Rusalka
Interview
»Rusalka« ist wie Tschechow mit Musik
Ein Gespräch mit Barrie Kosky und Patrick Lange
Dvořák hat zahlreiche Opern geschrieben, aber erst seine vorletzte, »Rusalka«, – vier Jahre vor seinem Tod komponiert – bescherte ihm den lang ersehnten großen und auch andauernden Erfolg. Sie trägt den Untertitel »Lyrisches Märchen« – zu Recht?
Kosky: Rusalka muss ein Märchen sein! Ich finde es wichtig, dass wir uns das ganze Spektrum von Märchen und auch Mythen erhalten, auch wenn die Menschen seit der Moderne sagen, dass es keinen Mythos gibt, dass Mythologie nur eine Erfindung von Menschen sei, um sich die Welt zu erklären. Das stimmt natürlich! Darüber hinaus sind Märchen und Mythen aber in allen Kulturen seit tausenden Jahren stark bis heute – wir müssen uns nur in der Popkultur, in Hollywood-Filmen oder im Fernsehen umschauen. Menschen brauchen Metaphern. Wir brauchen andere Geschichten, um uns von der Realität abzuheben, um von unserem Leben zu erzählen, von Liebe, Tod, Einsamkeit und Sehnsucht. Ich glaube, wir müssen aufpassen, dass unser Leben nicht auf ein ›Eins zu eins‹ reduziert wird: Das bedeutet das! Das muss das sein! Das große Unerklärbare ist sehr wichtig. Zwar bin ich Atheist, aber man muss nicht an schwarze oder weiße Magie glauben, um Magisches anzuerkennen.
Mir ist wichtig, dass der Zuschauer seinen eigenen Blick auf unsere Rusalka entwickeln kann. Wir wollen ihm durch unseren Bühnenraum und unsere Bühnensprache die Möglichkeit geben, seine eigenen Träume, seine Sehnsucht, seine Interpretation auf Rusalka zu projizieren. Wenn ich genau vorgebe, was ein Bild oder eine Szene bedeutet, verliert das Märchen seine Kraft. Ein Märchen erlaubt dem Zuschauer, etwas gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen zu erleben. Es ist weder dokumentarisch noch schwarz–weiß. Man kann in einem Märchen Surreales, Träume und Unerklärbares gleichzeitig erzählen. Deshalb muss Rusalka zu Beginn einen Fischschwanz haben. Das ist ein Bild. Ich möchte nicht folkloristisch werden, aber ich halte den Fischschwanz für wichtig, weil er etwas mit Rusalkas Körper zu tun hat. Und diese Frau möchte heraus aus ihrem Körper.
Lange: Dvořák wurde vorgeworfen, alles zu romantisieren, alles in süßliche Farben zu setzen. Das halte ich für falsch: Dvořák schafft für das Märchen unterschiedlichste musikalische Stimmungen, die er – hart kontrastierend – direkt aufeinander folgen lässt. Schon im Vorspiel der Oper schafft Dvořák ein Stimmungsbild, nur mit Cello und Pauke. Quasi nebelfarben beschreibt er Rusalkas innere Leere. Nach dieser melancholischen Einleitung folgt die jubelnde, sprühende, spritzige Nixenszene. Dvořák baut diese Kontrastdramaturgie in perfekten Proportionen, weshalb ich Rusalka so abgöttisch liebe. Weitere Farben sind die folkloristischen Szenen mit dem Küchenjungen und seinem Onkel oder der Auftritt der Hexe im dritten. Akt, die beide an andere Märchen erinnern.
»Rusalka« wurde 1900 komponiert und im darauffolgenden Jahr in Prag uraufgeführt. Inwiefern fließt diese Zeit in das Werk mit ein?
Kosky: Rusalka hat sozusagen einen Fuß im 19. und einen im 20. Jahrhundert. Diese Kombination ist etwas ganz Besonderes: gleichzeitig ein Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft. Man hört in Text und Musik, woher sie kommen. Ich denke z. B. an Tristan und Isolde, Parsifal oder Pelléas und Mélisande. Das Libretto ist stark vom deutsch-französischen Symbolismus, von Freud, dessen Traumdeutung genau im Jahr von Rusalkas Uraufführung erschienen ist, und vom Wien der Jahrhundertwende beeinflusst. In Rusalka tropft es von wienerischem, fantastischem Gefühl.
Lange: Ja, Rusalka steht auf der Schwelle von der Spätromantik zur Moderne. Einerseits kann Dvořák große melodische Linien schaffen, andererseits hat er diese Mahler’sche Qualität, folkloristische Einflüsse in den großen sinfonischen Satz zu verarbeiten. Und das in einer Oper. Rusalka ist wie eine gesungene Sinfonie.
Warum will Rusalka ihre Welt, das Wasser, verlassen?
Kosky: Die eigene Welt zu verlassen, ist die Sehnsucht aller Menschen in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Man möchte manchmal jemand anderes sein. Das macht die Geschichte so berührend. Jeder möchte irgendwann – ob nur für eine Stunde, einen Tag oder zehn Jahre – in eine andere Identität schlüpfen. Das »Andere« kann unterschiedliche Formen haben. Eine Frau möchte z. B. ihren Körper durch Hungern oder plastische Chirurgie verändern oder ein Mann träumt davon, eine Frau zu sein, bzw. umgekehrt. Oder man möchte zu einer anderen Religion wechseln, in ein anderes Land ziehen oder seine Hautfarbe ändern. Jeder Mensch hat solche Träume.
Dass Rusalka einen anderen Körper und eine Seele haben will, ist ihr eigener Wunsch. Sie trifft ihre Entscheidung freiwillig. Der Grund dafür ist Liebe. Egal, wie wir Rusalka interpretieren, es ist eine Liebesgeschichte. Eine traurige Liebesgeschichte. Es ist wie im Mythos von Narziss und Echo, die so besessen ist von diesem Mann, das sie ihren Körper für ihn verliert.
Rusalka ist bereit, für ihren Wunsch und ihre Liebe ein großes Opfer zu bringen. Mutig und unbeirrbar schlägt sie alle Warnungen in den Wind.
Kosky: Rusalka geht in die Welt des Prinzen, weil sie ihn liebt und von ihm geliebt werden will. Wassermann und Ježibaba sagen: »Es wird grauenhaft werden. Tu das nicht!« Aber Rusalka bleibt dabei, weil sie es unbedingt tun möchte. Dafür ist sie bereit, ihre Stimme zu verlieren, also nicht mehr sprechen zu können. Rusalka ist eine Träumerin, die ihre Träume in die Wirklichkeit umsetzen will.
Lange: Ihre berühmte Arie, das sogenannte »Lied an den Mond«, berührt mich sehr, weil es so unglaublich klar und einfach ist. Unter dem Gesang liegt kein großer Orchesterapparat, sondern nur Streicher und Holzbläser. Es ist ein intimer Moment, um Rusalkas Innenleben zu zeigen: ein Mädchen, das vor dem Altar sitzt und zart ein Gebet spricht. Aber bis zu Rusalkas letzter Arie im dritten Akt macht sie eine große Entwicklung durch. Dort schichtet Dvořák im Orchester verschiedene Rhythmusfiguren übereinander, um von Rusalkas Zerrissenheit zu erzählen.
In welcher Beziehung stehen die Hexe Ježibaba, die von beiden Seiten, von Elementargeistern, aber auch von Menschen um Hilfe gebeten wird, und der ewig klagende Wassermann zu Rusalka?
Kosky: In unserer Inszenierung sind Ježibaba und der Wassermann Verbindungsfiguren zwischen beiden Welten. Er stammt zwar aus der Wasserwelt, aber seine Stimme hört Rusalka überall. Alle Figuren sind einsam und verloren, allerdings aus verschiedenen Gründen. Der Wassermann tritt auf unterschiedliche Weise in Beziehung zu Rusalka: als eine Art Vater, obwohl er nicht ihr Vater ist, als Arzt, Psychologe oder auch Priester, dem Rusalka ihre Träume beichten kann. So hat er, genau wie Ježibaba, verschiedene Rollen: Sie ist eine tragische Mutterfigur, die Rusalka neu gebären kann. Sie ist Ärztin, die eine große Operation an Rusalka vornimmt und die Fähigkeit hat, ihr die Stimme wegzunehmen. Und Ježibaba fungiert auch als eine Art Therapeutin oder Beichtmutter.
In unserer Aufführung kann man Ježibaba und den Wassermann nicht eindeutig einordnen, weil sie viele Funktionen haben. Aber diese haben alle mit Rusalka zu tun. Sie existieren nur durch die Wünsche und Träume von Rusalka.
Lange: Interessant ist, dass sich Dvořák mit diesen beiden Figuren schon vorher beschäftigt hatte. Er komponierte die symphonischen Dichtungen Die Mittagshexe und Der Wassermann, deren Programme auf Gedichten des tschechischen Schriftstellers Karel Jaromír Erben beruhen.
Aber, auch wenn die beiden Figuren zusammengehören, unterscheiden sie sich grundsätzlich: Ježibaba ist aktiv, hat die Macht zu verwandeln und zu töten, während der Wassermann passiv bleibt.
Kosky: Absolut. Ježibaba ist wie eine Urmutter. In allen Kulturen war die Frau im Bereich Zauberei und Magie die Mächtigere. Wir kennen den Mythos von Medea, die Frau als Gebärerin und Zerstörerin. In dieser Welt hat Ježibaba die Macht und gibt Rusalka im letzen Akt klare Anweisungen, was zu tun ist.
Der Wassermann hingegen hat seine Hoffnung verloren und ist zynisch. Er ist für mich: Wien. Er sitzt in einem Café und denkt: »Alles ist schlimm, alles wird schief gehen! Ich hasse das Leben!« Er sitzt nur da wie die verlorenen Figuren in Tschechows Kirschgarten oder Drei Schwestern, und das Leben geht an ihm vorbei. Rusalka ist wie Tschechow mit Musik.
Lange: Dvořák komponiert Stille, wie z. B. am Anfang der Ouvertüre. An den vielen Fermaten sieht man, wie wichtig es ihm ist, dass man inne hält. Seine Dramatik liegt nicht in einer stringent gebauten Handlungsabfolge, sondern in dem, was zwischen den Figuren und den verschiedenen Handlungseben passiert.
Was verbindet Rusalka und den Prinzen und warum scheitert ihre Liebe?
Kosky: Der Prinz ist von Anfang an, in Text und Musik, verloren. Verloren, träge und depressiv. Er lebt in einem großen Haus allein, jagt, geht stundenlang in den Wald. Und plötzlich tauchen zwei Frauen in seinem Leben auf. Der Prinz hat keine Ahnung, wie er damit umgehen soll. Manchmal ist er ein wenig cholerisch und hoch emotional, aber letztlich sucht er etwas. Er ist auf der Suche nach Liebe und träumt. Warum glauben wir, ein anderer Mensch könnte unser Leben komplett machen?
Es gibt dieses wunderbare Bild im Libretto, dass der Prinz in Rusalka, die das Wasser eines Waldsees ist, badet. They already made love! Beide haben etwas gefühlt. Dann trifft er sie plötzlich in einer körperlichen Form. Zum Schluss gibt es diese seltsame Liebe zwischen den beiden, aber »it‘s an impossible love«. Schon in den ersten Takten der Ouvertüre hört man, dass es problematisch werden wird.
Lange: Wie in jedem Märchen heißt es: »Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute«. Es ist interessant, das dies nach dem unglaublich traurigen Ende auch in der Musik zu hören ist. Zum Schluss verklingen noch einmal die Blechbläser in einem Choral, und es hört in einem traumhaften Des-Dur auf. Märchen par excellence.
Braucht diese Geschichte, die uns noch heute so berührt, auch eine heutige Ästhetik auf der Bühne?
Kosky: Darüber haben wir ja lange diskutiert. Natürlich ist es möglich, Rusalka modern zu machen, aber diese Geschichte braucht Verfremdung, Distanz zu unserem Alltag. Erst dann kann man sie auf verschiedenen Ebenen erfahren. Nachdem ich in den vergangenen 15 Jahren alles in zeitgenössischen Kostümen gemacht und ›Eins zu eins‹ ins Heute übersetzt habe, möchte ich nun eine ganz eigene Welt erschaffen, fern der Alltagsrealität. So kamen wir auf Kostüme aus der Welt der Jahrhundertwende, sie schaffen die notwendige Distanz. Als wir begonnen haben, an der Konzeption zu arbeiten, kam Michael Hanekes genialer Film Das weiße Band ins Kino. Dieses verklemmte, protestantische Dorfleben, diese klaustrophobische und moralisch enge Welt, hat viel mit Rusalka zu tun. Das war ein Ausgangspunkt für unsere Überlegungen.
Warum dringt uns die Musik von Dvořák, der die Verbindung zwischen den anderen beiden großen tschechischen Opernkomponisten Smetana und Janáček schafft, auch heute direkt ins Herz?
Lange: Gäbe es dafür ein Patentrezept, würden wahrscheinlich viele so komponieren. Musik kann in andere Landschaften, in andere Sphären entführen – das schafft Rusalka. Wäre Dvořák ein Schriftsteller, würde man ihn als tollen Geschichtenerzähler beschreiben. Er kann durch seine wirklich schön gebauten Linien sehr poetisch erzählen. Die Oper ist wie ein Bild, das er malt. Das ist es wohl, was uns berührt.
Kosky: Dvořáks Musik beschreibt den Versuch, zwei Menschen zusammenzubringen. Der Versuch geht schief – aber es ist immerhin ein Versuch.
Das Gespräch führte Bettina Auer