Foto: Monika Rittershaus
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Engelbert Humperdinck

Hänsel und Gretel

Märchenspiel in drei Bildern (1893)
Libretto von Adelheid Wette
Dez '15
So
Do
Mi
Mo
Zwei Kinder auf der Schwelle zum Erwachsensein geraten in eine bunte Welt voller Wunder – aber auch voller Gefahren. In seiner Inszenierung der berühmten Oper nach dem Märchen der Gebrüder Grimm erfindet Regisseur Reinhard von der Thannen poetische Bilder, die dem Zwischenreich der Träume zu entstammen scheinen und vertraut und fremd zugleich wirken. So wird Hänsels und Gretels abenteuerliche Reise durch das Dickicht des Märchenwaldes zu einer Einstiegsdroge in die Welt des Musiktheaters für Jung und Alt!

Humperdinck und seiner Schwester, der Librettistin Adelheid Wette, gelingt es in ihrer Oper, sowohl die kindliche Leichtigkeit als auch die tiefen Abgründe des Märchens von Hänsel und Gretel lebendig werden zu lassen. Erzählt wird eine Geschichte über das Erwachsenwerden inmitten einer kalten, durch materielle Zwänge geprägten Umgebung. Als musikalischer Rahmen schließt sich dabei der berührende »Abendsegen« um das Werk, den die beiden Kinder in ihrer größten Not im Wald singen. Der Komponist verarbeitet daneben eine Reihe bekannter Kinderlieder, die in ihrer Verbindung mit den üppigen Orchesterklängen des Wagner-Schülers Humperdinck einen einzigartigen Zauber entfalten.

Engelbert Humperdincks Oper als quietschbunte Bonbon-Schachtel in einer bilderreichen, skurril-fantasievollen Inszenierung von Reinhard von der Thannen, der mit seinen außergewöhnlichen Ausstattungen die europäische Theaterästhetik seit mehr als 20 Jahren maßgeblich beeinflusst. Bildgewaltig verführen seine Kreationen stets zum Schönen, ohne jedoch das Düstere zu leugnen.

Im Repertoire seit 24. März 2013
2 Stunden 15 Minuten
Kostenlose Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer (außer bei Premieren und Sonderveranstaltungen).
»Eine attraktiv durchdesignte Aufführung mit wunderschönen Pop-Art-Bildern … eine optische Delikatesse ... und für alle, die sich nun fragen, ob man in die Aufführung denn auch mit Kindern gehen kann, lautet die Antwort: ja. Meine zehnjährige Nichte fand die vielen Videoeinspielungen toll, mochte die modernen Bühnenbilder und Kostüme, vermisste nur eine echte gruselige Hexe...«
zur Rezension
»Auch Kindern dürfte diese quietschbunte, sehr erwachsene und verrätselte, aber mit Ostereier-Filmchen, Puff-Scheiteln und Maus-Ohren auch ranschmeißerische Bonbon-Schachtel durchaus zuzutrauen sein.«
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Erstes Bild
Hunger herrscht im Hause des Besenbinders Peter und seiner Frau Gertrud. Die beiden haben nicht die Mittel, um ihren Kindern Hänsel und Gretel ein trautes Heim zu bieten. Doch trotz aller Not lassen sich die Geschwister die Laune nicht verderben: Sie singen und tanzen ausgelassen, anstatt die Arbeiten zu verrichten, die ihre Eltern ihnen aufgetragen haben. Als ein Topf mit Milch zu Bruch geht, jagt die verzweifelte Mutter ihre Kinder in den Wald, um dort Beeren für das Abendessen zu suchen. Wenig später kehrt der Vater nach geglückten Geschäften reich beladen nach Hause zurück. Ihm schwant Böses, als die Mutter erzählt, wo sich die Kinder befinden. Er befürchtet, dass sie der gefährlichen Knusperhexe begegnen könnten, die im Wald wohnt. Angsterfüllt brechen Vater und Mutter auf, um ihre Kinder zu suchen.

Zweites Bild
Im Wald sammelt Hänsel Beeren, während Gretel verträumt »Ein Männlein steht im Walde« singt. Die Heiterkeit der Kinder weicht mit Einbruch der Dunkelheit der Furcht. Den Weg zurück nach Hause finden sie nicht mehr. Hänsel und Gretel vernehmen unheimliche Geräusche und wähnen sich von düsteren Gestalten umgeben. Schutz finden sie im Schlaf, den der Sandmann ihnen bringt. In ihren Träumen erscheinen Engel. 

Drittes Bild
Das Taumännchen läutet den nächsten Morgen ein. Die Geschwister erblicken ein verlockendes Zuckerhaus, in dem die Knusperhexe wohnt. Sie führt Übles im Schilde und zieht die Kinder in ihren Bann, um sie zu verspeisen. Den beiden gelingt es jedoch, die Hexe zu bezwingen und eine Schar von Kindern zu befreien, die ebenfalls in die Fänge der Hexe geraten waren. Die Eltern von Hänsel und Gretel finden ihre Kinder wieder. Gemeinsam feiern alle den Sieg über die Hexe. 
L’INTRIGUE - HANSEL ET GRETEL

ACTE 1
La disette règne dans la maison de Peter, lieur de balais, et de sa femme Gertrude. Les époux n’ont pas les moyens d’offrir un nid douillet à leurs enfants, Hansel et Gretel. Malgré les conditions de vie miséreuses, le frère et la soeur ne se départissent pas de leur bonne humeur. Ils chantent et dansent toute la journée et laissent éclater leur joie de vivre. Tout à leurs jeux, ils viennent même à négliger les menus travaux dont ils ont la charge. Quand, comble de malheur, une cruche pleine de lait se brise en mille morceaux, la mère, désespérée, les envoie dans la forêt cueillir des baies pour le dîner. Peu de temps après, le père rentre, heureux d’avoir pour une fois conclu des affaires à son avantage et de pouvoir gâter sa famille. Quand il apprend que les enfants se sont rendus dans la forêt, un mauvais pressentiment l’assaillit. Il craint qu’ils aient pu croiser le chemin de la méchante sorcière qui habite au coeur de la forêt. Pris d’angoisse, le père et la mère ne perdent plus un instant et partent à
la recherche de leurs enfants.

ACTE 2
Pendant que Hansel s’applique à trouver des baies, Gretel se plaît dans ses rêveries en chantonnant »un petit homme se tient dans les bois calme et muet«. Surpris par la tombée de la nuit, l’ambiance sereine se mue en sourde inquiétude. Ils ne retrouvent plus le chemin de la maison. Hansel et Gretel perçoivent des bruits inquiétants et se croient entourés de créatures menaçantes. Seule la magie du marchand de sable leur apporte un sommeil protecteur et la présence des anges qui apparaissent dans leurs rêves.

ACTE 3
À l’aube, la rosée les réveille à la vie. Les enfants aperçoivent une maison pimpante … la demeure de la sorcière. Comme à son accoutumée, ses intentions sont maléfiques, elle tente de les envoûter pour mieux les faire rôtir. Le frère et la soeur ne se laissent pas faire, ils ont le dessus et parviennent à libérer d’autres enfants également tenus en captivité. Les parents retrouvent leurs enfants en bonne santé et tous ensemble, ils célèbrent leur victoire.

KONU - Hansel ve Gretel

Birinci sahne
Süpürgeci Peter ve karısı Gertrud’un evinde açlık hâkimiyet sürüyor. Çocukları Hansel ve Gretel'e mutlu bir yuva sunacak kadar gelirleri yok. Tüm bu yoksulluğa rağmen iki kardeş keyiflerini bozmuyor: Anne ve babalarının kendilerine verdikleri işleri yerine getirmek yerine şarkı söyleyip bol bol dans ediyorlar. İçi süt dolu bir kap yere düşüp kırılınca, çaresiz anne çocuklarını akşam yemeği için meyve toplamaya ormana gönderiyor. Biraz sonra babaları eve dönüyor. Çok güzel işler başarmış ve bol miktarda alış veriş yaparak eli kolu dolu olarak gelmiş. Anneleri çocukların nerede olduklarını söyleyince, babanın aklına kötü şeyler gelir. Çocukların, ormanda oturan tehlikeli cadı ile karşılaşacaklarından korkmaktadır. Anne ve baba bu korkuyla çocukları aramak için yola çıkar.

İkinci sahne
Hansel ormanda meyve toplarken, Gretel dalmış ve »Ormanda bir adam duruyor« şarkısını söylemekte. Çocukların bu neşesi, havanın kararmasıyla birlikte yerini korkuya bırakır. Eve dönüş yolunu bulamazlar. Hansel ve Gretel ürkütücü sesler duyarlar ve etraflarını karanlık varlıkların sardığını zannederler. »Sandman« onlara uyku getirir ve uykuya daldıklarında güvende olurlar. Rüyalarında melekleri görürler.

Üçüncü sahne
»Çiy adam« sabah çanını çalar. İki kardeş, içinde bir cadının oturduğu şekerden yapılmış çok çekici bir ev görürler. Bu cadı kötü niyetlidir ve çocukları yemek için onları etkisi altına alır. Fakat iki kardeş cadıyı yenmeyi başarırlar ve daha önce cadı tarafından yakalanıp hapsedilmiş olan birçok çocuğu da kurtarırlar. Hansel ve Gretel’in anne ve babası çocuklarını bulurlar ve hep birlikte cadıya karşı kazandıkları galibiyeti kutlarlar.

Angst, Essen, Seele
Reinhard von der Thannen im Gespräch über das Rund

Hänsel und Gretel – ein Wintermärchen?
REINHARD VON DER THANNEN Vorweihnachtliche Lebkuchenästhetik interessiert mich wenig. Für mich ist Hänsel und Gretel eine vielschichtige, zeitlose Oper, die alle Altersgruppen anspricht. Winterlich ist sie höchstens, weil dort große emotionale Kälte herrscht: Zwei Kinder erleben, dass eigentlich kein Platz für sie ist in ihrer Familie. Es mangelt ihnen an allem – an Essen, an Wärme, an Liebe. In unserer Produktion gibt es im Elternhaus von Hänsel und Gretel nur einen Tisch und zwei Stühle. Mehr Personen sind im Haushalt eigentlich nicht vorgesehen. Es herrscht der Kampf ums blanke Überleben. 

Das wird besonders in der Grimmschen Märchenvorlage deutlich. Dort werden die Kinder bewusst im Wald ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Bei Humperdinck und Wette handelt die Mutter eher aus Verzweiflung …
REINHARD VON DER THANNEN Humperdinck bringt die Brutalität des Märchens auf ein zutiefst menschliches Maß. Er zeigt die Mutter nicht als böses Wesen, sondern als Frau, die sich in ihrer Not nicht mehr zu helfen weiß. Ich gehe davon aus, dass die Eltern von Hänsel und Gretel sehr wohl versucht haben, ihren Kindern eine Art Rüstzeug für das Erwachsenwerden und die »Welt da draußen« zu vermitteln. Es werden ja auch keine verschüchterten, neurotischen Kinder gezeigt, sondern Individuen, die am Ende lernen, mit ihren Ängsten umzugehen. Bei der Beschäftigung mit Hänsel und Gretel bin ich tiefer als erwartet in meine eigene Kindheit eingetaucht. In der Auseinandersetzung mit Archetypen lernt man seine eigenen Eltern besser zu verstehen und sieht, dass Eltern sich meist bemühen – im Rahmen ihrer Mittel und Möglichkeiten. 

Auch wenn die Mittel bisweilen fragwürdig sind. Die Mutter droht, die Kinder so zu schlagen, »…dass ihr fliegt an die Wand!« …
REINHARD VON DER THANNEN Erwachsenwerden bedeutet in meinen Augen, dass man die Möglichkeit erkennt, gegen Autoritäten – etwa die Schule oder das Elternhaus – aufzubegehren und gesellschaftliche Normen in Frage zu stellen. Man lernt, selbständig zu denken. In meiner Kindheit gab es durchaus noch Parallelen zu Humperdincks Zeit mit ihrer autoritären Erziehung. Ich wurde zwar nie in den Schrank gesperrt, aber ich habe diese Zeit schon als einengend erlebt. Man muss sich freischwimmen. Genau das tun Hänsel und Gretel. Sie machen eine Entwicklung durch – einen Prozess der Abnabelung. 

Dazu müssen sie sich den Gefahren des Waldes stellen. Was begegnet ihnen dort?
REINHARD VON DER THANNEN Märchen sind eine Projektionsfläche menschlicher Gefühle, Hoffnungen, Wünsche und Ängste und verkörpern archaische Wahrheiten. Diese werden implizit und symbolisch gezeigt. Hänsel und Gretel begegnen im Wald ihren eigenen Ängsten. Selbstproduzierte Angst ist die tiefste Angst, die ein Mensch empfinden kann. Sie wohnt in den Kindern und wird bildhaft. So sind auch die Figuren, die im Wald auftauchen, reine Fantasiegebilde: die Nebelfrauen etwa oder das Musik gewordene Echo. Sobald Kinder begreifen, dass diese Ängste zu besiegen sind und eben »nur« Projektionen sind, überschreiten sie die Schwelle zum Erwachsenwerden. Die Trennung von den Eltern, die Verlockungen, die traumatischen Abgründe und die Überwindung von Gefahren zeigen den Abschied aus der Symbiose der Kindheit.  

Welche Funktion übernimmt dabei die Hexe?
REINHARD VON DER THANNEN Sie ist ein Katalysator. Die Hexe oszilliert zwischen zwei Polen: Als verführerische Zauberin und als Inkarnation des Bösen – als Schattenseite der menschlichen Existenz, die nicht zu töten ist. Bei uns steht sie wie eine Spinne auf ihrer Torte und wartet darauf, dass Kinder ihr ins Netz gehen. Sie ist halb Dämon, halb Verführerin. Ich glaube, dass es Wesen gibt, die eine hypnotische Anziehungskraft besitzen und Auslöser für eine Vielzahl heftiger Emotionen sind. Diese Begegnungen können auch erotischen Charakter haben. Die Faszination der Hexe hat in der Tat etwas Erotisches an sich. Das Thema Pubertät und sexuelles Erwachen möchte ich poetisch und humorvoll behandeln: Nicht nur Hänsel erlebt sein »Frühlingserwachen«, sondern auch Gretel. Wenn sie träumerisch vom Männlein singt, das still und stumm im Walde steht, dann projiziert sie in meinen Augen das Bild einer anderen Art von Männlichkeit als jene, die sie von Vater und Bruder kennt. Bei uns wird ihre Vision Fleisch und Blut – zum »Fliegenpilz«, einer dionysischen Erscheinung, durch die Gretel beginnt, ihre Weiblichkeit zu entdecken. So ist die Angst, die die Kinder im Wald verspüren, eben auch eine Angst vor dem Eros – die Angst vor der eigenen Sexualität und Körperlichkeit. In der Pubertät verändert sich der Körper, er »entpuppt« sich in ein anderes körperliches Stadium – wie es bei uns die Lebkuchenkinder tun, die sich, ähnlich wie Larven, am Schluss aus ihren Kokons befreien. Ich möchte Bilder schaffen, die einem Betrachter Raum lassen für eigene Gedanken. Ich liebe das Theater, denn es bietet die Möglichkeit, eine Skizze in den Raum zu stellen, die es dem Zuschauer erlaubt, sie zu Endezu denken – jeder auf seine Weise mit seinen ureigenen Erfahrungen. Ein fixiertes Abbild interessiert mich dagegen nicht, erst recht nicht bei einem Märchen.

In was für einer Skizze spielt Hänsel und Gretel? Welchen Raum braucht die Angst?
REINHARD VON DER THANNEN Ausgegangen bin ich von einem Raum, der wie ein weißes Blatt Papier funktioniert. Weiß gilt als Farbe der Unschuld und ist zugleich die Grundierung, auf die sich jede andere Farbe projizieren lässt. Ich wollte keinen realen Raum – eine Besenbinderhütte etwa. Der Raum, den wir gefunden haben, funktioniert vielmehr im Sinne einer Versuchsanordnung: Hänsel und Gretel können so ganz unterschiedliche Bilder entstehen lassen. In bestimmten Situationen tragen sie stilisierte Hasenmasken, die ganz unterschiedliche Assoziationsebenen bieten sollen. Diese Masken werden zu einer Art Brille, durch die sie die selbst projizierten Bilder von Wald oder Hexe betrachten. Sie hat eine Schutzfunktion, bevor die Kinder in ihre Bilder eintauchen und einen neuen Abschnitt erleben. All dies geschieht in einem runden Bühnenraum. Fernand Léger sprach über das Runde als Befreiung, da es weder Anfang noch Ende kenne. Allerdings gibt es aus dem Raum, der ein Rund ist, auch keinen Ausweg. Man kann ihm nicht entkommen. 

Der Ausweglosigkeit des Runds ließe sich höchstens durch den Eintritt in ein anderes Bewusstseinsstadium entfliehen, dem Zustand der Trance …
REINHARD VON DER THANNEN Oder durch den Tanz! Tanz ist in meinen Augen in der Tat eine Möglichkeit, aus einer Realität in eine Art Traumzustand zu gelangen. Viele berühmte Tänze vermitteln ja die Illusion, schweben zu können, die Schwerkraft zu überwinden. Gerade in Krisenzeiten hat der Tanz immer wieder die Funktion gehabt, die Illusion der Leichtigkeit über das Dunkle zu legen. Man hat die Oper Hänsel und Gretel auch als »Hungerwahnsinnstraum« bezeichnet, die den Weg von der Hölle der realen Verhältnisse in den Himmel der Traumvisionen darstellt. Die Pantomime – der Auftritt der 14 Engel – stellt sich bei uns dar als eine Mischung aus Elementen der Berliner Revue der 1920er Jahre und einem Derwischtanz. Der Derwisch, der sich dreht, hält gleichzeitig inne und versetzt sich in einen anderen Zustand: Ich tanze, und die Welt verändert sich in meiner Wahrnehmung. 

In Hänsel und Gretel spielt der Glaube eine wichtige Rolle. Stellt auch er einen möglichen Ausweg dar?
REINHARD VON DER THANNEN Ich habe großen Respekt vor jeglicher Religion. Religion hat uns Menschen über Jahrhunderte hinweg ein ethisches Grundgerüst vermittelt. Der Mensch ist ein Wolf, und ohne Wertekanon würden wir wohl anders miteinander leben. Ich persönlich stehe allerdings eher auf der Seite von Marx, der Religion als Opium für das Volk bezeichnet. Glaube hat aber auch mit Utopie zu tun, und Utopien finden im Kopf statt. Sie sind Träume, die zerplatzen können. Zur Zeit der Spätromantik war die Erlösungsthematik ein zentrales Thema und für Humperdinck war Transzendenz als religiöse Vorstellung wesentlich. Das zeigt sich auch in Hänsel und Gretel. Für uns heute ist der Begriff der Transzendenz eher ambivalent und brüchig geworden. Allerdings hat man auch zu mir als Kind gesagt: »Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her«. Und meine katholische Erziehung hat mich in der Tat sehr geprägt. Vor allem die Ästhetik. Die Opulenz der Kunst in den Kirchen und die Theatralik der Liturgie haben eine große Phantasie für Bilder in mir freigesetzt.

Was sollte ein Bild leisten?
REINHARD VON DER THANNEN Im Idealfall sollte ein Bild seinem Betrachter noch lange in Erinnerung bleiben und im Kopf weiter gären. Ein Bild steht erstmal für sich als Behauptung und bietet verschiedene Interpretationsebenen, die den Betrachter anregen sollen, mehr und mehr zu entdecken. Dazu möchte ich in meiner Arbeit verführen. Ich finde es wichtig, Bilder ein Stückweit offen zu lassen – ja einen gewisser Grad an phantasievoller Verrätselung herzustellen– und sie nicht im Sinne eines sich vordergründig mitteilenden Abbildes zu fixieren. Ich möchte weniger Antworten geben, als Bilder schaffen, die die Zuschauer zu eigenen Positionen auffordern. In Hänsel und Gretel gibt es abstrakte Bilder, die man – so hoffe ich – verstehen wird, ohne sie erklärt zu bekommen. 

So abstrakt diese Bilder sind, so konkret war die Unterstützung, durch die sie realisiert werdenkonnten …
REINHARD VON DER THANNEN Richtig. Erst das finanzielle, ideelle und praktische Engagement von Jürgen Uedelhoven, dem Geschäftsführer der Uedelhoven-Studios – ein bedeutendes Unternehmen, das Prototypen im Bereich Design- und Ingenieurtechnik kreiert, – hat die Inszenierung in ihrer jetzigen Form möglich gemacht. Nur so konnten wir beispielsweise den »Besteckwald« des Zweiten Bildes auf die Bühnezaubern … 

Kunst und Sponsoring – eine heikle Verbindung?
REINHARD VON DER THANNEN Wie gut, dass es in der Geschichte immer wieder Menschen gegeben hat, die Kunst finanziell gefördert haben. Sonst hätte ein Großteil der Werke, die uns überliefert sind, wohl nicht entstehen können. Viele Künstler haben Sponsoring gegenüber Vorbehalte, weil sie Einflussnahme oder Vereinnahmung befürchten. Das habe ich persönlich nie erlebt. Ich hatte immer das Glück, auf Unterstützer zu treffen, die sich wahrhaftig als »Ermöglicher« verstanden haben. Und ihnen ist es zu verdanken, dass ich viele meiner Ausstattungskonzeptionen am Theater realisieren konnte. Ich muss allerdings sagen, dass die Zusammenarbeit mit Jürgen Uedelhoven von ganz besonderer Qualität ist …

Inwiefern?
REINHARD VON DER THANNEN Jürgen Uedelhoven ist für mich ein Partner auf Augenhöhe. Ich habe ihn im Rahmen der von mir ausgestatteten Lohengrin-Produktion bei den Bayreuther Festspielen kennen gelernt, für die sich Herr Uedelhoven seit langem engagiert. Den Austausch mit ihm empfinde ich als spannend und bereichernd. Er unterstützt meine Arbeit eben nicht nur finanziell, sondern stellt zudem seinen Erfahrungsschatz zur Verfügung und bietet Lösungen für technische Herausforderungen an. So wurde zum Beispiel der »Besteckwald« von Hänsel und Gretel in seinen Studios im bayerischen Gaimersheim produziert. Dort sieht es ein bisschen so aus, wie man sich die Werkstatt von James Bond vorstellt – ein Think Tank der Moderne, in dem an der Zukunft getüftelt wird … Das fasziniert und begeistert mich.

Was für eine Zukunft erwartet wohl Hänsel und Gretel?
REINHARD VON DER THANNEN Auch wenn in meiner Inszenierung die Hexe am Ende überlebt, bedeutet das nicht, dass mein Blick auf die Zukunft von Hänsel und Gretel pessimistisch ist. Ich glaube, dass in jedem Menschen das Gute und Böse gleichermaßen vorhanden ist und dass es im Leben darum geht, mit beiden Polen umzugehen.

Das Gespräch mit Reinhard von der Thannen führte Pavel B. Jiracek.

Stab

Musikalische Leitung
Inszenierung / Ausstattung
Konzeptionelle Mitarbeit
Birgit von der Thannen
Mitarbeit Bühnenbild
Bart Wigger
Mitarbeit Kostümbild
Wiebke Schlüter
Choreographie
Michael Bernhard
Dramaturgie
Pavel B. Jiracek
Kinderchor
Licht
Franck Evin
Video
Björn Verloh

Besetzung

Gretel
Peter, Besenbinder
Gertrud
Knusperhexe
Sandmännchen / Taumännchen
Zoe Kissa
Kinderchor der Komischen Oper Berlin

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