
Fr
6.
Feb
19:00
Dmitri Schostakowitsch

Schillertheater – Großer Saal
https://www.komische-oper-berlin.de/ Komische Oper Berlin Bismarckstraße 110, 10625 Berlin
So
8.
Feb
18:00
Dmitri Schostakowitsch

Schillertheater – Großer Saal

März 2026

­KOBLadyMacbeth