Arnold Schönberg

Moses und Aron

Oper in zwei Akten (1957)
1 Stunde, 45 Minuten
An die 200 Darsteller*innen auf der Bühne und eine der komplexesten Orchesterpartituren überhaupt machen Arnold Schönbergs Moses und Aron zu einer Herausforderung für jedes Opernhaus. Aus dem jahrtausendealten Schatz jüdischer Bildwelten schöpfend, erzählt Barrie Kosky den Exodus der Israeliten als Parabel des suchenden Menschen schlechthin. Der russische Stardirigent Vladimir Jurowski, dessen Karriere vor über 20 Jahren an der Komischen Oper Berlin begann und ihn rasch an alle großen Konzert- und Opernhäuser der Welt von London bis New York führte, kehrte für dieses Großprojekt an seine einstige Wirkungsstätte zurück.

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Aufzeichnung der Premiere vom 19. April 2020. Gesungen in Deutsch, Untertitel in Englisch und Deutsch.
Aufzeichnung der Premiere vom 19. April 2020. Gesungen in Deutsch, Untertitel in Englisch und Deutsch.
Jahrzehntelang beschäftigte sich Schönberg mit seiner Zwölftonoper Moses und Aron. Im Gepäck des 1933 vor den Nazis ins amerikanische Exil fliehenden Komponisten befinden sich die in Berlin vollendeten ersten zwei Akte der dreiaktig geplanten Oper. Der letzte Akt seines Werkes bleibt – trotz wiederholter Absichtsbekundungen – bis zum Ende seines Lebens unvertont.

Schönbergs Oper ist alles andere als ein trockenes Stück über abstrakte religiöse Ideen, sondern ein packendes Musikdrama über die nie endende Suche des Menschen nach etwas Höherem, über seine unstillbare Sehnsucht nach dem »Land, in dem Milch und Honig fließen«. Dass es ein Torso bleiben musste, liegt womöglich in der Thematik des Stückes selbst begründet: Denn nicht nur der Widerspruch zwischen Moses, dem Mann der Gedanken, und seinem Bruder Aron, dem Mann der Worte und Bilder, ist letztlich unauflösbar. Auch die ewige Suche nach dem »gelobten Land« kann – für Schönberg ebenso wie für das jüdische Volk, das im übertragenen Sinne für die gesamte Menschheit steht – am Ende nur unerfüllt bleiben.

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1898 zum evangelischen Glauben konvertiert, beschäftigte sich Arnold Schönberg angesichts des in ganz Europa zunehmenden Antisemitismus Anfang der 1920er Jahre immer intensiver mit der Religion seiner Väter, wovon nicht nur seine Oper Moses und Aron, sondern auch das Oratorium für Soli, Chor und Orchester Die Jakobsleiter oder das 1927 vollendete Schauspiel Der biblische Weg ein beredtes Zeugnis ablegen. In Der biblische Weg thematisiert Schönberg die Vision von der Errichtung eines neuen Staates der Juden außerhalb Europas und nimmt damit eine zentrale Idee des von Theodor Herzl (1860-1904) begründeten modernen politischen Zionismus auf.

Ähnlich wie Herzl sah sich auch Schönberg in fast messianischer Weise berufen: Den 1909 mit den Drei Klavierstücken op. 11 und der Vertonung von Fünfzehn Gedichten aus »Das Buch der hängenden Gärten« von Stefan George op. 15 vollzogenen Verzicht auf die tonale Gebundenheit empfand Schönberg nicht als Traditionsbruch, sondern vielmehr als logischen Schritt in einer sich schon lange vorher anbahnenden Entwicklung – als eine regelrechte Mission, zu deren Erfüllung niemand anderes als er selbst auserwählt worden war: »Einer hat’s sein müssen, keiner hat’s sein wollen; da hab’ ich mich halt dazu hergegeben«, so Schönberg.
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Die Auseinandersetzung mit dem biblischen Propheten Moses, der das Volk der Israeliten auf dem langen Weg ins gelobte Land immer wieder aufs Neue für den »einzigen, wahren Gott« begeistern muss, beginnt bereits in den frühen 1920er Jahren und beschäftigt den Komponisten die folgenden Jahrzehnte bis ans Ende seines Lebens. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlässt Schönberg im Mai 1933 mit seiner Familie Berlin. In Paris vollzieht Schönberg dann die Rückkehr in die jüdische Glaubensgemeinschaft, bevor er im Oktober in die USA weiterreist, wo er bis an sein Lebensende 1951 bleiben wird. Seine bis zum Ende des zweiten Aktes komponierte Oper Moses und Aron bleibt hinterlässt er unvollendet.
Deutschlandfunk-Kultur heute
Julia Spinola, 20.04.2015
Manipulierbarkeit der Massen
»Es ist Barrie Koskys große Leistung, Schönbergs Oper nicht mit abschließenden Antworten zu versehen, sondern als einen quasi talmudischen Prozess des unentwegten Fragens und Suchens zu erzählen. Seine Inszenierung provoziert widersprüchlichste Deutungsmöglichkeiten. […] Auch musikalisch wird der Abend noch lange im Gedächtnis bleiben. Vladimir Jurowski fächerte den Gestaltenreichtum der Zwölfton-Partitur mit dem sich selbst übertreffenden Orchester der Komischen Oper präzise auf, und erweckte die vibrierenden Schönheiten dieser Musik charakteristisch zum Leben. Und die fabelhafte Leistung des von David Cavelius sorgfältigst einstudierten Chores kann gar nicht überschätzt werden.«

Berliner Morgenpost
Volker Blech, 21.04.2015
Zwei ungleiche Brüder
»An Koskys Neuproduktion von »Moses und Aron« fasziniert, wie eng Musik und Szene zusammenfinden. Vladimir Jurowski bringt das Orchester zu Spitzenleistungen, die an sich spröde Zwölftonoper gewinnt an Farben, Emotionen, ja Mystischem. Die Chorsolisten des Hauses, verstärkt vom Vocalconsort Berlin, sehen sich am Ende als die Stars des Abends bejubelt. Das im Stück mehrfach in sich zersplitterte Chorvolk ist außergewöhnlich spielstark und musikalisch überzeugend. Die Vorbereitung, von 100 Proben ist die Rede, hat sich gelohnt. Robert Hayward ist ein sonorer Moses, eine Sprechrolle. John Daszak ist sein tenoral redegewandter Bruder Aron.«

Neue Zürcher Zeitung
Christian Wildhagen, 22.04.2015
Doktor Freud und der Glaubenskrieg
»Kosky, der selbst Regie führt, befreit die als Oratorium geplante Oper von jeder Verlautbarungsstatuarik. Er macht daraus lebendiges, überbordendes, ja die Besucher förmlich anspringendes Theater, durchaus im Sinne seines breitenwirksamen Erfolgsrezepts, und legt dabei alle Beteiligten kurzerhand auf die Couch.[…] Der Chor singt seine Partie schlicht überwältigend souverän, klar in der Intonation, fokussiert, mit stellenweise ekstatischer Wucht. Obendrein folgt er Koskys virtuoser Massenchoreografie mit einer Hingabe, bei der kein Einziger aus der Reihe tanzt.«

taz
Niklaus Hablützel, 21.04.2015
Der Gott der Außenseiter
»Mit einem Riesenchor wird das abschreckend schwierige Zwölftonstück zum großen jüdischen Welttheater.«

Bei Schönberg ist Moses auf die Hilfe seines Bruders Aron angewiesen, um die abstrakte Gottesidee in verständliche Worte und Bilder zu fassen. Aron ist der Zauberer, der wortgewandt und trickreich das wankelmütige Volk davon zu überzeugen weiß, Moses und seinem so andersartigen Gott zu folgen. Aber verändern, ja verderben Arons Worte und Zaubertricks nicht bereits die reine Idee, die in Worte zu fassen Moses so unmöglich erscheint? Was anderes sind die Wunder (der Stab, der sich in eine Schlange, das Wasser, das sich in Blut verwandelt) als „billige“ Zaubertricks, um das Volk zu überzeugen? Aber dieses Volk will und muss überzeugt werden. Es ist wankelmütig und neigt zu aggressiven Ausbrüchen. Es sucht nach Antworten, nach einem geistigen Führer, dem es aber zugleich immer wieder auch misstraut.

Indem Barrie Kosky die beiden Brüder Moses und Aron in seiner Inszenierung von Schönbergs Oper als ein wenig heruntergekommene Zauberkünstler präsentiert, schlägt er den Bogen zu einer anderen, nach dem Grauen des Holocaust und des 2. Weltkriegs entstandenen theatralen Formulierung der ewigen Suche des Menschen nach einem Gott: zu Samuel Becketts Warten auf Godot. Ebenso wie Beckett oder Schönberg gibt auch Barrie Kosky keine Antworten auf unbeantwortbare Fragen, sondern macht seine Inszenierung zu einem großen kaleidoskop-artigen Reigen an immer wieder neuen Bildern, die viele unterschiedliche, ganz bewusst uneindeutige Assoziationen wecken und sich gegenseitig immer wieder brechen und relativieren.

Nicht nur der Widerspruch zwischen Moses und seinem Bruder Aron ist letztlich unauflösbar. Auch die ewige Suche nach dem »gelobten Land« bleibt für den Menschen am Ende unerfüllt. So ist es vermutlich kein Zufall, dass neben der Zwölftonoper Moses und Aron auch Schönbergs Oratorium Die Jakobsleiter Fragment blieb. Theodor Herzl hat die Gründung des Staates Israel nicht mehr erlebt. Und selbst Moses hat das gelobte Land nie betreten …

Musikalische Leitung Vladimir Jurowski Inszenierung Barrie Kosky Bühne Klaus Grünberg Kostüme Klaus Bruns Licht Klaus Grünberg Choreografie Hakan T. Aslan Chöre David Cavelius Kinderchor Dagmar Fiebach Dramaturgie Ulrich Lenz, Susanna Goldberg

Moses Robert Hayward Aron John Daszak Ein junges Mädchen Julia Giebel Ein junger Mann Michael Pflumm Ein anderer Mann / Ephraimit Tom Erik Lie Der nackte Jüngling Johannes Dunz Eine Kranke Karolina Gumos Ein Priester Jens Larsen 1. nackte Jungfrau Julia Giebel 2. nackte Jungfrau Sheida Damghani 3. nackte Jungfrau Karolina Gumos 4. nackte Jungfrau Zoe Kissa Sechs Solostimmen aus dem Orchester Julia Giebel, Karolina Gumos, Caren van Oijen, Michael Pflumm, Tom Erik Lie, Jens Larsen Drei Älteste Tim Dietrich, Henrik Pitt, Matthias Spenke Tänzer*innen Meri Ahmaniemi, Csaba Nagy, Shane Dickson, Zoltan Fekete

Chorsolisten und Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Vocalconsort Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

Aufzeichnung der Premiere am 19. April 2015