Jesper Ulfenstedt

Kontrabass
Wo ist Ihre Heimat?
Eskilstuna, Schweden. 1997 bin ich aus Schweden weggezogen und seit einiger Zeit nenne ich mich »leidenschaftlicher Wahl-Berliner«!

Seit wann spielen Sie im Orchester der Komischen Oper Berlin?
Seit 2010.

Ihre vorherigen Stationen?
Ich studierte zunächst in Stockholm und anschließend zwei Jahre bei Prof. Duncan McTier an der Royal Academy of Music in London. Meine erste feste Stelle war als Stellv. Solo-Kontrabassist beim BBC Philharmonic Orchestra in Manchester. Danach ging die Reise nach Deutschland. Über eine Stelle beim Konzerthausorchester Berlin führte der Weg in 2003 in die Bassgruppe der Münchner Philharmoniker und dort blieb ich sieben schöne Jahre lang - bis es eben Zeit wurde, zurück in die Hauptstadt zu ziehen...

Wie würden Sie einem Außerirdischen erklären, was ein Orchester ist?
Ein Orchester ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass manche Sachen viel mehr als die Summe ihrer Einzelteile sein können.

Wie würden Sie Ihr Instrument charakterisieren?
Ok, die Dinger sind überhaupt nicht leicht herumzuschleppen. Überall gibt es Stress mit ihnen: U-Bahn, S-Bahn, Bus, Taxi, Bahn, Flug. Sogar im eigenen Auto gibt es genügend nervige Momente: Jemand wird eingeklemmt, plötzlich gibt es zwei Plätze zu wenig etc. - dann findet man keinen Parkplatz in der Nähe und muss die Kiste am Ende doch durch den halben Kiez bugsieren... Schafft man es allerdings ohne größere Missgeschicke bis zur Bühne, eröffnet sich eine ganz andere Welt: Dann kann man den weichen, dunklen aber dennoch kraftvollen Ton genießen, sowohl als Klang als auch als Kitzeln in den Fußsohlen! Die Verantwortung, das Fundament zu sein und ein klangliches und rhythmisches Gerüst fürs gesamte Orchester anzubieten – herrlich! Außerdem hat ein Kontrabass doch etwas Humoristisches und die Kollegen sind immer freundlich, lustig und lebensfroh - egal, in welchem Orchester man spielt. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Gemüt der Leute und die überschaubare Menge von Töne, die wir »bewältigen« müssen?! (Wir spielen wahrscheinlich so viele Töne in zwei Wochen wie die Geigen an einem einzigen Vormittag... Augen auf bei der Berufswahl! ;-)).

Was war Ihr denkwürdigstes Erlebnis im Orchestergraben der Komischen Oper Berlin?
Es gibt so viele spannende, schöne (und manchmal auch ganz verrückte) Sachen, die einem als Orchestermusiker eigentlich nur in einem Opernhaus passieren können. Für mich gibt es bis jetzt drei Erlebnisse, die ganz besonders sind: Erstens die gesamte Produktion von Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann, bei der das Orchester in Tarnanzügen auf einem großen, gelben Gerüst spielen musste. Großartige Musik und eine unglaublich intensive Stimmung! Zweitens die Produktion von Castor et Pollux von Jean-Philippe Rameau, bei der alle Streicher mit Barockbögen gespielt haben. Wieder eine grandiose Inszenierung, wo einfach alles gepasst hat. Drittens eine Szene aus der Händel-Oper Orlando, wo sich Orlando mitten in einer sehr schönen, ruhigen Arie das Leben nimmt – mithilfe einer großen Pistole. Gleichzeitig wurde ein Beutel mit Theaterblut gegen die Wand geschleudert (toller Effekt – es hat immer einen Chor von »Iiiii!!!« vom Publikum gegeben!). An einem Abend hat der Beutel die Wand schräg getroffen, ist abgeprallt und ein Teil vom Inhalt ist auf meiner Schulter gelandet - als der Nachhall vom Schuss noch in den Ohren war. Igitt... In einem Konzertorchester hätte ich auf so etwas wirklich lange warten müssen!

Warum Theater?
Die Künste haben eine einzigartige und wichtige Eigenschaft: Sie können sofort in Kontakt mit dem Unterbewusstsein der Menschen kommen. Durch ein kulturelles Erlebnis bekommen wir die Möglichkeit, Dinge, die uns beschäftigen, aus einer anderen Perspektive zu sehen und sie besser oder anders zu verstehen. Wir lernen uns selbst kennen und entwickeln uns als Individuen, was wiederum positive Auswirkung für die ganze Gesellschaft hat. Selbstverständlich können solche Impulse durch das Lesen eines Buches oder das Betrachten eines Bildes zustande kommen, aber für mich ist die Oper der allerbeste Ort dafür – wo so viele Kunstformen vereint sind und sich so fantastisch ergänzen! Ich bin sehr stolz und glücklich, ein kleines »Rädchen« in einer so großen »Maschine« zu sein. Natürlich kostet es viel Geld, ein Opernhaus zu betreiben (und die geistige »Einnahmen« bzw. »Vorteile« eines Theaterbesuches sind naturgemäß sehr schwierig in Euro auszudrücken) – aber Politiker, die ganze Theater (und dadurch die Kultur ganzer Städte) gefährden, nur um kurzfristige Sparziele zu erreichen, tun unserer Welt wirklich keinen Gefallen... Menschen brauchen die Kultur wie die Luft zum atmen!

Welche drei CDs würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Angenommen, es gibt auf dieser Insel überhaupt einen funktionierenden CD-Spieler:
Johann Sebastian Bach: Sonaten und Partiten für Solo-Violine mit Henryk Szeryng
Anton Bruckner: Sinfonie Nr.8 mit Celibidache und den Münchnern
Sting: The Dream Of The Blue Turtles

Welches Werk haben Sie noch nicht gespielt, würden es aber gerne?
Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner.

Ihre bislang größte Herausforderung?
Ich habe als Kind den sogenannten »Oberhandgriff« oder »französischen Bogengriff« gelernt und den Bogen wie ein Cellist gehalten. Als ich festgestellt habe, dass das englische Musiker-Dasein nicht für mich geeignet war und dass ich unbedingt nach Deutschland wollte, musste ich die Bogenhaltung ganz von vorne lernen, weil hier ausschließlich mit der deutschen Bogenhaltung gespielt wird. Es war ein sehr interessanter Prozess, so etwas Grundlegendes als Erwachsener neu zu lernen - aber es hat extrem viel Arbeit bedeutet. Ich beschäftige mich immer noch täglich mit der Bogentechnik und bin noch lange nicht am Ende meiner persönlichen Entwicklung...   

Haben Sie einen Tipp gegen Lampenfieber?
Die Fälle, in denen ich Lampenfieber spüre, sind sehr selten geworden. Ich bekomme Lampenfieber eigentlich nur bei Auftritten als Solist oder bei schwierigen Kammermusikstücken. Da hilft bei mir das tiefe Atmen, Konzentration und ein kurzes Gebet und danach der mentale Impuls: »SHOWTIME!«

Was treibt Sie an?
Die Neugier, immer etwas Neues zu entdecken, immer die Grenzen auszudehnen und ein besserer Musiker zu werden - aber auch die Dankbarkeit, von dem, was ich am meisten liebe, leben zu können.

Wenn Sie nicht Musiker geworden wären ...
...wäre ich Architekt. Oder Grafiker, Möbelschreiner oder Koch! Ein eigenes kleines Café zu betreiben ist mein heimlicher Traum...

Wo findet man Sie, wenn Sie nicht in der Komischen Oper Berlin sind?
Bei meiner Familie, auf dem Fahrrad (Mountainbike und Rennrad), in der Küche oder auf dem Sofa mit einem guten Buch und einem Glas spanischen Rotwein!

Was Sie schon immer einmal sagen wollten...
Wenn Dankbarkeit, Rücksicht und Demut eine größere Rolle im Leben der Menschen spielen würde (statt Pessimismus, Neid und Gier), wäre die Welt mit Sicherheit besser und gerechter.