Foto: Monika Rittershaus
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Wolfgang Amadeus Mozart

Die Entführung aus dem Serail

Singspiel in drei Aufzügen
Libretto von Christoph Friedrich Bretzner, bearbeitet von Johann Gottlieb
Stephanie d. J.
Nicht in dieser Spielzeit. Das aktuelle Programm der Komischen Oper Berlin finden Sie hier:

Mozart knallhart. Calixto Bieito zeigt die Frau als Objekt männlicher Leidenschaften und Begierden bis hin zur brutalen Verstümmelung des weiblichen Körpers. Und mittendrin die absurde Liebe zwischen dem Peiniger und seinem Opfer – und Mozarts Musik als Oase der Menschlichkeit.
Bieitos »Skandal«-Inszenierung »hat die Leute schwer gepackt und gespalten in Hasser und Fans … Es mag für manche eine Grenzerfahrung sein, aber es ist auch eine reinigende, kathartisch an die Urgründe des Theaters rührende, die Brutalität in ein Ritual verwandelt, ihm höhere Kunstwahrheit verleiht.« [Die Welt]
2 Stunden 15 Minuten (ohne Pause)
Kostenlose Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer (außer bei Premieren und Sonderveranstaltungen).
»Die verwickelte Beziehungsgeschichte von fünf Personen unter extremen Bedingungen gerät hier zu einem Meisterstück menschlicher Seelenschau. Die Aufführung, nun erneut im Spielplan, spaltete seit ihrer Premiere die Gemüter und führte zu einer umfangreichen Diskussion über die ästhetischen Grenzen heutigen Musiktheaters.«
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»Mozarts Musik, weiß Bieito, schließt das Herz auf. Jetzt das Messer in die Hand zu nehmen, ist keine Frage der Provokation. Sondern eine des Mutes. Und der Kraft. Und der Liebe.«
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Der Bassa Selim hat Konstanze und Blonde in seiner Gewalt und lässt sie für sich arbeiten. Osmin hält den Laden für ihn im Schach und kontrolliert den ebenfalls für Bassa arbeitenden Pedrillo.
Der Bassa hat sich in Konstanze verliebt und Osmin in Blonde. Pedrillo, der Blonde ebenfalls liebt, will den Frauen helfen, sieht aber keine Möglichkeit, bis Konstanzes Liebhaber Belmonte auftaucht.
Pedrillo und Belmonte schmieden Fluchtpläne, aber dazu müssen sie sich mit den zwei mächtigen Männern anlegen. Der Bassa und Osmin wollen sich die Frauen nicht wegnehmen lassen. Verzweifelt und mit brutaler Gewalt versuchen sie ihren Besitzanspruch geltend zu machen. Nach langem Kampf werden die Machtverhältnisse neu geordnet.
Liebe, Sex, Macht, Gewalt, Freiheit ...

Ein Gespräch mit Regisseur Calixto Bieito

Calixto Bieito: Alles, was in unserer Inszenierung geschieht, ist wie ein Traum des Bassa Selim. Ein Traum voller realer Bilder der gegenwärtigen Gesellschaft, der Beziehungen zwischen den Menschen. Es geht mir darum, die wirklichen Beziehungen zu zeigen, aber in einer Atmosphäre, die »erfunden« ist. Eine Erfindung in dem Sinne, dass die ganze Welt sozusagen das Bordell dieses Bassa ist.

Brutale Momente, Verhaltensweisen der Männer entstehen aus Angst?
Calixto Bieito: Sie kommen aus der Angst dieser Männer. Es ist mir wichtig zu zeigen, wie Angst die Beziehungen steuert. Mit Mozart habe ich die Möglichkeit, alle Gefühle des Lebens zu zeigen. Das Besondere an dieser Oper ist das emotionale Spektrum der Paarbeziehung. Ich denke, die Gesellschaft lebt momentan im Verfallensein an Emotionen. In Spanien oder in Deutschland – wir haben in Europa ein großes Problem mit Hingabe an Emotionen und an Liebe. Aus echter Hingabe wird oft ein Anheimfallen an die Emotionen. Zumindest aus Spanien kenne ich es, dass Männer Frauen töten, weil sie das nicht kontrollieren können. In Spanien starben von Januar bis Mai 2004 zwanzig Frauen allein aus diesem Grund. Jemand von der sozialistischen Partei sagte, diese barbarischen Zustände zu stoppen, wäre eine der vordringlichsten Aufgaben! Es ist ein Faktum, dass Männer in Beziehungen Angst davor haben, die Kontrolle über die Frauen zu verlieren.

Versetzen Sie deswegen die Geschichte in das extreme Milieu eines Bordells, wo diese Aspekte äußerst zugespitzt und plastisch zutagetreten und erzählbar werden?
Calixto Bieito: Die Zustände und Machtverhältnisse in einem Bordell, wo Frauen wie Sklaven gehalten werden, sind quasi wie die Essenz solcher latent in den Beziehungen schwelenden Kräfteverhältnisse. Und es stellt sich die Frage nach Freiheit extrem zugespitzt. Wie kann man einem solchen Teufelskreis entkommen? Wenn manchmal einige solcher Frauen und Männer einander lieben, die Frauen dann von den Männern »aus Liebe getötet werden« – ist das ein schreiender Widerspruch.

In unserer Gesellschaft gibt es viele romantische Klischees über Beziehungen, oft im Widerspruch zur Realität. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Gewalt und emotionalen Abhängigkeiten?
Calixto Bieito: Das beginnt bereits in der Schule. Es ist schade, dass dieser Spagat schon so früh entsteht. Dabei gibt es ein ganzes Spektrum möglicher Beziehungen, die auch romantisch sein könnten – einige zumindest. Doch meist spielt sich Liebe in unguten Formen ab oder ist Liebe einfach nicht gut.
Ich wähle ein extremes Ambiente für Mozarts Oper. Ich denke, selbst in einem wirklichen  Serail im Sinne des Islams herrschen äußerst harte Bedingungen für die Frauen. Auch wenn ich die islamische Kultur und die Existenz von Serails akzeptiere, denke ich, sind sie nicht gut für Frauen. Übrigens handelt das Stück nicht im geringsten von Fragen und Problemen islamischer Kultur oder vom Kampf zweier Kulturen.
Mozart schrieb ein Stück, in dem sich Europäer mit sich selbst auseinandersetzen. Insofern möchte ich das romantisch orientalisierende oder exotisierende Klischee, das der Entführung aus dem Serail oft angeheftet wird, zerstören. Dieses Klischee ist eine Verharmlosung der Oper. Ich nehme die äußere Dekoration des Stückes weg, um über die zentralen Themen zu sprechen: Freiheit und menschliche Beziehungen zwischen Mann und Frau.

In den Proben erarbeiten Sie lebensnahe, harte Kontraste und heftige dynamische Wechsel zwischen den Paaren, sodass hinter all dem plötzlich die Frage auftaucht, was Liebe eigentlich ist. Was stellen wir uns darunter vor und was findet in der Wirklichkeit statt?
Calixto Bieito: Das sollte die Frage am Ende der Aufführung sein: Was tun wir, wenn wir lieben? Wozu sind wir fähig für die Liebe, in Liebe? Was ist Liebe heute, was ist heute Freiheit? 
Die Oper zeigt eine Welt, die gegen Frauen ist. Auch der Titel Così fan tutte (»So machen’s alle Frauen«) impliziert ja etwas gegen die Frauen in der dortigen Geschichte. Hier in der Entführung aus dem Serail sind die Frauenfiguren wunderschön. Mozart porträtierte in ihnen wundervolle Charaktere. Sie leiden unter dem Druck der Männer und werden von ihnen zerstört.

Wie sehen Sie den Bassa Selim, der traditionell als souveräne, kultivierte, gebildete Figur und als Protagonist aufklärerischen Gedankenguts gezeigt wird?
Calixto Bieito: Ich denke, es ist vollkommen daneben, einen edlen, rätselhaften Bassa Selim zeigen zu wollen. Ich möchte dieses falsche Bild zerstören und einen wirklich menschlichen Mann zeigen, mitsamt seinen Obsessionen von Sexualität, seiner Liebe und seinen Aggressionen.

Sie haben die weisen Phrasen seines Textes gestrichen.
Calixto Bieito: Ja, um den Charakter realer zu machen. Bassa Selim ist kein Philosoph, seine  Denkweise ist eine billige Philosophie. Er erinnert mich sehr an Don Alfonso aus Così fan tutte, auch Don Alfonsos angebliche Weisheiten sind doch recht dumm.

Sie zeigen einen Bassa Selim, der besonders an sich selber leidet.
Calixto Bieito: Ja, an seiner Selbstdestruktivität.

Gibt es in Ihrer Sicht der Oper am Ende gar keine »Lösung« für die Figuren und ihre Geschichte?
Calixto Bieito: Nein, die gibt es nicht. Ich bin kein Philosoph. Das Libretto gibt die »Lösung« vor, dass Bassa Selim Toleranz walten und die anderen gehen lässt. Aber ich folge der Musik von Mozart, das ist etwas anderes. Ich möchte eine Interpretation der Musik finden, und die Musik ist abstrakter und offener als das Libretto und erlaubt eine Menge differenzierterer Sichtweisen.

Gibt der Bassa Selim die beiden Paare frei?
Calixto Bieito: Ich weiß es nicht. Ich werde es in Aktion entscheiden, aus der Entwicklung der Inszenierung heraus. Es wird sich ergeben, weniger aus der Dynamik der Proben als aus der Idee heraus, die wir zu bauen versuchen. Für mich ist es schwer zu glauben, dass Bassa Selim den anderen die Freiheit gibt, angesichts der heutigen Welt. Wir probieren verschiedene Versionen.

Je aggressiver der Bassa agiert, desto verzweifelter erscheint er.
Calixto Bieito: Seine traurige Verzweiflung ist der Schlüssel zu dieser Figur. Bassa Selim ist ein Mann, der alles hat. Er hat all diese Frauen, aber nun liebt er eine von ihnen, und das ist eine Art Selbstzerstörung für ihn.

Wäre es denkbar, dass er das Bordell aufgibt, ein neues Leben beginnt und zum Beispiel eine Familie gründet? Oder dass die Männer, die ja Konkurrenten sind, zum Schluss einen finanziellen Vergleich machen? Vielleicht eröffnet dann jeder ein eigenes Bordell …

Calixto Bieito: Das ist möglich, alles wäre möglich – aber Selim ist zu selbstzerstörerisch und schon zu sehr deformiert.

Auch die anderen Figuren sind deformiert vom Leben in Bassas Bordell. Sie zeigen, dass im berühmten Quartett von Belmonte, Konstanze, Pedrillo und Blonde die Frage aufkommt: Was ist mit der Liebe, was ist mit uns geschehen? Wie konnte das passieren? Wer bist du? Diese Situation wächst weit über die konkrete Situation im Bordell, das die vier verlassen wollen, hinaus.
Calixto Bieito: Ja, so passiert das in unser aller Leben. Deshalb suche ich, gemeinsam mit den Sängern, so sehr danach, im Quartett Verwirrung und Bestürzung deutlich zu machen. Zwischen den Liebenden entsteht da plötzlich eine große Leere. Und darin taucht die erschreckende Erkenntnis auf, dass sie keine Zukunft haben. Mit dieser Idee bauen wir den gesamten dritten Akt. Es ist eine interessante Arbeit: das Desolate der Figuren und ihrer Situation darstellerisch und aus der Musik heraus zu erfassen.
Es wäre gut, wenn die Geschichte am Ende ganz offenbliebe.

Verliert nicht Belmonte am meisten seine Identität? Frisch in die Situation im Bordell dazugekommen, durchlebt er in Kürze ein enormes Spektrum von Verwirrungen und stößt auf den Zynismus, dem die anderen mittlerweile erlegen sind.
Calixto Bieito: Belmonte verliert seine Identität schon sehr früh, weil er sich als Transvestit verkleiden muss, um überhaupt ins Bordell hineinzukommen. Aber er kommt auch mit einer großen Naivität und Ursprünglichkeit herein, die Schaden erleiden. Am Ende fragt man sich doch, wie er mit Konstanze nach Hause fahren und der gute Sohn seiner Mutter sein sollte. Das ist unmöglich.

In diesen irritierten, ihrer Konturen verlustig gehenden Figuren steckt viel Wahrheit und Realität. Und dazwischen, vielleicht gerade aus dieser Wahrheit heraus, entstehen immer wieder viele Augenblicke wirklicher Liebe.
Calixto Bieito: Ja, und die Sänger spielen es auch mit Liebe!
Ich glaube, dass die Liebe im wirklichen Leben existiert, aber wirklich zu lieben ist in unserer Zeit und Gesellschaft heute schwer. Das möchte ich zeigen. Es ist vielleicht die Summe vieler, vieler Momente. Und wie geht man mit der latenten Gewalttätigkeit um?
Unsere Inszenierung ist mehr als die Beschreibung spezieller und konkreter Verhältnisse in einem heutigen Bordell und kein vordergründiger Exkurs darüber, was Prostitution in unserer Gesellschaft bedeutet. Das ist nur das Gefüge, Gerüst und Gebälk dessen, worauf wir hinarbeiten: eine Bewegung des Lebens. Man muss einen speziellen Rahmen für die Sicht der Geschichte bauen (ohne sich der Geschichte zu versperren), um in die Tiefe gehen zu können; ich glaube nicht an abstrakte Oper. Auf diesem Weg gelingt es, die Geschichte des Stückes offener zu machen, anstatt sie zu leugnen. Auch wenn der Bassa als Bordellchef diese zentrale Rolle innehat, gestalten wir ganz sicher keine Studie über Zuhälter in Deutschland. Die Entführung aus dem Serail ist eine Geschichte über Verzweiflung, Frustration und Liebe. Auch über Sex und darüber, wie Aggression und Gewalt auszudrücken sind – und über Tod. Aber das ist Mozart, er verstand mit seiner Musik das Leben sehr gut.
Was die Konkretheit der Szenerie angeht – ich glaube an wirkliche Dinge, um wirkliche Gefühle zu wecken oder herauszufordern. Für mich ist die Bühne kein Set, nichts  Zurechtgemachtes, sondern eine Installation von Wirklichkeit. Wenn ich zum Beispiel Jeans auf der Bühne haben möchte, hole ich nicht etwas, was Jeans nur ähnlich sieht. Es geht um Leben und Tod.

Die Inszenierung ist auch eine Studie darüber, dass der Tod, der gesellschaftlich verdrängt wird und nur in den (wiederum geächteten) Grenzbereichen von Sexualität aufscheint und erfahrbar wird, uns manchmal mehr leitet als uns bewusst ist. Gerade durch die Verdrängung hat er mehr Macht als die Idee des Lebens. Süchte und mannigfache Abhängigkeiten emotionaler oder anderer Art verhindern Lebendigkeit.
Calixto Bieito: Wir sitzen in unseren eigenen Gefängnissen, die nicht unbedingt materiell sind. Wir sind das unter Umständen auch einander. Unsere Intentionen, mit denen wir leben, sind oft nicht gut. Das ist schade und erfordert unser Mitleid – nicht das sentimentale und konventionelle, sondern echtes Mitleid. Das meint den Blick in unser eigenes Herz. Warum sind wir manchmal mehr unterwegs zum Sterben als zum Leben? Das bewegt mich. Das könnte man den Subtext meiner Arbeit nennen.

Das Interview gibt Ausschnitte aus verschiedenen Probengesprächen mit Calixto Bieito wieder, aufgezeichnet von Antje Kaiser.

Stab

Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Alfons Flores
Kostüme
Anna Eiermann
Dramaturgie
Antje Kaiser, Pablo Ley
Video
Rebecca Ringst
Licht
Franck Evin

Besetzung

Bassa Selim
Konstanze
Blonde
Belmonte
Pedrillo
Osmin

Informationen zu allen Premieren, Wiederaufnahmen, Festivals, Konzerten und Sonderveranstaltungen ... 
Ein ganzes Wochenende wird die Vielfalt türkischer Musik gefeiert. Von anatolischer Folklore bis zu zeitgenössischen türkischen Kompositionen.
An vier Terminen bieten wir spezielle Führungen für blinde und sehbehinderte Menschen an (17.10.2015, 23.01.2016, 16.4.2016, 25. 6.2016). Weitere Informationen ...
»Umwerfend. Überwältigend. Überrumpelnd. Es gibt keine anderen Bezeichnungen, um die Neuproduktion der Komischen Oper in Berlin zu beschreiben.« [Die Welt]