Harry Kupfer

© Monika Rittershaus
© Monika Rittershaus
Harry Kupfer prägte das künstlerische Profil der Komischen Oper Berlin mit seinen Inszenierungen wie kaum ein anderer. Seine Liebe zum Genre Oper, seine Kreativität und sein künstlerischer Mut gepaart mit exzellentem Regiehandwerk machten ihn über die Komische Oper Berlin hinaus zu einem der wichtigsten internationalen Regisseur*innen der vergangenen 60 Jahre. Seine Regiekunst steht in der Tradition des realistischen Musiktheaters und in der Nachfolge des Gründers der Komischen Oper Berlin, Walter Felsenstein. Von 1981 bis 2002 war er Chefregisseur des Hauses und kehrte mit seiner Inszenierung von Händels Poros, die im März 2019 Premiere feierte, erstmals seit 2002 wieder an das Opernhaus an der Behrenstraße zurück. Poros war seine letzte Regiearbeit.

Am 30. Dezember 2019 ist Harry Kupfer verstorben.

Kraft der Körper

Ein Nachruf von Barrie Kosky
Erst viele Jahre nach der Begegnung mit seinen Regiearbeiten fürs Musiktheater habe ich Harry Kupfer persönlich kennengelernt. Es war Anfang 2014, ich hatte ihm einen Fan-Brief geschickt, verbunden mit der Einladung, für eine neue Produktion an die Komische Oper Berlin zurückzukehren, die er als Chefregisseur von 1981 bis 2002 geführt hatte. Er war hocherfreut, dass ich ihn zum Lunch bat. Während des Essens stimmte ich einen rhapsodischen Monolog darauf an, wie groß sein Einfluss auf mich als junger, naiver Student aus Australien gewesen sei und wie sehr seine Inszenierungen mein Verständnis von Opernregie geprägt hätten.

Er lächelte nur sein köstliches, geheimnisvolles Lächeln, dankte mir bescheiden und fing an, darüber zu sprechen, wie sehr ihm meine Inszenierung der West Side Story an der Komischen Oper gefallen habe, er finde es großartig, dass das Haus jetzt mehr Musicals mache, er habe zu DDR-Zeiten auch mehr von diesem Repertoire zeigen wollen. Harry begann, seine wunderbaren Geschichten zu erzählen, was sich bei weiteren Lunchs und Treffen fortsetzte. [...]

taz
Joachim Lange, 02.01.2020
Ein Tor zur Welt geöffnet – Nachruf auf Harry Kupfer
»Harry Kupfer war einer der wenigen deutschen Regisseure, die schon vor der Wiedervereinigung im Osten und Westen Deutschlands Maßstäbe im Musiktheater setzten. Nach dem Studium begann er Ende der fünfziger Jahre an kleineren Bühnen der DDR. Sein Berlin-Debüt, 1971 „Frau ohne Schatten“ (Richard Strauss) brachte es gleich zu Kultstatus. Kupfer war aber zunächst Operndirektor in Dresden (1972–1981), um dann von 1981 bis 2002 als Chefregisseur die Komische Oper Berlin entscheidend zu prägen. Für viele Opernfans in der DDR war es vor allem er, der neben Ruth Berghaus und Joachim Herz mit seiner Art von Theater das Tor zur Welt im übertragenen Sinne auch bei geschlossener Mauer offen hielt.«


Zum Nachruf
Berliner Zeitung
Peter Uehling, 01.01.2020
Zum Tod des großen Musiktheaterregisseurs Harry Kupfer
»Hätte er eine bessere Stimme gehabt, wäre er vielleicht Sänger geworden. So aber studierte er in Leipzig Theaterwissenschaft, wurde Regieassistent in Halle und inszenierte mit 23 Jahren zum ersten Mal – so interessant, dass ihn der Dirigent nach Stralsund mitnahm, wo sich ein neues Ensemble bildete. Dass Kupfers Liebe zur Oper eine zur Form war, nicht zu einem Repertoire, belegt die Selbstverständlichkeit, mit der er zeitgenössische Werke inszenierte […].«


Zum Nachruf
Morgenpost
Volker Blech, 01.01.2020
Regisseur Harry Kupfer ist tot – Nachruf auf einen Weltstar
»Er gehörte zu den musikalischsten Regisseuren, die ihre Inszenierungen aus der Partitur heraus entwickelten und bei Probenbeginn bereits ihr Konzept im Kopf hatten. Er stand immer auf der Seite der Kleinen gegen die da oben. Er verlieh den Menschen Größe. Bei ihm war immer wieder zu sehen, was gutes Opernhandwerk mit ausgefeilten Massenszenen und authentischen, ja sinnlichen Hauptdarstellern hervorbringen kann. Der Regisseur liebte seine Sänger, und die Sänger ihn.«


Zum Nachruf
Stuttgarter Nachrichten
Susanne Benda, 01.01.2020
Der Mensch im Mittelpunkt
»„Ich möchte alle Fragen der Welt in dieser schönen totalen Kunstform, der Oper, durchspielen, um dabei Vorschläge zu machen für das Zusammenleben der Menschen“: Das ist ein Satz von Harry Kupfer, der bleibt.«


Zum Nachruf
Der Tagesspiegel
Udo Badelt, 01.01.2020
Feingeist mit unverkennbarer Regiepranke
»Bei Kupfer stand niemand einfach nur herum, sich selbst und der eigenen Initiative überlassen, alle Beteiligten wussten, was sie gerade taten und warum. Das ging weit über die übliche Personenführung hinaus. Und weil es so fein gearbeitet war, entstand daraus eine Glaubwürdigkeit, die sich immer wieder auch dem Publikum vermittelte.
[...]
Harry Kupfers detailgetreues Arbeiten wird Vorbild bleiben und weiterentwickelt werden, von anderen, jüngeren Regisseuren und Regisseurinnen des Musiktheaters.«

Zum Nachruf
rbb24
Maria Ossowski, 31.12.2019
Preisgekrönt und doch bescheiden
»Kupfers Ring in Bayreuth 1988 geriet zu einem Triumph und zu einem Abgesang auf die DDR, zu einer Parabel des Untergangs. Kupfer, inspiriert von Walter Felsenstein, hat in Leipzig, Halle, Dresden und an der Berliner Staatsoper inszeniert. Sein Haus aber war die Komische Oper, die er 21 Jahre geleitet hat.«


Zum Nachruf

Simone Fußnegger, 03.02.2020 15:42
Ich durfte gleich nach dem Abitur bei Harry Kupfers Inszenierung der Traviata hospitieren. Diese Erfahrung in so jungen Jahren mit einem so professionellen, menschlichen Regisseur hat einen tiefen Eindruck hinterlassen.
Cornelius Walter, 15.01.2020 12:39
Durch Harry Kupfer entdeckte ich die überwältigende Kraft der Oper. Selten ging ich durch einem Theaterabend so berührt nach Hause, wie nach seinen Inszenierungen – das werde ich nie vergessen. DANKE!!!

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Biographie

Harry Kupfer studierte in den 1950er Jahren Theaterwissenschaft in Leipzig und begann seine Laufbahn in Halle, Stralsund, Karl-Marx-Stadt und Weimar. Seine Inszenierungen in Dresden und ab den 1970er Jahren an der Staatsoper Berlin machten ihn international bekannt. Bereits zu DDR-Zeiten wurde er u. a. an Opernhäuser in Graz, Kopenhagen, Amsterdam, Cardiff, San Francisco, Moskau und Zürich eingeladen. In seinen über 175 Inszenierungen zählen vor allem die Werke von Strauss, Wagner und Mozart zu seinem Kernrepertoire. Für die Bayreuther Festspiele inszenierte er 1978 den Fliegenden Holländer und 1988 den Ring des Nibelungen. Zu Kupfers jüngsten Regiearbeiten zählt Der Rosenkavalier, den er 2014 für die Salzburger Festspiele erarbeitete, Glinkas Ein Leben für den Zaren an der Oper Frankfurt 2015 und Macbeth an der Staatsoper Berlin 2018. Der vielfach ausgezeichnete Regisseur arbeitete mit bedeutenden Dirigenten zusammen, darunter Claudio Abbado, Gerd Albrecht, Herbert Blomstedt, Daniel Barenboim, Colin Davis, Simone Young und Zubin Mehta.

Der ehemalige Professor der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin und der Freien Akademie der Künste Hamburg sowie der Sächsischen Akademie der Künste Dresden. Harry Kupfer ist Ehrenmitglied der Komischen Oper Berlin. 2004 wurde er mit dem Silbernen Blatt der Dramatiker Union ausgezeichnet. Für seine letzte Inszenierung als Chefregisseur an der Komischen Oper Berlin, The Turn of the Screw, erhielt er 2002 den Bayerischen Theaterpreis.

Gedenkkonzert
26. Januar 2020, 11 Uhr