Wo ist Ihre Heimat?
Potsdam (Brandenburg), aber zu Hause fühle ich mich in Berlin.

Seit wann spielen Sie im Orchester der Komischen Oper Berlin?
Seit der Spielzeit 2011/12.

Ihre vorherigen Stationen?
Universität der Künste Berlin; Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin, Aufbaustudiengang Streichquartett; Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) als Aushilfe; 2006-2011 Engagement Staatsoper Unter den Linden (inklusive Orchesterakademie der Staatsoper Unter den Linden).

Wie würden Sie einem Außerirdischen erklären, was ein Orchester ist?
Ein Orchester ist wie die Welt im Kleinen und vereint ganz unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen – mit unterschiedlichem Temperament und in ihrer jeweiligen Tagesstimmung. Musik ist das Medium, das uns zusammenbringt. Manchmal entstehen Momente von beglückender Harmonie, aber es ist eine beständige Suche und verlangt immer wieder große Hingabe. Schön ist es, dass man mit Menschen arbeitet, die man kennt und von denen man weiß, wie sie »ticken«. Das schafft ein gewisses Grundvertrauen. Und ebenso schön ist es, dass immer wieder neue Impulse den Organismus Orchester beleben.

Wie würden Sie Ihr Instrument charakterisieren?
Die Geige hat eine gewisse Nähe zur Stimme, zum Singen, zum Gesang und damit ein gewaltiges Ausdrucksspektrum. Die 1. Geigen bekommen ja meistens die Melodielinien im Orchester. Da kann eine Geige schon mal zur Diva werden ... Bei den 2. Geigen verhält sich das vielleicht ein bisschen anders. Da ist die Geige eher eine Vermittlerin und spielt mittendrin, quasi im Bauch des Orchesters. Mein jetziges Instrument besitze ich seit 2009 – ein 200jähriges Wiener Instrument von Franz Geissenhof. Sie ist manchmal ein bisschen widerspenstig und wetteranfällig, aber ich liebe sie. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, ihr einen Namen zu geben – bis meine kleine Geigenschülerin ihr Instrument getauft hat. Seitdem nenne ich meine Geige inoffiziell Franz ...

Was war Ihr erstes bewusstes Musikerlebnis?
Meine erste Erinnerung ist, dass meine Mutter mir als Kind Lieder vorgesungen hat und sich dabei auf der Gitarre begleitet hat. Bei uns war oft Musik im Haus. Mein Großvater war ein Geigenliebhaber. Er hatte früher selber ab und an gespielt, seine alte Geige hing bei uns im Flur an der Wand. Und es gab bei uns eine Menge von Schallplatten mit Geigenmusik, die ich ständig gehört habe: von Jascha Heifetz und Yehudi Menuhin gespielt. Mit fünf Jahren habe ich dann selber angefangen, Geige zu spielen. Das beeindruckendste Musikerlebnis für mich in dieser Zeit war allerdings ein Besuch einer Aufführung von Bachs Matthäus-Passion in der Berliner Marienkirche, gesungen von der Singakademie. Ich habe damals nicht verstanden, worum es ging, aber es fuhr mir durch Mark und Bein. Die Musik war so laut, so lang, so schön ...

Was war Ihr denkwürdigstes Erlebnis im Orchestergraben der Komischen Oper Berlin?
Ich habe im Orchestergraben der Komischen Oper Berlin meinen Mann kennen gelernt! Das war 2009. Ich war damals für eine Aufführung von Mozarts Così fan tutte als Aushilfe engagiert und es war das erste Mal, dass ich im Graben der Komischen zu Gast war. Es war eine ganz besondere Atmosphäre und ich war wirklich sehr beeindruckt vom hohen Niveau des Orchesters. Ich dachte damals: SO wünsche ich mir Mozart immer! Und mein Pultnachbar war wunderbar. Da stimmte einfach menschlich wie musikalisch die Chemie. Nach der Vorstellung meinte er, ich solle bescheid sagen, wenn ich das nächste Mal als Aushilfe komme – dann würde er seinen Dienst so legen, dass er auch wieder da ist ... Das war ein Anfang in doppelter Hinsicht. Seitdem sind wir ein Paar und haben mittlerweile eine kleine Tochter.

Warum Theater?
Es gehört zu den Urbedürfnissen von Menschen, Geschichten erzählt zu bekommen oder sie selber zu erzählen. Das ist Teil unserer DNA. Und es ist etwas ganz besonderes, im Operngraben zu sitzen und eine Verbindung zu der Magie einer Szene zu spüren. Man liefert da nicht einfach nur einen Soundtrack, sondern ist mittendrin im Geschehen. In einem Opernhaus werden alle Sinne angesprochen, da entstehen einzigartige Momente – Unikate in einer massenmedial geprägten Zeit. Für mich ist das wie eine Oase, ein Ort der Reflexion, der mit einer ganz anderen Energie aufgeladen ist als der Alltag. Hier geht es um existentielle Fragen.

Welche drei CDs würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Ich würde auf die drei CDs verzichten und stattdessen drei Streicher und einen Packen Quartett-Noten mitnehmen ... Wenn es aber eine Aufnahme sein müsste, wären auf jeden Fall die Streichquartette Mendelssohns dabei, gespielt vom Cherubini-Quartett. Und die Bachaufnahmen von Giuliano Carmignola auf der Barockgeige, mit Andrea Marcon am Cembalo.

Welches Werk haben Sie noch nicht gespielt, würden es aber gerne?
Die Tango-Oper María de Buenos Aires von Astor Piazzolla.

Ihre bislang größte Herausforderung?
Ich habe einmal die berühmte d-Moll Partita von Bach auf der Barockgeige gespielt – ausgerechnet in der Thomaskirche in Leipzig, direkt neben Bachs Grabplatte. Es war an einem kalten Märztag und im letzten Drittel des Stückes ist meine D-Seite extrem verstimmt. Barockgeigen sind da sehr eigen und wetteranfällig. Es wurde immer komplizierter, die Intonation auszugleichen und ich habe mit mir gerungen, ob ich abbrechen und neu stimmen soll oder nicht ... Ich habe durchgehalten, aber wer weiß, ob Bach sich nicht im Grabe umgedreht hat?

Haben Sie einen Tipp gegen Lampenfieber?
Das war für mich lange ein großes Thema. Ich hatte immer den starken Wunsch, Musik zu machen. Aber ich war oft in Bühnensituationen nicht in der Lage, so zu spielen wie ich wollte und ja eigentlich konnte. Extrem frustrierend! Was ich erkannt habe: Solange man versucht, etwas gegen Lampenfieber zu tun, hat einen das Lampenfieber im Griff. Man kann nur lernen, damit zu leben. Es gibt für mich da kein Ritual oder dergleichen, denn für mich ist Lampenfieber etwas ganzheitliches, in dem Sinne, dass es mit einem selber und seinem Leben und der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Man muss Lampenfieber produktiv sehen. Der Schlüssel dazu liegt ja schon im Namen: Da geht es ja um einen anderen Energielevel. Das kann eine positive Energie sein. Ich verlasse ein sicheres Terrain – dafür gelingen Momente, die im Alltag vielleicht nicht gelingen. Da kann man Bärenkräfte entwickeln. Und es ist erleichternd zu erkennen, dass auch andere Leute Lampenfieber haben – egal wie alt und egal wie erfahren. Durch das eigene Bewusstsein kann man die Fähigkeit entwickeln, aus dem Lampenfieber etwas positives zu machen.

Was treibt Sie an?
Ich bin durch und durch Musikerin. Ich bin neugierig darauf, neue Sachen kennen zu lernen, bei Bekanntem in tiefere Schichten vorzudringen und Momente zu erleben, in denen man mit sich und der Welt eins ist. Und, das hat der große Geiger Isaac Stern mal gesagt: in unserer Arbeit als Musiker zählt das, was uns lehrt, miteinander zu leben.

Wenn Sie nicht Musikerin geworden wären ...
Ich hätte mir auch vorstellen können, Sängerin zu werden. Ich singe nach wie vor gerne, ab und an in einem kleinen Vokalensemble. Aber wenn ich nicht Musikerin geworden wäre, dann hätte ich vielleicht als Dolmetscherin oder Übersetzerin gearbeitet. Und der Bereich Mediation interessiert mich ganz aktuell.

Ihr Lieblingszitat? 
The right thing does itself (Frederick Matthias Alexander, Begründer der »Alexander-Technik«).

Was Sie schon immer einmal sagen wollten:
Ich wünsche mir und uns allen, dass wir immer neugierig bleiben.

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