Nicole Chevalier

Sängerin - Sopran
© Jan Windszus Photography
© Jan Windszus Photography
»Aber es war ja nur eine Verrücktheit!
Ich hatte ja gar nicht vor, Gesang zu studieren.«
Im Ensemble der Komischen Oper Berlin seit 2012.

HEIMAT: Chicago, Illinois (USA).

STUDIUM: Northwestern University, Indiana University, The Juillard School.

MEISTERKURSE BEI: Martina Arroyo, Joan Dornemann, Renata Scotto, Giorgio Tozzi, Virginia Zeani.

VORHERIGE ENGAGEMENTS: Theater Freiburg, Staatstheater Kassel, Staatsoper Hannover.

WICHTIGE ROLLEN ANDERSWO: Iphise (Dardanus von Jean-Philippe Rameau), Ilia (Idomeneo), Gräfin (Le nozze di Figaro), Fiordiligi (Così fan tutte), Maria Stuarda, Adina (L'elisir d'amore), Lucia di Lammermoor, Antonia und Giulietta (Les Contes d'Hoffmann), Alice Ford (Falstaff), Donna Elvira (Don Giovanni), Iole (Herkules von Georg Friedrich Händel), Blanche (Les Dialogues des Carmélites), Margarethe (Faust), Micaela (Carmen), Contessa di Folleville (Il viaggio a Reims), Gilda (Rigoletto), Alice Ford (Falstaff), Marie (La Fille du régiment), Woglinde (Das Rheingold), Violetta Valery (La traviata).

AUSFLÜGE: La Piccola Scala Festival in Mailand, International Opera Festival in Rom, Bregenzer Festspiele, New York City Opera, Wiener Volksoper, Staatsoper Hamburg, Staatstheater Nürnberg.

WICHTIGE DIRIGENTEN: Howard Arman, Marco Boemi, Gregor Bühl, Marco Comin, Gabriel Feltz, Gottfried von der Goltz, Karen Kamensek, Imre Palló, Kirill Petrenko, Ivan Repušić, Patrik Ringborg.

WICHTIGE REGISSEURE: Calixto Bieito, Rheinhild Hoffmann, Barrie Kosky, Thomas Krupa, Johannes Schütz, Benedikt von Peter

IN DIESER SPIELZEIT
Stella/Olympia/Antonia/Giulietta (Les Contes d’Hoffmann), Pamina (Die Zauberflöte), Titelpartie in Medea, Rosina (Il barbiere di Siviglia) 
Anders als es ihr Name vermuten lässt, stammt Nicole Chevalier nicht aus Frankreich, sondern aus den USA. Geboren wurde sie in Tampa (Florida), aber aufgewachsen ist sie in Chicago. Und der französische Name? »Meine Großmutter väterlicherseits war eine geborene Chevalier, mein Urgroßvater war Maurice Chevalier! Ich habe französische Verwandtschaft nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada (Quebec), Nizza und Straßburg«. Eigentlich waren bei ihr alle Weichen darauf gestellt, Medizinerin zu werden. Nicht nur, dass ihr Stiefvater Chirurg war und ihre Mutter Krankenschwester ist. Bereits als Kind folgte sie ihrem Stiefvater beim Praktizieren überall hin, war bei der Visite dabei, erlebte Menschen unmittelbar nach der OP oder brachte den Patienten als kleine Kellnerin Getränke ins Wartezimmer. »Da war manch einer dann doch ein wenig irritiert«, erinnert sie sich lachend. Am Abend folgte sie gespannt den Unterhaltungen über die am Tag bewältigten Operationen, und auf den Parties der Eltern wimmelte es nur so von Medizinern. Bei solchen Parties sang sie dann schon mal den ein oder anderen Musical-Song, von ihrer Mutter am Klavier begleitet. Sie hatte die neuesten Hits aus dem Radio sofort auswendig drauf. Ihre erste Begegnung mit klassischer Musik hatte sie mit acht Jahren im Kinderchor, später sang sie dann im Show-Chor der Highschool, außerdem spielte sie Oboe, Querflöte und Klavier. Aber als es nach dem Abitur an die Zukunftsplanung ging, entschied sie sich doch ohne zu zögern für ein Medizinstudium in Chicago.

Als ihr damaliger Freund zur Aufnahmeprüfung mit seinem E-Bass an die Indiana University School of Music fuhr, begleitete ihn Nicole. Aus Lust und Laune entschied sie sich, zur Aufnahmeprüfung im Fach Gesang anzutreten. Wo sie doch schon mal da war! »Ich hatte nicht mal ein Anmeldeformular dabei. Es waren Studenten aus Italien, Rumänien und Korea gekommen. Später fand ich heraus, dass an der Indiana University viele berühmte Professoren unterrichteten wie Giorgio Tozzi, Martina Arroyo, János Starker und John Cage.« Sie sang »Voi che sapete« vor - »ich dachte, ich sei ein Mezzo!« - und wurde zu ihrer eigenen Überraschung – im Gegensatz zu ihrem Freund – aufgenommen! »Aber es war ja nur eine Verrücktheit! Ich hatte ja gar nicht vor, Gesang zu studieren. Ich hab also abgesagt.« Es ist diese unbeschwerte Spontaneität, die nicht nur den Lebensweg Nicole Chevaliers immer wieder bestimmt hat, sondern die durchaus auch sie selbst kennzeichnet. Als an der Universität in Chicago Sänger für eine Uni-Aufführung von Puccinis Gianni Schicchi gesucht wurden, entschied sich Nicole erneut spontan, zum Vorsingen zu gehen. Und wurde wieder prompt genommen! Diesmal musste sie absagen, weil sie nicht als Musik-, sondern als Medizinstudentin eingeschrieben war. Aber der abermals unverhoffte Erfolg hatte ihr eine andere Richtung gewiesen, und so wechselte sie in ihrem dritten Studienjahr dann doch an die University of Indiana School of Music, um dort zunächst noch Medizin und Musik parallel zu studieren. Schließlich konzentrierte sie sich ganz auf die Musik und ging an die renommierte Juilliard School nach New York City.

Um Geld zu verdienen, arbeitete sie nebenbei als Sekretärin für Henry M. Paulson Jr., den ehemaligen Chef von Goldman Sachs an der Wall Street und späteren Finanzminister der USA. »Da musste ich manchmal direkt von einer Probe an der Juilliard ins Büro. Umziehen, abschminken und los! Was für ein Stress!« Sie übernahm die Organisation von Treffen zwischen Finanzleuten und Politikern und begegnete dabei diversen Prominenten, beispielsweise Ex-Präsident Bill Clinton, dem Medienmogul Rupert Murdoch oder Basketball-Star Michael Jordan. Sie erinnert sich noch gut an die Begegnung mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Schröder und seinem Außenminister Fischer. »Schröder war sehr freundlich, aber formell. Fischer trug zu seinem Anzug Turnschuhe und war viel lockerer. Als ich erzählte, dass ich nach Freiburg gehen werde, meinte er: ›Schöne Gegend!‹«

Das Engagement nach Freiburg kam wieder durch die ihr eigene Spontaneität und eine Portion Glück zustande. »Nach kleineren Engagements bei Sommerfestivals in Italien ging es irgendwie nicht so richtig weiter. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich mit dem Singen meinen Lebensunterhalt würde verdienen können. Und die Bezahlung an der Wall Street war nicht eben schlecht. Trotzdem entschied ich mich, zu einem Vorsingen bei einer Agentur nach Wien zu fliegen. Und wen traf ich da? Meine ehemalige Studienkollegin Karen Kamensek, die in wenigen Monaten ihre Stelle als GMD in Freiburg antreten sollte.« So kam Nicole Chevalier 2004 nach Deutschland, wo sie auch ihren Mann, den Regisseur Thomas Krupa kennenlernte. Und wie lebt es sich in einer Theaterehe? »Sehr gut! Es gibt natürlich ein großes Verständnis für das, was der andere tut. Wir haben uns bei seiner Freiburger Inszenierung von Rameaus Dardanus kennengelernt. Später hatte ich großen Spaß, zusammen mit Schauspielern in seiner Produktion von Berlin Alexanderplatz zu spielen. Ich kannte die Linienstraße und den Alex schon, bevor wir nach Berlin gezogen sind. Und ich warte immer noch darauf, Franz Bieberkopf in ›Clärchens Ballhaus‹ zu treffen!« Seit 2009 leben die beiden nun schon in Berlin. »Ich liebe die Arbeit in einer Gruppe und ich freue mich riesig auf das neue Ensemble, vor allem auf seine Spielfreude!« Na, da ist sie an der Komischen Oper Berlin ja goldrichtig! Herzlich willkommen!
Süddeutsche Zeitung
Wolfgang Schreiber, 26.5.2017
Eine Fremde - keine Zauberin
»Nicole Chevalier verkörpert Medea, ihr Unglück des Verlassenwerdens, der Ausweglosigkeit mit einer flammenden Glut, die über zwei Stunden zu erschüttern vermag. Und sing die von Reimann mit aller Expressivität der Koloraturen und gellenden Klagen, der Empörungs- und Schreiorgien ausgestatte Sopranpartie mit einem aus Körper und Seele explosiv herausgeschleuderten Aufruhr, der den Zuhörer schier überwältigt.«
Link zur Kritik
bachtrack.com
Zenaida des Aubris, 23.5.2017
Torfgräber: Reimanns Medea an der Komischen Oper Berlin
»Nicole Chevalier ist die perfekte Wahl für diese komplexe Musik und das Wesen der Medea ... Alles in allem war es eine Aufführung, die die Darsteller und das Publikum zweieinhalb Stunden fesselte, ein mächtiges, aufwühlendes und ergreifendes Musiktheater.«
Link zur Kritik
Der Tagesspiegel
Frederik Hanssen, 23.5.2017
Entsetzliche, wo gehst du hin?
»Grandios auch, wie Dirigent Steven Sloane die Kommunikation mit den Solisten koordiniert, das auf den ersten Höreindruck scheinbar Unvereinbare zusammenzwingt, zwei volle Stunden lang ... In der Titelrolle leistet Nicole Chevalier Übermenschliches.«
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