In#toller#an#za 1960

Luigi Nono
Szenische Handlung in zwei Teilen [1960/61]
nach einer Idee von Angelo Maria Ripellino
Deutsche Übertragung von Alfred Andersch

Mit einem Text von Carolin Emcke

Ein Werk für diese Zeit: „Lebendig ist, wer wach bleibt!“

Die Komische Oper Berlin eröffnet ihre erste Spielzeit unter der neuen Doppelspitze Susanne Moser und Philip Bröking mit einem Klassiker des politischen Musiktheaters: Luigi Nonos Intolleranza 1960. Dafür verwandelt sich das Opernhaus für dieses Musiktheater-Ereignis in eine Eiswüste! Nonos einzigartiges Meisterwerk wird bis zum 3. Oktober sechsmal zu erleben sein.

Gleissend weiß, kühl und erhaben eröffnet sich die Komische Oper Berlin denen, die dieser Tage den Zuschauerraum betreten. Denn da wo noch vor wenigen Wochen die Tänzer:innen der Yiddish Revue durchs farbige Scheinwerferlicht wirbelten, erstreckt sich jetzt von der Bühne über das gesamte Parkett bis hinauf in die Ränge ein weiter, leerer Raum, einer arktischen Eislandschaft nicht unähnlich. Für die Eröffnung ihrer ersten Spielzeit als Doppelspitze - der vorerst letzten im Stammhaus an der Behrenstraße ehe das Gebäude generalsaniert wird - haben sich die beiden neuen Intendant:innen Susanne Moser und Philip Bröking mit Intolleranza 1960 von Luigi Nono eines der großen politischen Musiktheater-Statements des 20. Jahrhunderts ausgewählt.

Erzählt wird der Weg eines Gastarbeiters, der es trotz großer Widerständen schafft, die unerträgliche Situation seines Bergwerks zu verlassen. Auf dem Weg nach Hause begegnen ihm unterschiedlichste gesellschaftliche Missstände. Das italienische "Intolleranza", als "Un-Erträglichkeit" ist hier im Wortsinn zu verstehen, von der Niederschlagung politischer Aufstände über Verhör und Folter bis zur menschgemachten finalen Flutkatastrophe. Der Rückkehrer findet aber auch eine Gefährtin und mit ihr seine politische Überzeugung. Und selbst wenn beide in der Überschwemmung untergehen müssen, bleibt die Hoffnung auf jene, die nachfolgen.

Der 1929 in Venedig geborene Luigi Nono verstand sich weniger als kommunistischer Komponist denn als komponierender Kommunist und nutzte die Kunst als Ausdrucksmittel seiner politischen Haltung – was beim konservativen Premierenpublikum bei der Venediger Biennale 1961 auf nur wenig Gegenliebe stieß. Das Werk irritierte, ja provozierte. Nonos Musiksprache ist der damals in Italien noch wenig bekannten seriellen Schule verpflichtet, doch handhabte er diese ebenso frei, wie der italienische Kommunismus die Lehre Lenins. Für Intolleranza 1960 griff Nono, dem die inhaltliche Basis stets ein großes Anliegen war, auf Texte so unterschiedlicher Autoren wie Wladimir Majakowski, Paul Éluard, Jean-Paul Sartres oder Bertolt Brechts zurück. An der Komischen Oper Berlin erklingt das Werk in der deutschen Übersetzung von Alfred Andersch.

Regisseur Marco Štorman, Bühnenbildner Márton Ágh und Kostümbildnerin Sara Schwartz nehmen gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Gabriel Feltz Nonos Idee des allumfassenden Klangerlebnisses, die schon für die Uraufführung angestrebt wurde, auf. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne gänzlich aufheben. Die Bühne wird zur Tribüne, die Bestuhlung des Parketts weicht den Eisschollen, in denen nicht nur das Publikum Platz findet, sondern auch Chorsolisten und Ensemble der Komischen Oper Berlin agieren. Das Orchester schleudert die Komposition mal mit Wucht aus dem zweiten Rang, mal lässt sie sie fast sakral schlicht in den Theatersaal fließen.

Im Zentrum aber steht der Einzelne, der ganz auf sich gestellt einen Weg zu und aus den "Unhaltbarkeiten" dieser Welt finden muss und will. Einzig begleitet vom Blick von einer, die viel gesehen hat: Ilse Ritter agiert als stille Beobachterin und Kommentatorin. Marco Štorman ließ ihr von Carolin Emcke einen Text auf den Leib schreiben und hat das Werk so zusätzlich im Hier und Heute verankert. Sean Panikkar, der das Berliner Publikum schon in Barrie Koskys Inszenierung von Hans Werner Henzes The Bassarides als erotisch-urgewaltiger Dionysos begeisterte, verkörpert die Rolle des Gastarbeiters als inneren Kampf mit sich und den Verhältnissen.
Groß und ungelöst sind die Fragen, die Nono in seinem nur knapp eineinhalbstündigen Werk aufwirft. Doch in der Oper wie in Štormans Inszenierung wird klar, es bleibt nur eines: Die Herausforderungen mutig annehmen, nach bestem Wissen und Gewissen handeln und das Leben trotzdem – nein: gerade deswegen! – in all seinen Facetten feiern. "Lebendig ist, wer wach bleibt" lauten die ersten Worte des Abends. Ein Werk wie gemacht für den Auftakt eines neuen Kapitels in der Geschichte der Komischen Oper Berlin, ein Werk für den Aufbruch, das aufrüttelt und ermutigt. Ein Werk für diese Zeit.

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