Foto: Iko Freese / drama-berlin.de
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Jacques Offenbach

Die schöne Helena

Opéra bouffe in drei Akten (1864)
Text von Henri Meilhac und Ludovic Halèvy
Deutsch von Simon Werle
Monty Python à la française – das ist Jacques Offenbach, der Vater der Operette und Meister des abgedrehten Musiktheaters. Barrie Kosky zeigt in seiner opulenten Inszenierung, was neben großen Stimmen an umwerfender Spiellust im Ensemble der Komischen Oper Berlin steckt.

Sparta ist auch nicht mehr das, was es mal war: Die Opfergaben lassen qualitätsmäßig arg zu wünschen übrig, und unter den guten alten Göttern erfreut sich nur mehr Liebesgöttin Venus ungebrochener Beliebtheit. Königin Helena, ganz schicksalsergebene Diva, langweilt sich redlich mit ihrem Gatten Menelaus, als ein rätselhafter – und unverschämt gut aussehender – Hirt hereinschneit, der sich, oh schicksalhafte Fügung, als Göttinnenschönheitswettbewerbsjuror Paris entpuppt. Wie gut, dass Oberpriester Kalchas dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge hilft und Helena und Paris zu einer traumhaften Nacht verhilft, die allerdings von Menelaus aufs Empfindlichste gestört wird. Was muss der aber auch völlig unangemeldet von der Dienstreise nach Hause zurückkehren?! – findet nicht nur Helena, sondern krakeelt auch bald das Volk im Chor. Menelaus ordnet gemeinsame Sommerfrische an, doch was soll man machen: Wenn Venus ihren Tribut fordert, ist der Mensch nur mehr ein Spielball der Götter!

In der rasant-brillanten Antiken-Travestie von Jacques Offenbach wird der so genannte gesunde Menschenverstand nach allen Regeln der Kunst aus den morschen Angeln gehoben. Unter der Regie von Barrie Kosky wirbeln die Melodien, Beine und Dialoge nur so um Augen, Hirn, und Ohren und natürlich um das unangefochtene Zentrum des Geschehens: die schöne Helena.
3 Stunden 5 Minuten, eine Pause
Kostenlose Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer (außer bei Premieren und Sonderveranstaltungen). 
»Für Kosky ist »Die schöne Helena« von 1864, die fast ohne Handlung auskommt, weil es sowieso nur um Sex geht, die Spielvorlage für eine unglaublich präzise ausbalancierte Synthese von Musik, Gesang, Sprache, Tanz und bildender Kunst. Das Ergebnis ist nichts geringeres als eine zweite Uraufführung eines Werkes, die weit über die Intentionen seiner längst verstorbenen Autoren hinausgeht.«
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»Barrie Kosky inszeniert Jacques Offenbachs »Schöne Helena« an der Komischen Oper als irrwitziges Slapstick-Spektakel […] Vitalität lautet das oberste Ziel, für das an der Komischen Oper mehr Schweiß vergossen wird als sonst wo. Im Theater sitzen und spüren, dass man am Leben ist. Mit der »Schönen Helena« drehen Kosky und sein Team noch einmal am Temporegler. Choreografischer Irrwitz von Beginn an, geflutete Räume, pulsierende Körper. […] Dieses Treiben bunt zu nennen, wäre eine Untertreibung. Es quietscht und kreischt, flimmert und kracht. Falsche Husaren rasen auf Rollschuhen herum, einstige Helden japsen in Rollstühlen hinterher. Auf der Szene wird mit Zitaten herumgeballert, und wer auch nur eine Sekunde hinterher grübelt, übersieht das nächste halbe Dutzend.«
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»Barrie Kosky hat »Die schöne Helena« schön glitzernd und mit veralberter Erotik inszeniert. [...] Das Feuerwerk in der Inszenierung besteht gewiss auch aus der von Kosky bekannten Travestie und veralberten Erotik, sie besteht an diesem Abend aber auch in einem Dauerfeuer musikalischer Bildungszitate.«
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»Der Dirigent Henrik Nánási schafft es, nicht nur diesen Zitaten eine brennend präzise, jenseits des Komischen geradezu unheimliche Präsenz zu verleihen,sondern er kitzelt aus dem Orchester genau jenen leichten, verspielten und trotzdem latent aggressiven Offenbach-Ton heraus, der diese Musik lebendig macht. Und das Tempo stimmt, im Orchestergraben wie auf der Bühne, wo ein hochmotiviertes Ensemble zum Vergnügen des Publikums zeigen darf, was es außer Singen noch alles kann – vom Rollschuhfahren bis zum Tanzen.«
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1. Akt:
Am Hof von Sparta sind die Vorbereitungen für das feierliche Adonis-Fest in vollem Gange, in dessen Rahmen auch ein Wettkampf der Könige Griechenlands stattfinden soll. Großaugur Kalchas ist unzufrieden mit den Opfer-Einkünften. Nur noch Liebesgöttin Venus scheint beim Volk beliebt zu sein. Königin Helena löchert Kalchas wegen jenes sagenumwobenen Göttinnen-Schönheitswettbewerbs am Berge Ida, der erst kürzlich stattgefunden habe. Da taucht ein rätselhafter Schäfer auf, der behauptet, sich beim anstehenden Wettstreit der Könige beweisen zu wollen. Wenig später flattert eine Botschaft der Venus herein: Kalchas möge dem Hirten zum Sieg verhelfen. Denn der Schäfer ist kein Geringerer als der trojanische Königssohn Paris, der vor kurzem als Schönheits-Juror den Preis-Apfel am Berge Ida der Liebesgöttin in die Hand drückte, während sie ihm im Gegenzug die schönste Frau der Welt versprach. Und in der Tat: Helena ist von dem geheimnisvollen Hirten völlig hingerissen. Paris gewinnt den Wettkampf und gibt sich zu erkennen. Kalchas sieht den Moment für eine göttliche Eingebung gekommen und schickt Helenas Gatten Menelaus qua Orakelspruch bis auf Weiteres auf Dienstreise.

2. Akt:
Für den Abend ist ein festliches Bankett geplant, doch Helena gibt ganz die keusche Stroh-Witwe. Bevor sie Paris empfängt, ruft sie ihre Schutzgöttin Venus an. Das Fest beginnt, Helena aber versucht, sich in den Schlaf zu flüchten. Wie im Traum tritt Paris ein, und es kommt, wie es kommen muss: Der abwesend geglaubte Gatte Menelaus platzt herein! Abstreiten hilft nichts. Aber selbst der herbeieilende Hofstaat krakeelt, dass Menelaus durch seine unangekündigte Rückkunft selbst die Schuld an der unangenehmen Situation träfe. Nichtsdestotrotz: Paris, der Unruhestifter, muss weg.

3. Akt:
Zur Ablenkung begibt sich Helena ins Seebad Nauplia. Der Haussegen hängt schief und Venus scheint erzürnt. Das Volk von Sparta wird von einer fürchterlichen Plage heimgesucht: Männer verlassen ihre Frauen – schlimmer noch – Frauen ihre Männer. Menelaus muss dringend etwas unternehmen! Die Könige drängen, er möge sich dem Wunsch der Venus beugen und Helena freigeben, doch Menelaus holt sich höheren Beistand und lässt den Ober-Großaugur der Insel Kythere herbeirufen. Der Priester beruhigt die Gesellschaft und bittet Menelaus, Helena für die Feier einer Opferzeremonie auf eine nahegelegene Insel zu entlassen. Menelaus ist sofort einverstanden, zumal das Opfer vom Volk bezahlt wird. Und so entschwindet Helena unter dem allgemeinen Beifall der Menge gemeinsam mit dem Hohepriester, hinter dem sich niemand anderes verbirgt als: Paris.
Act 1:
At the court of Sparta preparations are under way for the feast of Adonis, during which a contest will be held among the kings of Greece. The grand augur Calchas is unhappy with the paltry offerings. It seems that nowadays only the goddess of love, Venus, enjoys any popularity with the people. Queen Helen quizzes Calchas about the legendary beauty contest between goddesses that recently took place on Mount Ida. Whereupon a mysterious young shepherd appears and says he wants to take part in the kings’ contest. Moments later a message flutters in from Venus, commanding Calchas to help the shepherd win. The shepherd turns out to be none other than the Trojan king’s son Paris, who as juror in the Mount Ida beauty pageant awarded the apple to Venus, who in return promised him the most beautiful woman in the world. And Helen is indeed completely smitten with the man. Paris wins the contest and reveals his identity. Calchas judges the moment has come for divine inspiration and delivers an oracle that sends Helen’s husband Menelaus away on business until further notice.

Act 2:
For the evening a banquet has been planned, but Helen resolutely plays the chaste straw widow. Before
receiving Paris, she calls her patron deity Venus. The soirée begins, but Helen tries to take refuge in sleep. As though in a dream Paris appears and then the inevitable happens: the absent husband
Menelaus suddenly bursts in! There’s no sense denying it all. Even so the kings and courtiers who come running in round on Menelaus, saying he only has himself to blame for the unpleasant situation by
returning unannounced. Nevertheless Paris, the troublemaker, has to go.

Act 3:
In search of distraction Helen goes to the seaside resort of Nauplia. Domestic strife is rife, and Venus
seems angered. The people of Sparta have been afflicted by a terrible scourge: husbands are leaving their wives and – worse still – wives are leaving their husbands! Menelaus has got to act. The kings urge
him to accede to Venus’s wish and hand over Helen, but Menelaus has decided to take religious counsel and has summoned an even grander augur from the island of Cythera. The augur calms the crowd down
and asks Menelaus to release Helen so she can make a sacrificial offering on a nearby island. Menelaus immediately agrees, especially as the sacrifice will be paid for by the people. And so amid general jubilation Helen departs with the high priest – who turns out to be none other than Paris.
Acte 1:
À la cour de Sparte, les préparatifs vont bon train pour la célébration de la fête d’Adonis. Une compétition entre les rois grecs est prévue au programme. Le Grand Augure Calchas déplore un déficit des sacrifices et des revenus. Le peuple n'accorde plus ses faveurs qu’à Vénus, la déesse de l’amour. La reine Hélène se plaint auprès de Calchas du légendaire concours de beauté des déesses récemment organisé sur le Mont Ida. Sur ce survient à la cour un mystérieux berger qui demande à être admis dans la compétition royale. Aussitôt après parvient à Calchas un message de Vénus le priant de favoriser la victoire du berger. Cet humble étranger est en réalité Pâris, le fils du roi troyen Priam qui, en tant que membre du jury du concours de beauté du Mont Ida, a récemment remis à Vénus le trophée de la pomme. Pour l’en remercier, la déesse de l’amour a promis à Pâris la plus belle femme du monde – et de fait Hélène tombe instantanément sous le charme du beau berger. Pâris remporte la compétition et révèle son identité. Une inspiration divine vient à Calchas qui, sous couvert d’oracle, commande à Ménélas, le mari d’Hélène, de partir en voyage pour une durée indéterminée.

Acte 2:
Un banquet festif est prévu pour le soir, mais Hélène joue les chastes veuves effarouchées. Avant d’accueillir Pâris, elle appelle Vénus, la déesse protectrice. La fête commence, mais Hélène tente d’y échapper en simulant le sommeil. Pâris lui apparaît comme en rêve, et ce qui devait arriver arriva : l’époux Ménélas, que l’on croyait parti, fait soudain irruption ! Nier ne sert à rien. Mais la cour elle-même arrive en renfort et clame que Ménélas est lui-même responsable de cette épineuse situation pour n’avoir pas informé sa femme de son retour. Quoi qu’il en soit, Pâris, le fauteur de troubles, est prié de décamper.

Acte 3:
Pour se changer les idées, Hélène va prendre les eaux à Nauplie. Mais l’harmonie du ménage n’est plus et Vénus semble courroucée. Un fléau s’abat sur le peuple de Sparte : les maris quittent leurs femmes – et pire encore – les femmes quittent leurs maris! Ménélas doit intervenir d’urgence. Les rois le pressent de consentir au voeu de Vénus et de laisser partir Hélène, mais Ménélas décide de s’en remettre à de plus hautes instances et convoque l’augure suprême de l’île de Cythère. Le grand prêtre calme l’assemblée et prie Ménélas de laisser partir Hélène pour qu’elle assiste à une cérémonie de sacrifice sur une île voisine. Ménélas donne aussitôt son accord, d’autant que le sacrifice sera financé par son peuple. Ainsi Hélène s’embarque-t-elle, sous les applaudissements de la foule, avec le soidisant grand prêtre … qui n’est autre que Pâris!
1. Perde:
Sparta sarayında krallar arası yarışmanında düzenleneceği Adonis-Şenlikleri hazırlıkları tüm hızıyla devam eder. Başrahip Kalkhas yapılan kurban sayısıyla memnun değil. Sadece aşk tanrıçası Venüs halk tarafından sevilir. Kraliçe Helen Kalkhas’ı geçenlerde İda dağında yapılan efsanevi güzellik yarışması ile ilgili sorularıyla canından bezdirir. O an kralların yarışmasında kendisini ispat etmek isteyen esrarengiz bir çoban ortaya çıkar. Çoban aslında truva kralının oğlu Paris. Paris İda dağında jüri üyesi olarak elma ödülünü aşk tanrıçasına vermişti. Venüs ise karşılığında dünyanın en güzel kadınını söz vermişti Paris’e. Ve gerçekten: Helen esrarengiz çobana bayılır. Paris yarışmayı kazanıp asıl kimliğini açıklar. Kalkhas durumu ilahi vahiy olarak yorumlar ve Helen’in eşi Menelaus’u kehanet hükmüyle iş gezisine gönderir.

2. Perde:
Akşam için bir ziyafet planlanır fakat Helen abartmalı namusluluğa bürünür. Paris’i kabul etmeden önce koruyucu tanrıçası Venüs’e danışır. Şenlik başlar fakat Helen uykuyla kaçmaya çalışır. Paris rüya gibi içeri girer ve olan olur: Gezide olduğunu düşündüğü eşi Menelaus ortaya çıkar ve inkar etmek fayda etmez. Aceleyle gelen saray halkı bile durumu yatıştıracağına habersiz geldiği için Menelaus’u suçlar. Her ne olursa olsun: Karaçalı Paris gitmeli.

3. Perde:
Helen oyalanmak için Nauplia’da denize gider. Evdeki hava gergin ve Venüs öfkeli. Sparta halkı büyük bir felaket yaşıyor: Erkekler karılarını boşuyor – ve daha kötüsü – kadınlar kocalarını boşuyor! Menelaus derhal birşeyler yapmalı. Krallar Menelaus’un ensesine yapışır ve Venüs’ün isteğine boyun eğmesi için zorlamaya çalışır: Venüs Helen’in serbest bırakılmasını ister. Fakat Menelaus daha yüksek bir yerden destek arar ve Çuha Adası’nın en büyük başrahibini çağırtır. Rahip topluluğu yatıştırır ve Menelaus’tan Helen’i kurban merasimi için yakındaki bir adaya göndermesini rica eder. Menelaus hemen kabul eder çünkü kurban zaten halk tarafından ödenecek. Ve Helen topluluğun alkışları arasında başrahip ile birlikte ortadan kaybolur. Helen sahte rahibin kılığı altında olan kişiyi tanır: Paris.
MUSIK, DIE (UN-)SINN MACHT
Barrie Kosky über die Stärke des Außenseiters, den Witz der Dadaisten und die Kräuter des Richard Wagner

Warum haben Sie sich als Auftaktpremiere Ihrer dritten Spielzeit gerade für Die schöne Helena von Jacques Offenbach entschieden?
BARRIE KOSKY Als ich herausfand, dass sich dieses Jahr die Uraufführungvon Die schöne Helena zum 150. Mal jährt, dachte ich mir: »Phantastisch – ich eröffne die Spielzeit mit einer der radikalsten und wichtigsten
Operetten überhaupt!« Offenbach war schon immer eine der tragenden Säulen des Spielplans der Komischen Oper Berlin. Zur Zeit des Metropol-Theaters feierte Fritzi Massary in Offenbachs Operetten große Erfolge, und zu Walter Felsensteins Zeiten war seine Inszenierung von Offenbachs Ritter Blaubart einer der Publikumsrenner. Zudem handelt es sich bei Die schöne Helena um ein großartiges Ensemblestück. Und wir haben ein Ensemble, das die hohen stimmlichen, darstellerischen und tänzerischen Anforderungen brillant meistern kann.

Was zeichnet Offenbach gegenüber anderen Komponisten des Genres aus?
BARRIE KOSKY Er ist das »Mutterschiff« der Operette des 20. Jahrhunderts. Ohne Offenbach kein Strauss, kein Léhar, kein Kálmán. Offenbach revolutionierte Mitte des 19. Jahrhunderts den musikalischen Unterhaltungsbereich in Paris, feierte aber gleichzeitig Erfolge in Wien und Berlin. Er trat unter anderem äußerst erfolgreich als Dirigent am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin auf! Man könnte Offenbach als Inbegriff des Weltbürgers bezeichnen. Ein Cello-Wunderkind, das seinem Vater beim Klezmer-Spielen ebenso zuhörte wie dem Gesang in der Synagoge und das für seine Ausbildung schon im Kindesalter nach Paris ging. Als Diaspora-Künstler war Offenbach ein sozialer »Insider-Outsider«, was ihm ermöglichte, auf eine Kultur subjektiv und objektiv zugleich zu blicken. Offenbach ohne das Französische wäre Lortzing. Dieser multikulturelle Hintergrund ist allerdings nichts spezifisch Jüdisches, heutzutage ist er eher der Normalfall. Aber zu Offenbachs Zeiten war das sehr ungewöhnlich. Und das macht Offenbach so besonders.

Erkennt man denn etwas »typisch Jüdisches« in seiner Musik?
BARRIE KOSKY Die Sehnsucht – die stammt direkt aus dem jüdischen Background. Keiner kann mir erzählen, dass einen Menschen die Musik, die er in seiner Kindheit Woche für Woche in der Synagoge gehört und später auch gesungen hat, nicht beeinflusst. Offenbachs Musik ist durchtränkt von der jüdischen Musiktradition, die Arien sind geradezu in der Musik der Synagoge mariniert. In anderen Teilen ist die Musik typisch Französisch. Kein Wunder, dass Wagner Offenbach hasste.

Weil er ein Jude war?
BARRIE KOSKY Wagners Hass auf Offenbach hatte weniger mit Antisemitismus zu tun. Offenbach hasste Wagner ebenso. Wagner versuchte, sich als großer deutscher Nationalkomponist Anfang der 1840er Jahre in Paris durchzusetzen, und scheiterte auf ganzer Linie. Und dann kommt da irgendein jüdischer Immigrant dahergelaufen, und ganz Paris schließt ihn in die Arme. Wagner war schlicht eifersüchtig. Offenbach verkörperte so ziemlich alles, was Wagner verabscheute. In gewisser Hinsicht sind die Beiden zwei Seiten derselben Medaille. Ursprünglich wollte Offenbach anstelle der Schönen Helena eine Tannhäuser-Parodie schreiben. Das wäre fabelhaft gewesen, am besten für Bayreuth ...

Deshalb also die Wagner-Zitate in der Inszenierung ...
BARRIE KOSKY Die Wagner-Einwürfe verwenden wir, weil wir es einfach lustig fanden, wenn z. B. Kalchas das Donnermotiv aus Rheingold verwendet, um den Groll der Götter zu verdeutlichen. Seine kleine Donnermaschine läuft eben mit Wagner. Wichtig ist allerdings: Auch wenn es für jedes dieser Einsprengsel einen spezifischen Grund gibt, sie sind nur die Kräuter, die man über den Braten streut!

Offenbach gilt ja nicht nur als zentrale kulturelle und gesellschaftliche Figur, sondern auch als scharfer Kritiker seiner Zeit …
BARRIE KOSKY Meiner Meinung nach ist die Gesellschaftssatire der Offenbach-Zeit eine völlig andere als die heutige. Der für diese Seite seiner Werke notwendige Subtext existiert einfach nicht mehr. Es wäre lächerlich, Die schöne Helena einem Berliner Publikum des 21. Jahrhunderts nur mit der Absicht vorzuführen, dass es in Offenbachs Kritik am Second Empire die eigenen, heutigen Verhältnisse wiedererkennt. Man darf den Subtext nicht als Haupttext inszenieren. In der Vergangenheit ist das manchmal passiert, wenn versucht wurde, die Operette als Vehikel für politische Statements zu nutzen. Man kann das machen, meiner Meinung nach wird man dem Werk damit aber nicht gerecht. Für mich beinhaltet das Werk viel interessantere Elemente. Was aktuell geblieben ist, ist beispielsweise
die Kritik an der Institution Ehe. Gescheiterte oder problematische Ehen durchziehen das gesamte Opernrepertoire wie ein roter Faden und geben als zentrale Zutat jeder Farce ihre Würze. Und Operette
ist eine Art musikalische Version der französischen Farce.

Was ist dann so wegweisend an Die schöne Helena?
BARRIE KOSKY Das Abfeiern des Nonsens gemischt mit Erotik. Das ist ein Mix, den man so erst im 20. Jahrhundert wiederfindet. Offenbach brachte das Thema des Trojanischen Kriegs nicht einfach als Komödie auf die Bühne, sondern als surrealistische Dada-Komödie. Dada und der frühe Surrealismus, das hat viel zu tun mit Offenbach. Hannah Höch, John Heartfield und besonders Marcel Duchamp – es ist dieser Humor in Kombination mit Ungezogenheit.

Warum ungezogen?
BARRIE KOSKY Man muss sich nur die Darstellerin der Helena in der Uraufführung ansehen: Hortense Schneider – »La Snédèr« –, diese üppige Rubens-Frau mittleren Alters, die die Partie in hauchdünnen, durchsichtigen Kostümchen spielte – es war ein Skandal! Sie war die Bette Midler des französischen Theaters.

Das klingt sehr unterhaltsam, aber was ist daran so radikal?
BARRIE KOSKY Wir haben es hier mit einem der ersten Werke zu tun, in dem die weibliche Hauptrolle nicht stirbt, keine Verliererin ist, sondern die klügste Figur auf der Bühne, die alle unter Kontrolle hat. So etwas wird man bei Strauss oder Léhar vergeblich suchen, wohl aber bei Kálmán finden, besonders in seinen Berliner Operetten. Helena, die Baronesse de Faublas aus Paul Abrahams Ball im Savoy und Nico Dostals Clivia spielen nochmal in einer ganz anderen Liga als z. B. Rosalinde aus Johann Strauss’ Die Fledermaus. Die Helena der griechischen Sagenwelt – Auslöser für den Trojanischen Krieg – ist bei Offenbach kein passives Entführungsopfer, sondern eine Frau, die, gelangweilt von ihrem Mann, gelangweilt vom Leben, einfach nur raus will aus einer schlechten Ehe. Sie sucht sich ihre Männer selbst aus. Helena ist in diesem Werk nicht einfach eine männliche Projektion, sondern ein vollausgebildeter, dreidimensionaler Charakter und damit eine Vorläuferin von Carmen, Salome und Lulu. Sie trieft regelrecht vor Ironie und blickt damit direkt in Richtung 20. Jahrhundert. Offenbach bietet eine »proto-feministische« Lesart des mythologischen Stoffes. Und diese Lesart findet sich damit erstmals eben nicht in der großen Oper oder in der ernsten Literatur, sondern im satirischen Genre der Operette. Der Hintergrund, vor dem Offenbach diese Figur aber auftreten lässt, ist totaler Nonsens. Er präsentiert die hehren Figuren des griechischen Dramas in einer geradezu skandalösen Parodie. Die Helden sind einfach lachhaft, Idioten, die sich kabbeln und zanken. Sie sind nicht die Spur vornehm, nicht einen Hauch tragisch. Wenn man dieses Werk im 21. Jahrhundert präsentieren will, muss man das Nonsens-Element,
die »Monty-Python-Haftigkeit« herausarbeiten, die sich in der Musik wie im Text gleichermaßen findet.

Und wo spielt das Ganze?
BARRIE KOSKY Wir befinden uns in keinerlei historischem Setting, weder im alten Griechenland noch im Paris des Second Empire noch im 21. Jahrhundert. Wir befinden uns in einer vollkommen einzigartigen Komische-Oper-Welt, durch und durch erdacht. Diese erfundene Welt ist eine Reflexion auf die Musik. Und die gibt ein gnadenloses Tempo vor! Sehr schwierig, das zu inszenieren, denn der ständige Wechsel zwischen Musik und Dialogen wird schnell langatmig und behäbig. Das Tempo muss jenes sein, das wir
aus Cartoons kennen – Family Guy oder South Park – haarscharf an der Grenze zur Hysterie und gleichzeitig immer unter Kontrolle. Ich versuche, diese Verrücktheit, dieses Balancieren am Abgrund auf der Bühne herzustellen. Offenbachs Operette ist nicht nur Champagner. Sie ist ein sehr merkwürdiger deutsch-französisch-jüdischer Cocktail – mit einem guten Schuss Absinth darin. Ziemlich giftig. Und unter all den köstlichen Melodien ist ein durch und durch bissiger Humor am Werk.

Neun Wochen Probenzeit, drei und mehr Proben pro Tag – so viel Aufwand erwartet man eher bei einer Inszenierung von WagnersRing als bei einer Operette ...
BARRIE KOSKY Aber genau darum geht es in der Arbeit an einer Operette: Ein »Gesamtkunstwerk« herzustellen, in dem die Sprache des Textes, der Musik und des Körpers zu einer Einheit verschmelzen. Wie in der Opéra comique müssen auch in der Operette Gesang, gesprochenes Wort und Bühnenvorgänge ganz dicht miteinander verwoben werden. Das ist die Arbeit, und sie kann ausschließlich während der Proben vonstattengehen, im selben Raum mit den Sängern, den Tänzern, dem Musikalischen Leiter und dem Choreographen – stunden-, tage-, wochenlang. Um das erwünschte Ergebnis zu erzielen, wird mal die Choreographie für die Musik etwas verlangsamt, mal muss das Orchester etwas schneller spielen, manchmal muss eine kleine Zäsur in die Musik eingefügt werden. Nichts davon kann man sich im Vorfeld ausdenken. Alles passiert auf der Probe. Diese Arbeitsweise dringt in die tiefsten Schichten der Partitur vor. Man erarbeitet regelrecht eine »Timing-Partitur« für jede Bewegung, jeden gesprochenen Text, wie bei einer durchkomponierten Oper. Bei der stellt uns der Komponist freundlicherweise bereits die
gesamte Struktur zur Verfügung.

Klingt, als gäbe es bei den Proben nicht allzuviel zu lachen – aber wie wird so ein »Gesamtkunstwerk« dann komisch?
BARRIE KOSKY Timing, Timing, Timing! Was das perfekte Timing angeht, führe ich gerne das Beispiel der Marx Brothers an, die ja ursprünglich vom Vaudeville kamen. In den Filmen der Marx Brothers bemerkt man immer wieder kleine Pausen, auch innerhalb einer Aktion, und fragt sich: Warum? Sie sind schlicht da, weil man davon ausging, dass das Publikum hier lacht. Aber woher wussten sie das? – Ein Jahr vor der Filmaufzeichnung gingen die Marx Brothers mit ihrem Programm auf Tournee. Die Nummern wurden in einem Testlauf »live geprüft«, ehe man sie auf Zelluloid bannte. Was so leicht aussieht, ist also in Wirklichkeit das Ergebnis eines sehr langen Arbeitsprozesses. Es geht immer darum: Wo genau setzt man eine Pause, wie lange soll, darf, muss sie sein? Das ist bisweilen fast schon quälend. Mit Ironie zu unterhalten, ist »bloody hard«!

Exaktes Timing, perfekte Homogenität, das wünscht man sich eigentlich für jede gute Musik-Theater-Aufführung. Gibt es noch eine spezifische Offenbach-Herausforderung?
BARRIE KOSKY In der Berliner Jazz-Operette kann man einfach auf die Tube drücken und die wilde Verrücktheit des Jazz vorantreiben. Bei Offenbach hingegen hört man den Motor der anbrechenden technischen Revolution, den Motor der Lokomotive. Brillanterweise baut er diesen Scherz in Die schöne Helena ein. Aber man hört es auch in der Musik: Jedes Finale gleicht im Rhythmus einer anrollenden Lokomotive. Die Musik, die Offenbach auf die Bühne bringt, ist »der Sound der Revolution«. Der Sound ist noch leichter, spritziger als im Jazz, und er kann sehr leicht kaputt gemacht werden. Deshalb arbeiten wir in diesem Fall auch ausschließlich mit dem Ensemble der Komischen Oper Berlin und nicht mit Gastkünstlern, wie das in der Jazz-Operette großartig funktioniert. Ich wollte die Opernstimmen nicht mit anderen mischen, keine Mikroports benutzen. Offenbachs Musik gibt mir die Chance, gemeinsam mit dem
Ensemble eine musikalische Welt zu entdecken, die der Jazz-Operette vorausgeht und gleichzeitig schon auf sie verweist. Denn selbst wenn Rhythmus und Melodien noch eine andere Landschaft als im 20. Jahrhundert aufweisen, Offenbach blickt stilistisch klarer in die Zukunft als jeder andere Grand-opéra-Komponist des 19. Jahrhunderts. Sein Sound ist ein Kassandra-Ruf, die unterschwellig siedende Vorahnung dessen, was kommen wird …

Stab

Musikalische Leitung
Inszenierung
Choreographie
Bühnenbild
Kostüme
Dramaturgie
Licht

»Umwerfend. Überwältigend. Überrumpelnd. Es gibt keine anderen Bezeichnungen, um die Neuproduktion der Komischen Oper in Berlin zu beschreiben.« [Die Welt]
Die Komische Oper Berlin ist das führende Opernhaus im deutsch-sprachigen Raum, das sich vor und hinter den Kulissen interkulturell öffnet. In diesem Buch wird ihr bahnbrechendes Projekt »Selam Opera!« eindrucksvoll dokumentiert und reflektiert.

Ein ganzes Wochenende wird die Vielfalt türkischer Musik gefeiert. Von anatolischer Folklore bis zu zeitgenössischen türkischen Kompositionen.
Was ist der »Oper-O-mat«? Ein Frage-und-Antwort-Tool, das Ihnen die Auswahl für einen gelungenen Opernabend erleichtern soll. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren. Und nehmen Sie unsere Auswahl ernst, aber auch nicht zu ernst ...