Foto: Monika Rittershaus
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Wolfgang Amadeus Mozart

Die Hochzeit des Figaro

Opera buffa in vier Akten (1786)
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze
»Ich oder Er – Sie oder Du!« Buffa-Klassiker nach Baumarchais, die erste Oper Mozarts auf ein Libretto Lorenzo Da Pontes in einer temporeichen Inszenierung, die dem Untertitel der literarischen Vorlage voll und ganz gerecht wird: »Der tolle Tag« als schräger Opernabend.

Alles dreht sich um Susanna: Mit ihr ist Figaro verlobt, Cherubino ist in sie verliebt und auch der Graf kann nicht die Finger von ihr lassen. Durch trickreiche Verkleidungen, mit Briefen, Befehlen und inszenierten Schäferstündchen versuchen der Kammerdiener Figaro, die Zofe Susanna, der Page Cherubino und ihre adeligen Herrschaften, Graf Almaviva nebst Gattin Rosina, Ordnung im Liebesleben und Hofstaatswesen zu stiften – und landen jeder an des anderen Platz. Erst ganz zum Schluss obsiegen Liebe, Selbsteinsicht und Recht.
Mit leichter Hand folgt Barrie Kosky, der Mozarts Figaro irgendwo »zwischen Luis Buñuels diskretem Charme der Bourgeoisie und Duck Soup von den Marx Brothers« verortet, den allzu menschlichen Irrungen und Wirrungen der Mozartschen Charaktere. Er presst Susanna und Figaro und den Grafen und obendrein den gesamten Chor dicht-gedrängt in eine enge Kammer oder lässt sie im nächtlichen Dunkel der nahezu leeren Bühne von den eigenen Gefühlen verwirrt aneinander vorbei irren: »Sie oder Du – Ich oder Er!«

Im Repertoire seit 23. Januar 2005
3 Stunden 30 Minuten
Kostenlose Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer (außer bei Premieren und Sonderveranstaltungen).
1. Akt
Am Tag ihrer Hochzeit hat Graf Almaviva Susanna und Figaro ein winziges Zimmer überlassen. Während Figaro von der vorteilhaften Lage des Wohnraums überzeugt ist, entdeckt Susanna darin lediglich einen weiteren Versuch des Grafen, ihr nachzustellen.
Bartolo und Marcellina wollen die Hochzeit verhindern. Bartolo sieht die Chance, endlich an seinem Widersacher Rache zu nehmen, indem er ihn zwingt, das gegen Geld verpfändete Eheversprechen zugunsten Marcellinas einzulösen.
Der Graf hat Cherubino beim Rendezvous mit Barbarina erwischt. Der junge Mann fürchtet nun, der Herr könnte ihn zur Strafe aus dem Schloss verbannen und bittet Susanna, sich bei der Gräfin für ihn zu verwenden. Vor dem überraschend eintretenden Grafen kann er sich gerade noch verstecken und wird so Zeuge, wie Almaviva Susanna zu einem Schäferstündchen drängen will.
Basilio kommt hinzu, und der Graf muss sich ebenfalls verstecken. Basilios Anspielungen auf eine vermeintliche Liebschaft zwischen Cherubino und der Gräfin bringen den Grafen so in Wut, dass er aus seinem Versteck tritt. Er erzählt, wie er Cherubino überrascht hat, und entdeckt ihn auch hier.
Figaro bringt die Hausangestellten des Grafen herbei, die eine Lobeshymne auf den Edelmut ihres Herren singen. Almaviva lässt sich von der Rache an Cherubino nicht abbringen und schickt ihn als Offizier fort.

2. Akt
Susanna erzählt der Gräfin vom Annäherungsversuch des Grafen. Figaro entwickelt einen Plan, wie man den Grafen bloßstellen und seine Pläne durchkreuzen kann: Almaviva soll in einem anonymen Brief von einem vermeintlichen Rendezvous der Gräfin unterrichtet -werden. Zudem soll Susanna in die von ihm angestrebte Verabredung einwilligen, zu der allerdings nicht Susanna, sondern der als Frau verkleidete Cherubino gehen wird.
Die Gräfin und Susanna probieren, wie Cherubino sich in Frauenkleidern ausnimmt, als plötzlich der Graf dazu kommt. Cherubino versteckt sich. Durch den anonymen Brief eifersüchtig gemacht, vermutet Almaviva einen Liebhaber hinter der Tür, die die Gräfin nicht öffnen will. Der Graf zwingt seine Frau, mit ihm gemeinsam das Zimmer zu verlassen, um Werkzeug zu holen, mit dem er die Tür gewaltsam öffnen will, und schließt den Raum ab. Cherubino rettet sich durch einen Sprung in den Garten und Susanna versteckt sich an seiner Stelle.
Zurückkehrend gesteht die Gräfin, Cherubino halte sich nebenan verborgen. Wutentbrannt bricht der Graf die Tür auf, da tritt ihm Susanna entgegen. Die Gräfin ist nicht weniger verblüfft als ihr Mann, findet sich aber schnell in die Situation. Zerknirscht entschuldigt sich der Graf.
Figaro meldet die Ankunft von Musikern und Gästen: Die Hochzeitsfeier kann beginnen. Doch der Graf geht nicht darauf ein, sondern stellt ihn wegen des Briefs zur Rede. Figaro gibt sich ahnungslos – aber Susanna und die Gräfin hatten bereits gestehen müssen, dass er der Verfasser des Schreibens ist. Der Gärtner Antonio platzt herein und beschwert sich, dass jemand aus dem Fenster in die Rabatte gesprungen sei. Figaro rettet die Situation, indem er behauptet, er selbst sei gesprungen. Auch die Frage, warum er das Offizierspatent Cherubinos bei sich getragen habe, kann er beantworten. Da kommen noch Marcellina, Basilio und Bartolo hinzu, um Marcellinas Eherechte einzufordern. Der Graf kann Zeit gewinnen: Er verspricht eine eingehende Prüfung des Kontraktes – die Hochzeit ist fürs Erste verschoben.

3. Akt
Wie mit der Gräfin geplant, verabredet Susanna sich mit dem Grafen zu einem Schäferstündchen.
Der Graf durchschaut durch ein Missgeschick die Intrige und verurteilt Figaro zur Zahlung der Summe, die er Marcellina schuldet, oder zur Heirat mit ihr. Es stellt sich jedoch heraus, dass Figaro der entführte uneheliche Sohn Marcellinas und Bartolos ist – statt eine Heirat zu vereiteln, wird eine zweite arrangiert.
Die Gräfin diktiert Susanna einen Brief, in dem der Graf zu einem nächtlichen Rendezvous in den Garten bestellt wird. Als Susanna verkleidet will sie ihren Mann zurückerobern. Mit einer Nadel wird der Brief versiegelt.
Der Graf entdeckt, dass sich Cherubino nach wie vor im Schloss aufhält. Als Gegenleistung für sexuelle Gefälligkeiten bittet Barbarina den Grafen, Cherubino heiraten zu dürfen. Erneut erscheint Figaro und drängt darauf, die Hochzeit endlich zu vollziehen. Während der Hochzeitszeremonie wird dem Grafen Susannas Brief zugespielt.

4. Akt
Barbarina hat die Nadel verloren, die sie im Auftrag des Grafen an Susanna zurückgeben soll. Davon berichtet sie Figaro, der sofort von der Untreue seiner Braut überzeugt ist.
Im nächtlichen Garten gibt Susanna, in den Kleidern der Gräfin, vor, auf einen Liebhaber zu warten. Figaro wird Zeuge und ist außer sich.
Cherubino trifft auf die als Susanna verkleidete Gräfin und macht ihr Avancen. Gerade noch kann sie sich seiner erwehren, als der Graf dazu kommt. Vor den Augen und Ohren aller verführt der Graf schließlich seine verkleidete Gattin.
Figaro trifft auf Susanna. Zwar hat er ihre Verkleidung durchschaut, aber er geht auf das Maskenspiel ein und gesteht der vermeintlichen Gräfin seine Liebe. Susanna quittiert dies mit Ohrfeigen, die er als Beweis ihrer Liebe wertet. Der Graf überrascht sie bei ihrer Versöhnung und ist nun von der Untreue seiner Gattin überzeugt. Unerbittlich verweigert er die Vergebung, bis die Gräfin auftritt und die Situation klärt. Nun muss Graf Almaviva seinerseits um Verzeihung bitten.
»„Ihr, die ihr wisst, was Liebe ist“: Selten kommt Mozarts kühl sezierendes, blanke Trivialität mit innigstem Ausdruck verschmelzendes Meisterwerk derart hinreißend komisch auf die Bühne wie hier.«
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»Mit dieser umjubelten Premiere ist die Komische Oper einen weiteren Schritt auf ihrem Konsolidierungskurs vorangekommen. Koskys »Figaro«-Spaß dürfte nicht nur regelmäßig für ein ausverkauftes Haus sorgen, mit dieser Produktion kristallisiert sich auch weiter heraus, dass der Mozart-Zyklus zum Alleinstellungsmerkmal des Hauses wird.«
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Das Leben ist ein langsamer Tango …
Ein Gespräch mit Barrie Kosky zu Die Hochzeit des Figaro

Du hast Mozarts Hochzeit des Figaro schon einmal inszeniert. Mit dieser Inszenierung bist du inzwischen nicht mehr zufrieden. Was stört dich an dieser älteren Arbeit, und was willst du nun anders machen?

Damals war ich mit der Arbeit sehr zufrieden. Aber das ist viele Jahre her, und inzwischen sehe ich in dem Stück viele Dinge, die mich damals noch nicht interessiert haben. Hinzu kommt, dass bei dieser ersten Inszenierung alle Sänger sehr jung waren. Damit hat, wie ich jetzt finde, das Stück etwas verloren. Denn es führt einen Mikrokosmos der Gesellschaft vor, einen Querschnitt durch verschiedene Generationen und soziale Schichten. Aber ich war damals erst zwanzig Jahre alt, und inzwischen habe ich viel mehr Erfahrungen und sehe viele Dinge ganz anders.

An welchen Punkten deiner Sicht auf das Stück zeigt sich diese Veränderung besonders deutlich?

Damals hatte die Aufführung eine große jugendliche Frische, und es ergab sich fast zwangsläufig, dass für mich die Geschichte von Susanna und Figaro im Mittelpunkt des Interesses stand, während mich der Konflikt zwischen der Gräfin und dem Grafen weniger interessiert hat. Inzwischen bin ich wohl etwa im Alter dieser beiden Figuren, und ich kann ihre Probleme besser nachvollziehen. Damit ergibt sich eine Verschiebung der Gewichte. Aber Die Hochzeit des Figaro ist eine Ensembleoper. Das bedeutet, dass man alle Figuren ernstnehmen muss.
Nichtsdestoweniger glaube ich, dass die Gräfin in diesem Stück die Figur mit der größten Entwicklung ist. Am Anfang erleben wir sie in tiefer Melancholie: Sie will sterben, wenn sie die Liebe ihres Mannes nicht zurückbekommen kann. Dann wird sie aktiv, um zu verhindern, dass ihr Mann die Hochzeit von Figaro und Susanna hintertreibt. Durch all die Verwirrungen kommt sie dann im dritten Akt zu einem Punkt, wo sie zwar den Verlust der schönen Zeiten mit dem Grafen beklagt, dann aber über die resignative Haltung hinausgeht und den Entschluss fasst, ihren Mann durch ihre Liebe aus seiner Lieblosigkeit zu retten. Und am Schluss hat sie den Moment beeindruckender menschlicher Größe, wenn sie ihm verzeiht.
Überhaupt interessiert mich jetzt die wunderbare Kombination von Melancholie und Witz in diesem Stück viel mehr als damals. Diese Mischung ist ja ein Charakteristikum aller guten Komödien. Wenn man zum Beispiel an Shakespeare denkt, an den Sommernachtstraum oder an Wie es euch gefällt. Das sind wunderbar komische Stücke, aber eine gute Komödie hat auch ihre Schattenseiten, und führt uns unsere Vergänglichkeit vor Augen. Bei der Hochzeit des Figaro bleibt am Ende bei allem Spaß immer auch Melancholie.

Man sagt, dass es besonders schwer ist, auf eine gute Art komisch zu sein …

Das ist wirklich so. Ich glaube, man findet leichter einen Ansatz für die Inszenierung einer Tragödie wie Hamlet oder König Lear als für eine gute Komödie. Dabei ist das Wichtigste, dass das Publikum lacht, nicht die Darsteller. Die Figuren dürfen in keinem Augenblick wissen, dass das, was sie tun, komisch ist. Die wirklich gute Komödie entsteht, wenn die Situationen für die Figuren wirklich beängstigend und gefährlich sind und sich auf eine komische Weise entwickeln.
Hinzu kommen technische Herausforderungen, die insbesondere den »Figaro« zu einem sehr schweren Stück machen. Das Stück erfordert ein sehr genaues Nachdenken darüber, wer wann wo steht, wer etwas hört oder nicht, wer in welchem Moment durch welche Tür kommt, wo gewisse Requisiten positioniert sind usw., weil viele Szenen sonst einfach nicht funktionieren. Aber es genügt natürlich nicht, diese Forderungen nur mehr oder weniger virtuos zu erfüllen, sondern man muss die Aktionen auch noch so fuhren, dass sie einen Sinn haben, dass sie eine Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut erzählen. Es handelt sich eben nicht um eine Typenkomödie, auch wenn das Stück aus der Tradition der Commedia dell‘ arte stammt. Wir haben sehr differenziert aufgebaute Charaktere, die durch alle Höhen und Tiefen des Lebens gehen. Übrigens ist es am schwersten, eine gute Komödie in der Oper zu machen.

Warum das?

Weil die Musik den Zeitablauf und den Rhythmus der Szenen genau festlegt. Damit ist man viel stärker gebunden als im Schauspiel.

Aber Mozarts Musik ist doch sehr komisch …

Natürlich! Mozart war ein genialer Komiker, ihm hätten die Marx Brothers ganz bestimmt sehr gut gefallen. Ich glaube, Mozart war der geborene Komödienkomponist. Seine Musik sprüht in nahezu jedem Takt vor Witz. Natürlich ist diese Musik für eine Inszenierung sehr inspirierend, aber leichter wird es mit ihr nicht.

Du hast gesagt, dass dich heute – anders als bei deiner ersten Inszenierung – die Geschichte des Grafen und der Gräfin stark interessiert. Bedeutet das, dass der Titelheld der Oper für dich nicht die zentrale Figur des Stücks ist?

Nein, das ist er mit Sicherheit nicht. Wir haben es mit einer Gesellschaftskomödie innerhalb eines Ensemblestücks zu tun. Eigentlich hat das Stück keine Hauptgestalt. Mozart formt jede Figur zu einem vollständigen Charakter aus Fleisch und Blut, und eine gute Inszenierung wird dem entsprechen. Es ist doch interessant, dass die Oper zwar »Die Hochzeit des Figaro« heißt, aber Susanna in der ganzen Geschichte viel aktiver und auch erfolgreicher ist als ihr Bräutigam. Und außerdem dreht sich fast das ganze Stück um die Frage, wie man den Grafen so blamieren kann, dass er der Hochzeit zustimmen muss. Wenn man die Sache genau betrachtet, stellt sich heraus, dass eigentlich Susanna der Motor der Handlung ist, während Figaro immer mehr die Kontrolle über die Situation verliert. Er hat eine gute Idee, aber er kann sie nicht wirklich durchführen und je komplizierter die Situation wird, desto mehr verheddert er sich in seiner eigenen Intrige.

Wenn die Frauen am Ende nicht die Initiative ergreifen würden …

… würde die Sache wohl kaum gut ausgehen. Die Frauen erweisen sich als die geschicktesten und klügsten Figuren des ganzen Stücks. Wenn sie sich verbünden und die Sache schließlich in die Hand nehmen, führen sie die Lösung des Konflikts herbei. Die Männer stehen dann eigentlich ziemlich dumm da.

Welche Position hat Cherubino in diesem Figurenensemble?

Er steht sozusagen dazwischen. Er ist vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, also in einem Alter, wo noch alles möglich ist. Auch er macht in der Oper eine große Entwicklung durch. Am Anfang ist er noch in gewisser Weise unschuldig und versucht einfach nur mit der für ihn ganz neuen und fast unbegreiflichen Erfahrung der erwachenden Sexualität zurechtzukommen. Aber er lernt schnell und seine Aktionen im vierten Akt zeigen deutlich, dass es mit der Unschuld vorbei ist und wohin das führen wird.

Für die meisten Zuschauer dürfte es ziemlich unerwartet und verblüffend sein, dass du jüdische Elemente in deine Inszenierung einbringst. Wie kommen die in Mozarts Opern?

In meinen Inszenierungen kommen öfter jüdische Elemente vor, was ganz einfach damit zu tun hat, dass ich Jude bin und aus meinen Erfahrungen und aus dem kulturellen Kontext schöpfe, in dem ich lebe. Ich halte das für selbstverständlich. Der eine ist Jude, der andere ist Zahnarzt, der dritte ist vielleicht Chinese und jeder sieht die Welt auf eine bestimmte Art und lebt in einer bestimmten Kultur, die seine Phantasie und seine Weltsicht und damit zum Beispiel auch seine Inszenierungen prägt.

Sowohl das Schauspiel von Beaumarchais als auch Mozarts Oper wurden in der Zeit kurz vor der Französischen Revolution als politisch skandalös empfunden. Spielen solche politischen Hintergründe für deine Inszenierung eine Rolle?

Wenn man das Stück liest, kann man sich gut vorstellen, wie stark die politische Wirkung damals gewesen sein muss. Aber wir leben nicht mehr am Ende der Feudalepoche. Wir können uns nicht für drei Stunden in eine Zeitblase setzen und so tun, als wäre in den letzten 200 Jahren nichts passiert. Ich glaube, dass sich das Stück seit seiner Entstehung von einer aktuell politischen Komödie zu einem Stück über die Politik der menschlichen Beziehungen entwickelt hat. Mir geht es nicht darum mit der Inszenierung ein Statement zu politischen Problemen des späten 18. Jahrhunderts abzugeben. Überhaupt finde ich es sehr interessant zu verfolgen, wie sich ein Kunstwerk mit der Zeit verändert. Zur Zeit seiner Entstehung hat es einen gewissen Inhalt und eine gewisse Botschaft, hundert Jahre später bedeutet es in einem veränderten gesellschaftlichen Kontext etwas anderes und weitere hundert Jahre später wieder etwas ganz anderes. Ganz deutlich wird das, wenn man sich mit einem griechischen Drama beschäftigt. Wenn wir so ein Stück spielen, hat die Aufführung gar nichts mit dem zu tun, was damals vermutlich stattfand. Und ein Großteil der Zuschauer interessiert sich gar nicht für die religiösen und politischen Fragen, die diese Texte reflektieren. Aber sie enthalten etwas, das über die Zeiten hinweg immer wieder zur Auseinandersetzung reizt und immer wieder neue und interessante Problemstellungen hervorbringt. Diese Wandlungsfähigkeit und komplexe Deutungsmöglichkeit sind es, die ein großes Kunstwerk auszeichnen. Beim »Figaro« liegen die Dinge nicht anders. Ich bin überzeugt, dass die Zuschauer, wenn sie das Stück sehen, an dem reichen Beziehungsgeflecht und den spannenden Geschichten der Figuren ihre Freude haben, nicht aber an einem politischen Untertext, der vor 200 Jahren von Interesse war.

Das Stück führt Figuren vor, die mit komplizierten erotischen Verwicklungen fertig werden müssen. Ist die Macht des Eros, um die es anscheinend geht, ein unpolitisches Thema?

Ganz im Gegenteil. In seinem Kern behandelt das Stück ein Problem, das mit einer der Grundfragen unserer menschlichen Existenz zu tun hat: Wir sind zu einem Teil Tiere, weil wir biologische Eigenschaften und Bedürfnisse haben, die wir mit allen Tieren teilen (wir haben den Trieb, Nahrung aufzunehmen, uns fortzupflanzen, unsere Existenz zu wahren usw.), und zu einem Teil sind wir etwas anderes, weil wir etwas haben, worüber andere Tiere nicht verfügen – die Vernunft, die Fähigkeit, Kulturen zu errichten und eine Seele. Diese Elemente in uns stehen in einem ständigen Konflikt, und es ergibt sich die Frage, wie man eine Balance zwischen diesen Kräften finden kann. Dieser Widerspruch ist eigentlich der treibende Impuls der Handlung in unserem Stück.

Dargestellt am Konflikt zwischen erotischer Libertinage und der Norm ehelicher Treue. Auf welche Seite stellt sich Mozart?

Auf keine von beiden. Mozart fällt ebenso wie Shakespeare kein moralisches Urteil über das Geschehen und die Figuren. Das ist eine seiner großen Stärken. Er erklärt nicht eine der beiden Seiten zum Gewinner in einem Boxkampf, denn es ist eigentlich gar kein Boxkampf. Es ist eher wie ein langsamer Tango, den diese beiden Teile der menschlichen Existenz miteinander tanzen. Und es wäre falsch, eine Seite auf Kosten der anderen zu bevorzugen, weil dann der Tanz nicht mehr funktionieren kann. Es wäre also ebenso falsch (und übrigens auch unmöglich), die »tierischen« Triebe zu unterdrücken, wie es falsch wäre, sie rücksichtslos auszuleben. Wir müssen mit diesem Konflikt leben. Manchmal ist das leicht, manchmal ist es schwer, aber es ist das Leben, und das müssen wir aushalten.
Mozart bietet keine Lösung für dieses Problem an. Es ist ein unlösbares Problem.

Aber immerhin kommt das Stück zu einem glücklichen Ende.

Man muss sich aber fragen, was es mit diesem Happy End auf sich hat. Der Graf bittet seine Frau um Verzeihung, und sie sagt: »Ja, ich verzeihe dir.« Aber sie sagt nicht: »Ich werde für den Rest meines Lebens mit dir zusammen bleiben.« Und er sagt nicht, wofür er eigentlich die Verzeihung erbittet. Für sein Verhalten an diesem einen »tollen Tag« oder für sein ganzes Leben? Es ist doch klar, dass der Graf, wenn er am nächsten Morgen aufwacht, ebenso weitermachen wird wie bisher. Ich glaube, die Gräfin weiß das sehr genau. Darum sehe ich den Schluss für die Gräfin eher melancholisch. Sie ist in ihrer Liebe gefangen. Wenn sie ihrer Vernunft folgen würde, müsste sie sich von diesem Mann trennen, aber sie liebt ihn und kann es nicht.

Und man wird auch fragen müssen, was das denn für eine Ehe werden soll zwischen Marcellina und Bartolo. Und ob Figaro und Susanna nach diesem Tag so weiterleben können wie bisher.

Auch auf diese Fragen gibt uns das Stück keine Antwort. Sie sind dem Zuschauer überlassen. Darum finde ich einen Schluss, bei dem alle Sänger mit dem letzten Ensemblesatz einfach an die Rampe treten und singen, wie schön doch alles ausgegangen ist, viel zu oberflächlich. Natürlich gibt es Freude an diesem Schluss, wenn auch vielleicht nicht für alle in gleichem Maße. Aber man weiß nicht, wie es weitergeht. Das macht in meinen Augen die Schönheit dieser Oper aus: Sie zeigt uns ein Stück Leben. Und das ist mal süß, mal sauer, mal schmackhaft, mal fad, mal lustig, mal traurig, aber es ist immer das Leben.

Das Gespräch führte Werner Hintze

Stab

Musikalische Leitung
Johannes Debus
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Marianne Häntzsche, Birgit Wünschmann
Dramaturgie
Werner Hintze
Licht
Franck Evin

Besetzung

Graf Almaviva
Gräfin Almaviva
Susanna
Cherubino
Marcellina
Basilio
Don Curzio
Bartolo
Antonio
Barbarina
Sheida Damghani
Erste Brautjungfer
Saskia Krispin
Zweite Brautjungfer
Mechtild Sauer

»Wie war das Leben schön! Heiteren Sinnes muss man sein, dazu hat einen die Vorsehung bestimmt.«
W. A. Mozart
Unser neues Arrangement für einen Opernabend der besonderen Art: Verbinden Sie den Vorstellungsbesuch mit einem Blick hinter die Kulissen und einem Drei-Gänge-Menü!
Ein ganzes Wochenende wird die Vielfalt türkischer Musik gefeiert. Von anatolischer Folklore bis zu zeitgenössischen türkischen Kompositionen.