Der Zigeunerbaron

Johann Strauss
Operette in drei Akten [1885]
Deutsch
Der Zigeunerbaron – Schon der Titel von Johann Strauss’ Operette bietet ausreichend Anlass für kontrovers geführte Debatten. Dabei reichen die Meinungen von einer strikten Tilgung des als diffamierend empfundenen Begriffs »Zigeuner« als einziger möglicher Umgang mit diesem bis hin zu emotionalen Verteidigungen à la »Das Zigeunerschnitzel hieß immer Zigeunerschnitzel! Was soll daran diskriminierend sein?«

Allerdings ist die Handlung der Operette wesentlich vielschichtiger, ihre Charaktere nicht so eindimensional, wie es uns traditionelle Inszenierungsmuster glauben machen wollen: ...

Ein mittelloser, junger Emigrant, der in seine Heimat zurückkehrt und den elterlichen Besitz nur mehr als Ruine vorfindet; ein großtuerischer, reicher Schweinezüchter, der sich eben dieses Besitzes bemächtigt hat; ein Adliger, der sich als konservativer Sittenwächter geriert und sich dabei auf »die gute alte Zeit« beruft, und eine unterprivilegierte Volksgruppe, die kollektiv als »Zigeuner« bezeichnet wird – es ist eine explosive Mischung, die Ignaz Schnitzer in seinem Libretto zum Zigeunerbaron vereint. Und das nicht aus Zufall: Als Reflexion des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867 geschrieben, thematisierte die Operette zu ihrer Entstehungszeit in unterhaltsam spielerischer Form das Selbstverständnis und den Selbstfindungsprozess des k. u. k. Vielvölkerstaates.

Ungewöhnlich lange komponierte Johann Strauss an seinem Zigeunerbaron. Dass für die Uraufführung des Werkes zeitweise die Wiener Hofoper im Gespräch war, merkt man der Operette an, die sich im musikalischen Gestus und in den groß angelegten Finali immer wieder der Oper annähert. Neben der Fledermaus und Eine Nacht in Venedig zählt Der Zigeunerbaron zu Strauss’ populärsten Operetten. Mit ihrer meisterhaften Vermischung von Wiener und ungarischen Klängen gehört die Partitur zum Besten aus der Feder des Walzerkönigs.

Dieses Meisterwerk wegen seines problematischen Titels einfach von den Spielplänen zu verbannen, hieße, sich einer Auseinandersetzung mit den darin verhandelten gesellschaftlichen Konflikten zu entziehen. Und eine Umbenennung – vielleicht in »Der Paprikabaron«? – löst die eingangs erwähnte Problematik ebenso wenig wie eine konsequente Streichung des umstrittenen Begriffes aus dem gesamten Libretto. Zumal die unlängst von einem süddeutschen Lebensmittelhersteller angekündigte Umbenennung der in seinem Sortiment angebotenen »Zigeunersauce« in »Paprikasauce ungarischer Art« vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zwar begrüßt, gleichzeitig aber darauf hingewiesen wurde, dass vor dem Hintergrund eines wachsenden Antiziganismus in Deutschland und Europa »Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit« seien.

Mit der ihm eigenen Akribie und seiner stets humorvollen Sicht auf das allzu Menschliche stellt sich Regisseur Tobias Kratzer dem durch das Stück aufgeworfenen Diskurs. Indem er den nostalgisch in der »guten alten Zeit« und ihrer Ordnung hängengebliebenen, durchaus nicht unsympathischen adligen Grafen Homonay zum Ausgangspunkt seiner Inszenierung macht, stellt er den Konflikt zwischen konservativen und liberalen Tendenzen in einer multikulturellen Gesellschaft zur Diskussion und führt gleichzeitig darüber hinaus. Denn letztlich erzählen Handlung und Musik des Zigeunerbarons ja weniger von Auseinandersetzungen über die richtigen Begrifflichkeiten, sondern viel allgemeiner von brennenden Themen wie Ausgrenzung und Integration, von Heimatlosigkeit und Entwurzelung und dem Auffinden einer neuen Heimat oder von der seit jeher auf fatale Weise funktionierenden einheitsstiftenden Wirkung, die der Feldzug gegen einen gemeinsamen Feind erzeugt.

Die derzeitig geltenden Regeln für das Spiel auf der Bühne nimmt Tobias Kratzer als Anlass für eine gemeinsam mit Dirigent Stefan Soltesz erarbeitete schlanke Fassung des Werkes, die auf oberflächliche Milieuschilderungen verzichtet und sich in temporeichen zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) ganz auf die Protagonist*innen und die zwischen ihnen auf humorvolle Art verhandelten Konflikte konzentriert

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Sa 3 Apr 202119:30
Stab
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild und Kostüme
Rainer Sellmaier
Dramaturgie
Licht
Bernd Purkrabek
Besetzung
Graf Peter Homonay
Sándor Barinkay
Thomas Blondelle
Kálmán Zsupán, ein reicher Schweinezüchter
Arsena, seine Tochter
Mirabella, ihre Erzieherin
Ottokar, ihr Sohn
Saffi, Zigeunermädchen
Czipra, alte Zigeunerin
Jasmin Etezadzadeh
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin u. a.
Es spielt das Orchester der Komischen Oper Berlin.

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