Foto: Iko Freese/drama-berlin.de
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Jean-Philippe Rameau

Castor et Pollux

Tragédie lyrique en musique in fünf Akten (1754) | In französischer Sprache
Libretto von Pierre-Joseph Bernard
Koproduktion mit der English National Opera London
Rameaus Meisterwerk über vier durch Liebe und Eifersucht, Leidenschaft und Hass unausweichlich aneinander gefesselte Menschen unter der musikalischen Leitung von Barockspezialist Christopher Moulds. Barrie Koskys umjubelte, mit dem wichtigsten britischen Theaterpreis, dem Laurence Olivier Award, ausgezeichnete Produktion erzählt die Reise in die eigenen inneren Abgründe in ebenso schlichten wie tief bewegenden Bildern.

Phébé liebt Castor. Castor aber liebt Phébés Schwester Télaïre. Télaïre erwidert Castors Liebe, ist jedoch Castors Bruder Pollux versprochen, der sie ebenfalls liebt. Der Konflikt, mit dem Rameaus Oper beginnt, ist schlichtweg unlösbar. Alle vier Hauptpersonen sind Gefangene ihrer eigenen Emotionen. Mit ihrer Liebe, ihrem Hass, ihrer Leidenschaft und ihrer Eifersucht schaffen sie sich ihr eigenes Gefängnis, ihre eigene Hölle auf Erden.

Als Reformer der französischen Oper, dessen Schaffen nicht ohne Einfluss auf Zeitgenossen wie Christoph Willibald Gluck blieb, schrieb Jean-Philippe Rameau ein einzigartig dichtes Werk, das seiner Zeit in vielerlei Hinsicht weit voraus war. Von wahrhaft modernem Zuschnitt ist nicht nur die Dramaturgie der Oper, die die Handlung in rascher Szenenfolge erzählt. Die stets am dramatischen Geschehen orientierte musikalische Gestaltung verleiht überdies mit ihrer besonderen Harmonik und den nahtlosen Übergängen zwischen Rezitativ, Arioso und Arie dem Drama eine Sogkraft, der sich kaum ein Zuhörer entziehen kann. 
2 Stunden 45 Minuten

Kostenlose Werkeinführung 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer (außer bei Premieren und Sonderveranstaltungen).
»Was für eine rhythmische Spannung und Eleganz der Phrasierung bei den Streichern, welch souveräne Vermittlung zwischen einzelnen Motiven und großen Bögen, die sich zwischen den federnd leicht gesetzten Schwerpunkten spannen! Der aus Schottland stammende Curnyn, der hier zum ersten Mal in Berlin dirigiert, gilt in Großbritannien schon länger als führender Spezialist für die Barockoper, seine gestalterische Geschmackssicherheit, Fantasie und Energie ist ein Ereignis.«
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»Wie sich die Musiker von Christian Curnyn zu einem lebendigen, scharf rhythmisierten Spiel animieren lassen, wie sie den starken Puls dieser Partitur spürbar machen, wie die Sänger Barrie Koskys rasantes Körpertheater umsetzen, gegen Wände prallen, über den Boden rollen, aufschmalem Grat wandeln und sich mutig in Abgründe stürzen, das ist wahrlich beachtlich, packend – und Musiktheater im besten Felsenstein’schen Sinne.«
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Phébé liebt Castor. Castor hingegen liebt Phébés SchwesterTélaïre. Télaïre erwidert Castors Liebe, ist jedoch Castors Bruder Pollux versprochen, der sie ebenfalls liebt. Aus Angst, Pollux könne zugunsten seines Bruders auf Télaïre verzichten, hat Phébé Lyncée dazu angestachelt, die eigene Schwester zu entführen. Castor will die qualvolle Situation beenden, indem er Télaïre und Pollux für immer verlässt. Doch tatsächlich gibt Pollux Télaïre frei. Glücklich sehen sich Castor und Télaïre endlich vereint. Die Hochzeitsfeierlichkeiten werden jedoch brutal von Lyncée und seinem Gefolge unterbrochen. Im Kampf kommt Castor zu Tode.
        Tiefe Trauer herrscht um den ermordeten Castor. Phébé will ihn mit Hilfe ihrer magischen Kräfte wieder zu den Lebenden zurückbringen, wenn Télaïre im Gegenzug dazu bereit ist, für immer auf ihn zu verzichten. Pollux verkündet, dass er Castors Tod an Lyncée gerächt hat. Er weist Phébés Plan zurück. Er selbst will Castor aus der Unterwelt befreien.
        Götterbote Merkur führt Pollux zu seinem Vater Jupiter. Doch vergeblich bittet Pollux um Hilfe: Castor könne nur befreit werden, wenn Pollux selbst auf seine Unsterblichkeit verzichte und Castors Platz unter den Verstorbenen einnehme. Mit Trugbildern sinnlicher Freuden versucht Jupiter, Pollux umzustimmen. Doch Pollux ist fest entschlossen.
        In der Begleitung von Merkur trifft Pollux am Eingang zur Unterwelt auf Phébé und weist sie erneut zurück. Pollux überwindet die Wächter der Unterwelt und beginnt seinen Abstieg. Phébe bleibt verzweifelt zurück.

Castor findet im Elysium keinen Frieden, zu sehr sehnt er sich nach Télaïre. Die Freude über das unerwartete Wiedersehen mit Pollux ist schnell verflogen, als Castor erkennt, welches Opfer sein Bruder zu bringen bereit ist. Dass Pollux an seiner Statt in der Unterwelt bleiben will, weist er zurück. Nur für einen einzigen Tag will Castor auf die Erde zurückzukehren – um Télaïre endgültig Lebewohl zu sagen.
        Castor und Télaïre wieder vereint zu sehen, treibt Phébé in den Wahnsinn. Ungeachtet von Télaïres Einsprüchen will Castor sein Versprechen gegenüber Pollux halten und in die Unterwelt zurückkehren. Jupiter erscheint mit Pollux. Er entbindet Castor von seinem Versprechen und führt die beiden Brüder als leuchtendes Vorbild für treue Freundschaft mit sich fort. Télaïre bleibt allein zurück.
Phébé loves Castor, but Castor loves Phébé’s sister Télaïre.Télaïre returns Castor’s love but is promised in marriage to Castor’s brother Pollux, who loves her too. Fearing that Pollux might give up Télaïre for his brother’s sake, Phébé has incited Lyncée to abduct her sister. Castor wants to end the agonizing situation by leaving Télaïre and Pollux for ever. But then Pollux does in fact relinquish Télaïre. Castor and Télaïre are overjoyed to be finally united. The wedding celebrations are brutally interrupted, however, by Lyncée and his troops. In the ensuing battle Castor is killed.
        All are in deep mourning over Castor’s death. Phébé says she will use her magic powers to bring him back to the world of the living on condition that Télaïre give him up for good. Pollux announces he has avenged Castor’s death by killing Lyncée. He dismisses Phébé’s plan, and resolves to free Castor from theunderworld himself.
        Mercury, the messenger of the gods, leads Pollux to his father Jupiter. Pollux appeals for help, but without success: Castor can only be released, Jupiter says, if Pollux sacrifices his immortality and takes his brother’s place among the dead. Jupiter tries to change Pollux’s mind by conjuring up a phantasmagoria of sensual pleasures. But Pollux is determined.
        Accompanied by Mercury, Pollux arrives at the entrance to the underworld, where he meets Phébé and rejects her once more. Pollux overcomes the underworld guards and begins his descent. Phébe remains behind in despair.

In Elysium Castor finds no peace, too much does he pine for Télaïre. His joy at unexpectedly seeing Pollux again quickly fades when he realizes what sacrifice his brother is prepared to make. He refuses to let Pollux remain in the underworld instead of him. Castor vows to return to the world for just one day, to say a last goodbye to Télaïre.
        Seeing Castor and Télaïre united again drives Phébé insane. Despite Télaïre’s pleading Castor is intent on keeping his promise to Pollux and returning to the underworld. Jupiter appears with Pollux. He releases Castor from his promise and takes the two brothers with him as a shining example of true friendship. Télaïre remains behind alone.
Phébé aime Castor. Castor, de son côté, aime Télaïre, la sœur de Phébé. Télaïre, qui répond à l’amour de Castor, est cependant promise à Pollux, le frère de Castor, qui lui aussi est épris de Télaïre. Craignant que Pollux renonce à Télaïre par affection pour son frère, Phébé a incité Lyncée à ravir sa propre sœur. Castor veut mettre fin à cette atroce situation en quittant pour toujours Télaïre et Pollux. Mais de fait, Pollux renonce à Télaïre. Castor et Télaïre s’adonnent enfin à la joie de leur union. Les festivités du mariage sont cependant brutalement interrompues par Lyncée et ses acolytes, Castor succombe sous les coups
 La mort de Castor sèmele désespoir. Phébé veut user de son pouvoir magique pour ramener Castor parmi les vivants, à une condition: que Télaïre soit prête à renoncer à lui pour toujours. Pollux annonce qu’il s’est vengé sur Lyncée de la mort de Castor. Il rejette le plan de Phébé, déclarant vouloir lui-même libérer Castor des Enfers.
 Mercure, le messager des dieux, conduit Pollux chez son père Jupiter. Mais c’est en vain que Pollux implore Jupiter: Castor ne pourra être libéré que si Pollux renonce à son immortalité et prend la place de Castor au royaume des morts. Jupiter tente de dissuader Pollux en faisant déployer devant lui les charmes et les voluptés célestes. Mais rien ne peut retenir Pollux.
 Accompagné de Mercure, Pollux trouve Phébé à l’entrée des Enfers et rejette une nouvelle fois le plan qu’elle a forgé. Pollux se rend maître des gardiens et amorce sa descente au royaume des morts. Phébé, impuissante, est au désespoir.
Aux Champs Elysées, Castor ne trouve pas la paix, tant il se meurt de désir pour Télaïre. La joie inattendue de retrouver Pollux n’est que de courte durée lorsqu’il apprend le sacrifice que son frère est prêt àfaire pour lui : Castor refuse que Pollux prenne sa place aux Enfers. Il ne demande à revenir sur Terre que pour un seul jour, le temps de faire ses adieux à Télaïre.
 À la vue de Castor et Télaïre réunis, Phébé est folle de rage. Sourd aux protestations de Télaïre, Castor veut tenir sa promesse envers Pollux et retourner aux Enfers. C’est alors qu’apparaît Jupiter aux côtés de Pollux : proclamant que Castor est libéré de son serment, le dieu emmène avec lui les deux frères qui, sous le signe de la fidélité et de l’amitié, partageront l’immortalité, laissant Télaïre esseulée.
Phébé Castor’a aşıktır. Castor ise Phébé’nin kızkardeşi Télaïre’ye.Télaïre Castor’un sevgisine karşılık verir, fakat Castor’un erkek kardeşi Pollux’a söz verilmiştir, ki o da ona aşıktır zaten. Phébé, Pollux kardeşinin leyhineTélaïre’den vazgeçeceğinden korkup Lyncée’yi kendi kız kardeşini kaçırmasınateşvik eder. Castor acı veren bu duruma bir son vermek ister ve Télaïre ve Pollux’u temelli terk eder. Ancak Pollux Télaïre’yi sahiden serbest bırakır. Castor ve Télaïre nihayet mutluluk içinde birlikte olabileceklerini sanırlar. Fakat evlilik kutlamaları Lyncée ve maiyeti tarafından acımasızça bölünür. Castor mücadele esnasında ölür.              Castor’unölümü derin bir üzüntüye yol açar. Phébé sihirli güçünü kullanarak Castor’utekrar hayata dönüştürmek ister, karşılığında Télaïre’den sonsuza dek ondan vazgeçmesini şart koyar. Pollux Lyncée’den Castor’un ölümünün intikamını aldığınıilan eder. Phébé’nin planını geri çevirir. Castor’u kendisi yeraltı dünyasından kurtarmak ister.
        Tanrıların habercisi Merkür, Pollux’u babası olan Jüpiter’e götürür. Fakat Pollux boşunayardım ister: Castor, sadece Pollux’un kendisi ölümsüzlüğünden vaz geçip onunyerine ölülerin arasında yer alırsa serbest kalabilirmiş. Jüpiter, şehvetli sevinçlerle dolu seraplarla Pollux’un fikrini değiştirmeye çalışır. Ancak Pollux kararlıdır.
        Pollux, Merkür’üneşliğinde yeraltı dünyanın girişinde Phébé ile karşılaşır ve onu tekrar geriçevirir. Pollux yeraltı dünyanın bekçilerini yener ve inişine geçer. Phébéçaresizce geride kalır.

Castor cennette bir türlü huzur bulamaz, Télaïre‘yi çokfazla özler. Castor kardeşinin yapmaya hazır olduğu fedakarlığı anlayınca Pollux ile karşılaşmanın sevinci çabuk uçuşup gider. Pollux‘un onun yerinegeçip yeraltı dünyasında kalmak istemesini kabul etmez. Castor sadece bir güniçin dünyaya geri dönmek ister – Télaïre’ye nihayet hoşçakal demek üzere.
        Castor ve Télaïre’yi tekrar birlikte görmek Phébé’yi çılgına çevirir. Castor, Télaïre’nin itirazlarını göz ardı ederek Pollux‘a olan sözünü tutmak isteyip tekrar yeraltı dünyasına geri dönmek ister. Jüpiter Pollux ile ortaya çıkar. Castor’u sözünden muaf eder ve iki erkek kardeşi dostuluğun parlak bir örneği olarak sunar. Télaïre tek başına geride kalır.
Nackt wie die Seelen der Menschen …

Jean-Philippe Rameau hat seine Oper Castor et Pollux 17 Jahre nach ihrer Uraufführung im Jahre 1737 radikal überarbeitet. Welche der beiden Fassungen haben Sie gewählt?

Christian Curnyn Wir verwenden zu 95 Prozent die spätere Version von 1754. Nur an zwei Stellen haben wir Musik aus der früheren Fassung eingefügt: Um Phébés Schicksal zu Ende zu erzählen, haben wir ihre große Szene zu Beginn des 5. Aktes aufgenommen. Und die wunderschöne Arie eines Planeten vom ursprünglichen Schluss haben wir auch an das Ende unserer Fassung gesetzt, gesungen von der einsam zurückbleibenden Télaïre.

Barrie Kosky Ich halte Rameaus überarbeitete Version dramatisch für sehr viel interessanter. In der früheren Fassung bleibt nicht nur das Verhältnis der beiden Schwestern Télaïre und Phébé zueinander sehr im Ungefähren, dort ist Castor obendrein gleich zu Beginn tot! Man begegnet ihm nicht als Lebendem, was ich problematisch finde, da man so als Zuschauer nur schwer Empathie für diese Figur entwickeln kann. Ich kann kaum nachvollziehen, warum man Castor et Pollux überhaupt noch in der ersten Fassung von 1737 spielen sollte. Nicht nur, dass es immer gute Gründe dafür gibt, warum ein Komponist sein Werk überarbeitet – in diesem Fall liegt es wirklich auf der Hand, dass Rameau mit seiner Überarbeitung das Werk in dramatischer Hinsicht destilliert und die Charaktere komplexer und interessanter gemacht hat.

Die Ausgangssituation der Geschichte klingt vertraut, weil sie zeitlos ist: Brüder und Schwestern in einer Liebesverstrickung. Wie haben Sie sich dieser Geschichte genähert?

Barrie Kosky Ich nähere mich allen meinen Arbeiten, indem ich zuallererst versuche, die Architektur der Musik zu verstehen. Die Energie jeder Inszenierung entsteht aus der Musik, egal ob es sich um Prokofjew oder Cole Porter handelt. Rameaus Werk ist sehr radikal, sowohl im Hinblick auf die harmonische Sprache als auch auf die Orchestrierung. Außergewöhnlich ist aber auch die dramaturgische Anlage dieses Stücks, das zu einem nicht unerheblichen Teil aus instrumentalen Tanzteilen besteht. Es besteht die Gefahr, dass man gebannt der unglaublich dramatisch voraneilenden Handlung mit ihren hochemotionalen Momenten folgt und dann ... Pause-Taste! Fünf Minuten Gavotte 1, dann Gavotte 2, dann Reprise von Gavotte 1. Und das immer wieder im Verlauf des Stückes. Aber nähme man diese ganze Ballettmusik heraus, schnitte man dem Stück gewissermaßen die Beine ab. Wir haben gut 70 Prozent der Tanzmusik so belassen, wie sie ist, obwohl wir ohne einen Choreographen gearbeitet haben. Stattdessen erzählen wir diese wundervolle Tanzmusik ganz aus der Geschichte der Figuren. So bleibt der Zuschauer ohne Unterbrechung bei den handelnden Personen und ihrem Schicksal.
Außergewöhnlich in dramaturgischer Hinsicht ist aber gleich der Beginn der Oper: In den ersten 20 Minuten ist das ganze Drama um die beiden Schwestern, die fatalerweise denselben Bruder lieben, ausgebreitet. Wir erleben Castor, der sich für immer verabschieden will, dann Pollux, der großmütig verzichtet, ein ausgelassenes Hochzeitsfest – und auf einmal ist Castor tot! Man wird unvorbereitet in dieses Drama hineingestoßen, ganz ohne Exposition, und nach 20 Minuten ist bereits einer der Hauptdarsteller tot. Hollywood ist nichts dagegen! Nach diesem geradezu atemlosen Überstürzen der Ereignisse verändert sich mit dem für alle schockierenden Tod Castors dann radikal die Stimmung des Stücks. Der Zuschauer begibt sich mit den handelnden Personen auf eine tief emotionale Reise. Die Herausforderung ist, diese Reise, die letztlich eine Reise in die eigene Seele, die eigenen inneren Abgründe ist, mit den Mitteln der Bühne zu schildern. Dabei geben uns gerade die rein instrumentalen Tanzpassagen immer wieder die Möglichkeit, über gestische Vorgänge etwas über das Innenleben der Protagonisten zu erzählen.
Rameaus Musik ist an vielen Stellen so intim, so verinnerlicht, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen geht. Wie er den feinsten Regungen der Seele mit diesen nahtlosen Wechseln zwischen Sprechgesang, Arioso, Arie, Ensemble und Chor folgt – das ist dem Ursprung der Gattung Oper so viel näher als vieles davor und danach. Es gibt eine wesentlich engere stilistische Verbindung zwischen Rameau und Monteverdi als zwischen Rameau und anderen französischen Komponisten seiner Zeit oder zwischen Rameau und Händel. Um dieser unverstellten, puren Emotionalität auch szenisch gerecht zu werden, haben wir alles Beiwerk entfernt. Wie die Seelen der Menschen ist auch unsere Bühne nackt.

Der französische Barock war aber eher für seine Opulenz und Üppigkeit bekannt …

Barrie Kosky Wir sind ganz bewusst in die entgegengesetzte Richtung gegangen: Es gibt kein Froufrou, keine Perücken oder ausgefallenen Kleider, nichts. Auf diese Weise bekommt die einzigartige Zartheit von Rameaus Musik Raum zum Atmen. Das emotionale Drama gelangt in den Vordergrund, weil sich die Aufführung hinter nichts verstecken kann. Katrin Lea Tag hat einen Raum entworfen, der groß, nüchtern, leer ist, mit wenigen Requisiten und wenigen Kostümelementen. Das erlaubt der Aufführung, sich auf das Drama zu konzentrieren, und nicht umgekehrt ...

Christian Curnyn Barock ist eben nicht gleich Barock. Die beiden Zeitgenossen Rameau und Händel sind so unterschiedlich, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sind ohne jeglichen Zweifel wahre Meister, beschreiten aber komplett unterschiedliche Pfade. Während Händel in seiner Form der Opera seria an der klaren Trennung von Rezitativ und Arie festhält, innerhalb dieses Rahmens aber die Form immer weiter ausdehnt und mit der Da-capo-Form große emotionale Effekte erzielt, verwendet Rameau in seiner Version der Tragédie lyrique eine formal offenere Anlage, die auf Lully zurückzuführen ist. Daneben aber unterscheiden sich Händel und Rameau vor allem in der Orchestrierung. Händel ist ein Meister darin, aus begrenzten Ressourcen viele Farben und große Effekte zu gewinnen. Er benutzt über weite Strecken in seinen Opern fast immer nur ein Streichorchester aus Violinen, Celli und Bässen. Dazu kommen an manchen Stellen zwei Oboen, vielleicht hie und da eine Trompete oder zwei Hörner, eine Flöte (eher selten) für eine traurige Arie. Bei Rameau hingegen findet sich ein wesentlich vollerer Streichersatz, nicht selten sechsstimmig ausgeschrieben. Gegenüber der üblichen Fünfstimmigkeit (Violine 1 und 2, Viola, Cello, Kontrabass) wird hierbei auch der Viola-Part zweistimmig geführt. Manche von Castors Rezitativen sind nur von Violinen und der Bassstimme begleitet, die Violinen sind jedoch vierstimmig geführt. Auch die harmonische Sprache ist mit der Händels nicht vergleichbar. Rameau liebt die Blasinstrumente. In Castor et Pollux sind es weniger die Oboen, sondern mehr die Fagotte und Flöten, die im Zentrum des Orchestersatzes stehen und dabei eine fast ebenso große Wichtigkeit wie die Violinen besitzen.

Wie verhält es sich bei Rameau mit der Trennung zwischen Rezitativ und Arie?

Christian Curnyn Die ist völlig verschwommen, eigentlich kann von solch einer Trennung gar keine Rede mehr sein. In Castor et Pollux gibt es sehr wenige richtige Arien – im Grunde ist die Oper durchkomponiert. Dabei fasziniert immer wieder Rameaus unglaubliches Verständnis für dramatisches und musikalisches Tempo.

Barrie Kosky Ich finde es bemerkenswert, wie Rameau sich dem widersetzt, was das Publikum im Grunde doch liebt: lange Arien mit vielen hohen Tönen. Stattdessen wandert er mit seiner Musik durch ein Rezitativ, mittendrin versieht er vier oder acht Takte dieses Rezitativs mit einer ausgearbeiteten Orchesterbegleitung, liefert seinem Zuhörer das Fragment einer außergewöhnlich schönen Melodie, die er aber nur ein einziges Mal verwendet – und dann kehrt er wieder zurück zum rezitativischen Duktus. Wie Monteverdi folgt auch Rameau dem Text, wie Monteverdi ist es auch Rameau wichtiger, das Drama nicht aus den Augen zu verlieren, als eine virtuose Arie für die Sopranistin zu liefern. Die Klangqualität, die Rameau dabei zaubert, ist sinnlich und karg zugleich. Sie besitzt eine Reinheit, die gleichzeitig auch eine große Leidenschaftlichkeit besitzt. Das ist Süß und Sauer zugleich.

Welche Rolle spielt der Chor bei Rameau?

Christian Curnyn Er ist sehr viel wichtiger als in den meisten Opere serie, in denen er kaum Verwendung findet. In Castor et Pollux besitzt der Chor eine ganz besonders zentrale Rolle. Er mag insgesamt gar nicht einmal so viel zu singen haben, aber er ist allgegenwärtig. Immer wieder taucht der Chor für ein paar Takte gleichsam aus dem Nichts auf, um dann auch sofort wieder zu verschwinden – was für ein Effekt!

Barrie Kosky Der Chor übernimmt ganz unterschiedliche Rollen innerhalb dieser Oper: Zu Beginn sind die Chorsolisten Freunde, Familie und Bekannte von Castor und Pollux, dann verwandeln sie sich in die unterschiedlichsten Wesen der Unterwelt – manchmal in Dämonen der Hölle, manchmal in Geisterstimmen. Aber bei uns bleiben sie in gewisser Weise immer die Menschen, denen wir zu Beginn in der Oberwelt begegnet sind. Die Trennung zwischen Erde, Himmel und Hölle bleibt eher im Ungefähren, wie in einem Traum, der bisweilen auch zu einem Albtraum wird. Eigentlich gehen wir nirgendwohin: Die Hölle ist die Erde, und die Erde ist die Hölle! Oder ist doch eher der Himmel die Hölle auf Erden? Im Laufe des Abends lässt sich immer weniger bestimmen, wer zu wem gehört und wo sich wer befindet. Die liebenden und leidenden Menschen des Stücks verlieren sich gleichsam in sich selbst. Am Ende bleibt eine einsame, verlassene Télaïre zurück.

Christian Curnyn Im Grunde geht es fortwährend um Abschied und Verlust.

Barrie Kosky In der Tat. Es ist bemerkenswert, wie oft jemand in dieser Oper »Auf Wiedersehen«, »Ich bin gekommen, um Lebewohl zu sagen«, »Ich gehe in die Unterwelt« oder »Ich sterbe« singt. Das Thema von Verlust und Abschied durchdringt das ganze Stück. Ich finde, die handelnden Personen der Oper verströmen eine ganz eigentümliche Melancholie. Alle vier Hauptfiguren sind bereits vor der Katastrophe von Castors Ermordung zutiefst verstört. Und dies ändert sich letztlich auch im Verlauf des Stückes nicht. Wohl gibt es gelegentliche Lichtblicke, in denen sie Momente des Glücks erleben, aber über allem liegt eine tieftraurige Grundstimmung. Es ist die Musik, die diese Traurigkeit atmet, selbst als Jupiter erscheint: Auch sein Auftritt ist alles andere als triumphierend und gottgleich. Es ist eine Art herbstliche Melancholie, eine unspektakuläre, berührende Traurigkeit, von der die Musik und damit das gesamte Stück beseelt sind.

Stab

Musikalische Leitung
Christopher Moulds
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Katrin Lea Tag
Dramaturgie
Licht
Franck Evin

Besetzung

Télaïre
Phébé
Gaëlle Arquez
Castor
Jupiter
Hohepriester des Jupiter
Nikola Ivanov

Was ist der »Oper-O-mat«? Ein Frage-und-Antwort-Tool, das Ihnen die Auswahl für einen gelungenen Opernabend erleichtern soll. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Ausprobieren. Und nehmen Sie unsere Auswahl ernst, aber auch nicht zu ernst ...
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»Umwerfend. Überwältigend. Überrumpelnd. Es gibt keine anderen Bezeichnungen, um die Neuproduktion der Komischen Oper in Berlin zu beschreiben.« [Die Welt]
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Don Juan – der Inbegriff des Verführers inspirierte Mozart zu einer seiner einflussreichsten Opern – frivol, witzig und tiefgründig in einem. Eine Steilvorlage für Herbert Fritsch, den Meister des theatralen Wahnwitzes, dessen hochmusikalischer Inszenierungsstil wie geschaffen ist für dieses »heitere Schauspiel« über tödliche Leidenschaften.
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