12.09.2022

Intolleranza 1960

Ein Werk für diese Zeit: „Lebendig ist, wer wach bleibt!“
Die Komische Oper Berlin eröffnet ihre erste Spielzeit unter der neuen Doppelspitze Susanne Moser und Philip Bröking mit einem Klassiker des politischen Musiktheaters: Luigi Nonos Intolleranza 1960. Dafür verwandelt sich das Opernhaus für dieses Musiktheater-Ereignis in eine Eiswüste! Nonos einzigartiges Meisterwerk wird bis zum 3. Oktober sechsmal zu erleben sein.

Gleissend weiß, kühl und erhaben eröffnet sich die Komische Oper Berlin denen, die dieser Tage den Zuschauerraum betreten. Denn da wo noch vor wenigen Wochen die Tänzer:innen der Yiddish Revue durchs farbige Scheinwerferlicht wirbelten, erstreckt sich jetzt von der Bühne über das gesamte Parkett bis hinauf in die Ränge ein weiter, leerer Raum, einer arktischen Eislandschaft nicht unähnlich. Für die Eröffnung ihrer ersten Spielzeit als Doppelspitze - der vorerst letzten im Stammhaus an der Behrenstraße ehe das Gebäude generalsaniert wird - haben sich die beiden neuen Intendant:innen Susanne Moser und Philip Bröking mit Intolleranza 1960 von Luigi Nono eines der großen politischen Musiktheater-Statements des 20. Jahrhunderts ausgewählt.
Erzählt wird der Weg eines Gastarbeiters, der es trotz großer Widerständen schafft, die unerträgliche Situation seines Bergwerks zu verlassen. Auf dem Weg nach Hause begegnen ihm unterschiedlichste gesellschaftliche Missstände. Das italienische "Intolleranza", als "Un-Erträglichkeit" ist hier im Wortsinn zu verstehen, von der Niederschlagung politischer Aufstände über Verhör und Folter bis zur menschgemachten finalen Flutkatastrophe. Der Rückkehrer findet aber auch eine Gefährtin und mit ihr seine politische Überzeugung. Und selbst wenn beide in der Überschwemmung untergehen müssen, bleibt die Hoffnung auf jene, die nachfolgen.
Der 1929 in Venedig geborene Luigi Nono verstand sich weniger als kommunistischer Komponist denn als komponierender Kommunist und nutzte die Kunst als Ausdrucksmittel seiner politischen Haltung – was beim konservativen Premierenpublikum bei der Venediger Biennale 1961 auf nur wenig Gegenliebe stieß. Das Werk irritierte, ja provozierte. Nonos Musiksprache ist der damals in Italien noch wenig bekannten seriellen Schule verpflichtet, doch handhabte er diese ebenso frei, wie der italienische Kommunismus die Lehre Lenins. Für Intolleranza 1960 griff Nono, dem die inhaltliche Basis stets ein großes Anliegen war, auf Texte so unterschiedlicher Autoren wie Wladimir Majakowski, Paul Éluard, Jean-Paul Sartres oder Bertolt Brechts zurück. An der Komischen Oper Berlin erklingt das Werk in der deutschen Übersetzung von Alfred Andersch.
Regisseur Marco Štorman, Bühnenbildner Márton Ágh und Kostümbildnerin Sara Schwartz nehmen gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Gabriel Feltz Nonos Idee des allumfassenden Klangerlebnisses, die schon für die Uraufführung angestrebt wurde, auf. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter, indem sie die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne gänzlich aufheben. Die Bühne wird zur Tribüne, die Bestuhlung des Parketts weicht den Eisschollen, in denen nicht nur das Publikum Platz findet, sondern auch Chorsolisten und Ensemble der Komischen Oper Berlin agieren. Das Orchester schleudert die Komposition mal mit Wucht aus dem zweiten Rang, mal lässt sie sie fast sakral schlicht in den Theatersaal fließen.
Im Zentrum aber steht der Einzelne, der ganz auf sich gestellt einen Weg zu und aus den "Unhaltbarkeiten" dieser Welt finden muss und will. Einzig begleitet vom Blick von einer, die viel gesehen hat: Ilse Ritter agiert als stille Beobachterin und Kommentatorin. Marco Štorman ließ ihr von Carolin Emcke einen Text auf den Leib schreiben und hat das Werk so zusätzlich im Hier und Heute verankert. Sean Panikkar, der das Berliner Publikum schon in Barrie Koskys Inszenierung von Hans Werner Henzes The Bassarides als erotisch-urgewaltiger Dionysos begeisterte, verkörpert die Rolle des Gastarbeiters als inneren Kampf mit sich und den Verhältnissen.
Groß und ungelöst sind die Fragen, die Nono in seinem nur knapp eineinhalbstündigen Werk aufwirft. Doch in der Oper wie in Štormans Inszenierung wird klar, es bleibt nur eines: Die Herausforderungen mutig annehmen, nach bestem Wissen und Gewissen handeln und das Leben trotzdem – nein: gerade deswegen! – in all seinen Facetten feiern. "Lebendig ist, wer wach bleibt" lauten die ersten Worte des Abends. Ein Werk wie gemacht für den Auftakt eines neuen Kapitels in der Geschichte der Komischen Oper Berlin, ein Werk für den Aufbruch, das aufrüttelt und ermutigt. Ein Werk für diese Zeit.

Wir diskutieren am 29. September im Anschluss an die Vorstellung auf einem Podium im Rahmen der Jahrestagung der Theaterwissenschaftlichen Gesellschaft Unbequeme Positionen. Intolleranza 1960 heute. Es nehmen teil: Sean Panikkar, Marco Štorman, Irene Lehmann, Prof. Dr. Clemens Risi und Johanna Wall.
20.04.2022

Doppelte Kraft voraus!

Susanne Moser und Philip Bröking – das neue Intendanzduo präsentiert
die Spielzeit 2022/23
Als Doppelspitze übernehmen Susanne Moser und Philip Bröking im August 2022 die Intendanz des Opernhauses an der Behrenstraße. In ihrer ersten Spielzeit wird zugleich der 75. Geburtstag der Komischen Oper Berlin gefeiert. Als Geschäftsführende Direktorin und Operndirektor leiten sie seit über 15 Jahren die Geschicke des Hauses (erst mit Andreas Homoki, dann mit Barrie Kosky) – und bringen so die besten Voraussetzungen mit, die Komische Oper Berlin durch die anstehende Sanierungszeit zu steuern. Ihr Amtsvorgänger Barrie Kosky wird seiner künstlerischen Heimat, nicht nur mit zwei neuen Regiearbeiten pro Spielzeit, sondern auch als Künstlerischer Berater verbunden bleiben. Zur neuen künstlerischen Leitung der Komischen Oper Berlin gehören neben Susanne Moser und Philip Bröking auch die neue Chefdramaturgin Johanna Wall und der Leiter der Außenspielstätten Rainer Simon. Im Sommer 2023 wird dann James Gaffigan als Generalmusikdirektor das Team komplettieren.
Das Berliner Ensemble und die Komische Oper Berlin starten im Rahmen des Verbundprojekts Spielräume! eine weltweite Ausschreibung für ein gemeinsames künstlerisches Projekt, das mit digitalen Technologien nachhaltig und innovativ neue hybride Erlebniswelten in Oper und Schauspiel schaffen soll. Die Ausschreibung richtet sich an nationale und internationale Künstler:innen, Kollektive und Akteur:innen aus den Bereichen (Musik)Theater, Medienkunst und Performance. Die Bewerbung ist ab sofort bis 30. März 2022 möglich.
14.01.2022

Damiano Michieletto inszeniert Glucks »Orfeo ed Euridice« / Premiere: 23.1.

David Bates dirigiert – Carlo Vistoli und Nadja Mchantaf in den Titelpartien
Es ist eine der größten Liebesgeschichten der Oper: In Orfeo ed Euridice überwindet die Macht der Musik den Tod im Namen der Liebe. Nach seinem großen Erfolg mit Jules Massenets Märchenoper Cendrillon kehrt Damiano Michieletto mit einem Kernstück des Opernrepertoires an die Komische Oper Berlin zurück. Der aufstrebende italienische Countertenor Carlo Vistoli ist als Orfeo, Ensemblemitglied Nadja Mchantaf als Euridice zu erleben. Die für Michielettos Deutung zentrale Personifikation der Liebe, Amore, übernimmt Opernstudiomitglied Josefine Mindus. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Barock- und Frühklassikspezialisten David Bates, der mit dieser Produktion sein Debüt an der Komischen Oper Berlin gibt.
Zwei Debüts und eine Rückkehr: Drei Ausnahmekünstlerinnen interpretieren Leoš Janáčeks Katja Kabanowa. Gemeinsam mit der aufstrebenden Dirigentin Giedrė Šlekytė am Pult und Annette Dasch in der Titelpartie erarbeitet Regisseurin Jetske Mijnssen eine Neuinszenierung des einzigartigen tragischen Meisterwerks. Mijnssen überzeugte zuletzt unter anderem mit einer präzisen und eindringlichen Inszenierung von Monteverdis Orfeo in Kopenhagen, einer feinsinnigen Lesart von Rameaus Hippolyte et Aricie am Opernhaus Zürich und einem prägnanten Don Carlo in Graz. Die Fundamente für ihre erfolgreiche Karriere legte sie unter anderem mit zwei Kinderopern-Inszenierungen für die Komische Oper Berlin. Mit Katja Kabanowa kehrt sie nun zurück und wirft einen Blick auf die Tragödie einer außergewöhnlichen Frau. An ihrer Seite: Giedrė Šlekytė, die zuletzt unter anderem an der Oper Frankfurt reüssierte, sowie die weltweit gefeierte Berliner Sopranistin Annette Dasch – beide geben ihre Debüts im Haus an der Behrenstraße.
01.11.2021

ÖFFENTLICHE RÄUME IN KULTURBAUTEN DER ZUKUNFT

Digital Lectures ab 16. November 2021
Expert*innen diskutieren ab 16. November 2021 in einer digitalen Veranstaltungsreihe über öffentliche Räume in Kulturbauten der Zukunft. Die Digital Lectures KULTURBAUTEN DER ZUKUNFT werden von der Bayerischen Staatsoper, der Deutschen Oper am Rhein, der Komischen Oper Berlin, dem Opernhaus Zürich und den Staatstheatern Stuttgart veranstaltet.

Kostenlose Anmeldung und Teilnahme unter www.kulturbauten.net

Die Digital Lectures ÖFFENTLICHE RÄUME IN KULTURBAUTEN DER ZUKUNFT bringen Expert*innen und Visionär*innen zu einer digitalen Veranstaltungsreihe zusammen, um über Ideen und Visionen für Kulturbauten der Zukunft sowie über die mit ihnen verbundenen An- und Herausforderungen zu diskutieren. Weil zahlreiche Theater- und Konzerthäuser im deutschsprachigen Raum mittelfristig umfassend saniert oder neu gebaut werden müssen, sollen in sieben digitalen Veranstaltungen wichtige Impulse und Antworten auf zentrale Zukunftsfragen erarbeitet werden, darunter:
  • Was müssen Kulturbauten zwischen künstlerischer Tradition und zukunftsgewandten Ansprüchen leisten?
  • Wie können Kulturbauten für die Gesellschaft geöffnet werden?
  • Welche Anforderungen hat das Kulturpublikum der Zukunft an Kulturbauten?
  • Welche Voraussetzungen für eine vielfältige und relevante Nutzung der öffentlich zugänglichen Räume in Kulturbauten müssen erfüllt sein?
Wir freuen uns über Veröffentlichungen dieses Open Calls!
Für Medienvertreter*innen, die Interesse an einer Berichterstattung haben, gibt es die Möglichkeit, den Game Jam in Teilen zu begleiten. Bei Interesse wenden Sie sich gern an Joscha Neumann und Andrea C. Röber. Alle Informationen finden Sie auch auf dem angehängten pdf.
28.08.2021

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen für Musikprojekt in Kooperation mit der Charité gesucht

»resonare« – Musik für die Erinnerung | Auftakt: 4. Sep 2021, 16 Uhr
Das neue Projekt der Komischen Oper Berlin schafft mit einem regelmäßigen Kursangebot einen musikalischen Freiraum zum »emotionalen Auftanken« im Alltag von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen. Die kostenlose Auftaktveranstaltung im großen Saal der Komischen Oper Berlin bietet die Möglichkeit, »resonare« besser kennenzulernen und natürlich auch schon einige Takte miteinander zu singen.
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