Don Giovanni

Interview

Freiheit und Ordnung

Ein Gespräch mit Peter Konwitschny über »Don Giovanni« …

Die sexuelle Potenz Don Giovannis ist legendär. Leporello zählt auf, dass er es mit rund 2000 Frauen getrieben haben soll. Es scheint, dass er jede Frau haben kann, die er will. Was hat dieser Mann an sich, dass ihm jede Frau verfällt? Ist er ein raffinierter, skrupelloser Verführer?
Zumindest Mozart kann das nicht so gesehen haben, sonst hätte er ihm nicht solche Musik gegeben. Nehmen wir nur das Duett mit Zerlina im ersten Akt. Das ist ganz bestimmt keine verlogene oder berechnende Musik. Das Besondere an diesem Mann ist, dass er keineswegs lügt, wenn er der Frau, die ihm gerade gegenübersteht, sagt, er liebe sie. In diesem Augenblick ist das vollkommen wahr. Dass es im nächsten Augenblick möglicherweise nicht mehr stimmt, ist eine andere Sache. Ich meine, dass Giovannis Geheimnis diese rückhaltlose Zuwendung, vielleicht kann man sogar Hingabe sagen, an diese Frau in diesem Augenblick ist. Die Behauptung, er mache das alles berechnend, er wäre ein kalter Verbrecher, der die Frauen lächelnd ins Unglück stürzt, wenn er nur seinen Spaß dabei haben kann, ist eine Verleumdung, die seine Feinde in die Welt gesetzt haben.

Bemerkenswert ist, dass er diese Wirkung durchaus nicht nur auf Frauen ausübt.
Wem immer dieser Mann begegnet, der ist von ihm fasziniert. Da tritt jemand in einen Raum, für den es ganz selbstverständlich ist, dass er, wenn er eine Frau sieht, die ihm gefällt, einen Kontakt herstellt. Wie weit der dann geht, das ist gar nicht so wichtig. Aber dass dieser Kontakt mit Freude angeknüpft wird, dass da das Leben fühlbar wird, dass da einer ist, der diese Möglichkeit des Genusses nicht aufgibt, weil er zu einer geschäftlichen Verabredung muss, das ist außergewöhnlich. Denn normalerweise haben wir eben Verpflichtungen und wir haben unter großen Mühen gelernt, sie auch einzuhalten. Und die hindern uns nur zu oft daran, das zu tun, was wir im Moment am liebsten tun würden.

Leporello hat bei Giovanni kein leichtes Leben. Gleich am Anfang der Oper beschwert er sich, und auch im Verlauf ist er immer wieder zornig darüber, wie er behandelt wird. Warum sucht er sich nicht einen anderen Herrn?
Weil er einen solchen nicht mehr finden würde. Vielleicht würde ihn ein anderer sogar besser bezahlen, und er könnte es bequemer haben. Aber Bequemlichkeit ist nicht wirklich das, was Leporello sucht. Wichtig ist mir, dass auch er fasziniert ist von dieser Qualität seines Herren, das Leben einfach ausgiebig und ohne Reue genießen zu können. Dagegen ist er machtlos, was immer geschehen mag. Dennoch: der soziale Unterschied zwischen den beiden ist wichtig. Giovanni ist der Herr, Leporello sein Diener, der von ihm abhängig ist. Aber es handelt sich um ein echtes Herr-Diener-Verhältnis, das heißt: Giovanni ist von Leporello ebenfalls abhängig. Ohne die Unterstützung seines Dieners, der sein Wesen in gewisser Weise versteht, könnte er gar nicht existieren und sein Leben nicht so leben. So wenig wie Leporello sich einfach einen anderen Herren suchen kann, wird sich Giovanni seines Dieners entledigen. Es sei denn, er wollte ein anderer werden.

Don Giovanni ist also ein Mensch, der es versteht, den Moment zu genießen?
So kann man es sagen. Und eine solche Haltung bringt es zwangsläufig mit sich, dass er sich nicht an die Spielregeln, Gebote und Verbote unserer Kultur hält. Das heißt, er ist nicht etwa absichtlich ein Rebell. Er hat ganz einfach nicht gelernt, sich und seinen Lebensanspruch zurückzunehmen und einer höheren Idee, etwa einer Moral, unterzuordnen. Ich denke, es ist ganz offensichtlich, dass dieser Giovanni für Mozart eine positive Figur ist.

Ist das nicht doch etwas übertrieben?
Vielleicht etwas zugespitzt. Es kommt eigentlich nur darauf an, welche Bedeutung man dem Bestehen und Fortbestehen einer Gesellschaft oder eines kulturellen Systems überhaupt beimisst. Natürlich ist ein menschliches Zusammenleben ohne gewisse Gesetze und Spielregeln, oder auch Konventionen nicht denkbar. Aber solch ein Regelwerk bringt neben dem Schutz, den es einer Organisation von vielen Menschen bietet, auch eine Einschränkung, der sie sich unterwerfen müssen. Und wenn diese Reglements dann zu sogenannten »geheiligten Traditionen« verkrusten, besteht die Gefahr, dass sie sich gegen das Leben selbst wenden. Wenn wir nun diesen Don Giovanni sehen, also einen Mann, der ständig gegen die Ordnung verstößt, und ihm unsere Sympathie nicht versagen können, deutet das darauf hin, dass wir selbst unter diesen Reglements leiden, weil sie uns in unserer Vitalität und Freude am Leben einschränken und verwunden. Und ich glaube, Mozarts Oper wirkt darum bis heute so ungebrochen kraftvoll, weil sie diese dialektische Spannung, die jede menschliche Gesellschaft charakterisiert, am wundesten Punkt durchspielt. Die Frage ist doch, wie viel Vitalität, die ihrer Natur nach Übertretungen von Tabus und Regeln mit sich bringt, man innerhalb einer gesellschaftlichen Organisation zulässt, zulassen kann und zulassen muss. Wenn jemand all diese Regeln in Frage stellt, ist das für die Gesellschaft natürlich gefährlich. Da geht es nicht nur darum, dass ein Weiberheld die Gegend unsicher macht. Es steht plötzlich alles auf dem Spiel. Und so ist es nur folgerichtig, dass Giovanni am Ende liquidiert wird. Denn wenn eine solche Haltung überhand nähme, würde die Gesellschaft vermutlich bersten. Und das kann doch auch nicht wünschenswert sein. Oder?

Kann es wünschenswert sein, dass alle, die noch Leben in sich haben, in die Hölle fahren?
Es ist wirklich eine schwierige Frage, letztendlich ein Widerspruch, für den es eine endgültige Lösung nicht geben kann. Man kann sich hier nicht für eine Seite entscheiden, beide sind auf ihre Weise im Recht. Und eben dieser Widerspruch, der im Laufe der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft immer von neuem aufgetreten ist, und immer wieder auftreten wird, birgt möglicherweise einen der wesentlichen Impulse für die Entwicklung, weil der Versuch, diesen Widerspruch zu lösen, immer wieder zur Erfindung neuer Strukturen zwingt. Mozart bietet uns keine endgültige Lösung des Problems, die ohnehin nur illusorisch sein könnte. Sein Stück gibt keine Antworten, es macht aber mit Vehemenz bewusst, dass es da eine offene Frage gibt, der wir uns immer wieder stellen müssen.
Übrigens wäre es wohl blauäugig, Giovanni tatsächlich in die Hölle fahren zu lassen. Die gibt es doch – Hand aufs Herz! – gar nicht. Die haben wir doch bloß erfunden, wie auch den Himmel, eben damit wir alle artig sind!

Das Stück wird als »Dramma giocoso«, also als heiteres Drama bezeichnet. Spiegelt sich die skizzierte Widersprüchlichkeit in dieser in sich widersprüchlichen Genrebezeichnung wider?
Tatsächlich eine seltsame und seltene Bezeichnung. Meiner Ansicht nach ist es weniger eine Genrebezeichnung. Da steckt etwas anderes dahinter. Für mich ist das ein Hinweis auf eine Geisteshaltung, eine Haltung zum Widerspruch an sich. Es wäre wohl falsch, aus diesem Untertitel zu folgern, alles, was sich auf der Bühne abspielt, müsse vordergründig heiter oder gar lustig sein. Es geht eher darum, dass wir mit Widersprüchen, dem Dichtbeieinander von Gegensätzen fröhlich umgehen sollen, ohne »Einschüchterung durch Klassizität«, wie Brecht das genannt hat.
Wichtig ist mir, dass die Widersprüche auch in der Dramaturgie des Stücks nicht ausgeblendet oder gemildert werden. Im ganzen Stück stehen ausgesprochen tragische Szenen unvermittelt banalstem Slapstick gegenüber und gleich nach der komischen Nummer folgt etwas Grauenhaftes, gelegentlich Surreales. Bitte keine »runde Sache«!

Das scheint aber dem gängigen Mozartbild zu widersprechen, für das Stichworte wie klassisches Maß, apollinische Heiterkeit usw. verbindlich sind.
Diese Klischees vom Donnerblitzbub, der so göttliche Musik geschrieben hat, dessen Genialität so über jedes Maß erhaben ist, dass man ihn gar nicht erfassen kann, der so göttlich klassische, in sich abgerundete Musik geschaffen hat – all diese Zuschreibungen sind nur verschiedene Möglichkeiten, eine Wahrheit unkenntlich zu machen. Es sind sozusagen Bausteine für ein Denkmal, auf dem uns der Komponist so weit entrückt wird, dass wir kaum noch hoffen können, sein Werk je zu verstehen. Ihn zu berühren wird uns architektonisch verwehrt. Wir werden ganz klein, empfinden Ehr-Furcht. Das ist ein Schutz gegen die Gedanken all der großen Meister, die, ganz ähnlich wie Giovanni, gewisse Spielregeln nicht eingehalten haben, immer nach Neuem suchten, das Bestehende in Frage stellten und somit Verunsicherung und Beunruhigung auslösten. Mit anderen Worten: die Gesellschaft hat Angst vor einem solchen explosiven Wesen, das unmissverständlich klar macht, wie dürftig unser Leben mit diesen Spielregeln eigentlich ist. Und sie erfindet Lügen, um das subversive Potenzial zu kastrieren: den »unsterblichen, göttlichen Mozart« zum Beispiel. Damit das Bild stimmt, werden seine Briefe in den Ausgaben bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein entstellt. Man macht uns weis, die Geschichte und die Musik des »Don Giovanni« hätten nichts mit unseren kleinen Leben, unseren Erfahrungen, Sehnsüchten, Verzweiflungen zu tun. Und das ist die beste Voraussetzung, all diese Werke wirklich nicht zu verstehen. Bei Wagner oder Verdi ist das nicht anders. Dass diese Musik wirklich außerordentlich gut ist, meinetwegen auch göttlich, steht auf einem anderen Blatt. Aber diese vernebelnden Vorurteile müssen wir wegräumen, indem wir die Figuren und Vorgänge an uns heranholen, und dem heutigen Zuschauer unmittelbar nachvollziehbar machen, wie viel das mit uns und unserem Leben zu tun hat.

Wie theatralisch ist Mozarts Musik?
Es gibt Opernfreunde, die meinen, die Musik wäre in der Oper das Wichtigste, die Szene komme hinterher. Man könne Opernmusik schließlich auch genießen, wenn man sie nur höre, ohne im Theater zu sein. Ich glaube das nicht. Selbstverständlich kann ich mir eine Aufnahme einer Oper anhören, aber in ihrer Gänze kann eine Opernkomposition nur dann erkannt werden, wenn der Vorgang, der sich in der Musik ausdrückt, auch szenisch verwirklicht wird. Dann erst bekommt die Musik ihren nötigen Kontext und kann zeigen, welchen Sinn sie eigentlich hat. Mozarts Opernmusik ist eben nicht nur formal abgerundet und ins klassische Maß gefasst, sie ist vor allem enorm gestisch und in ihrem Gestus von hoher Präzision. Sie drückt die Konflikte, um die es im Stück geht, sehr anschaulich aus, das heißt, dass jeder Zuschauer den Sinn der Musik unmittelbar nachvollziehen kann. Ein schlagendes Beispiel ist in diesem Stück die Passage im ersten Finale, wo drei Bühnenorchester spielen. Da werden drei verschiedene Metren miteinander kombiniert: Gleichzeitig erklingen Tänze im 3/4-, 2/4- und 3/8-Takt - eine polymetrische Passage, als würde die Musik verrückt spielen. Und das geschieht genau an dem Punkt des Stücks, wo die Gesellschaft durch Giovannis Einfluss tatsächlich auseinander bricht und vorübergehend ins Chaos versinkt. Die musikalische Gestaltung dieser Stelle, die übrigens ungeheuer vorausweisend und also für die Zeitgenossen verstörend war, gibt der Gefahr, die von einem solchen Menschen ausgeht, geradezu eindeutigen Ausdruck.

Kann man sagen, dass sich Mozart mit seinem Helden identifiziert?
Auf jeden Fall fühlt er sich ihm verbunden. Nach allem, was wir von ihm wissen, war auch Mozart keineswegs angepasst, hat die sonderbarsten und für seine Umgebung schockierendsten Verhaltensweisen an den Tag gelegt. Nun erfindet ein Künstler eine solche Gestalt nicht vorsätzlich mit der Absicht, sein eigenes Lebensproblem in ihr abzubilden. Aber sein Interesse am Stoff hängt natürlich mit seiner eigenen Lebenserfahrung zusammen. Und nur, wenn sich gewisse Muster in so einer Geschichte finden, die mit denen des eigenen Lebens korrespondieren, erwacht ein Interesse an der Gestaltung des Stoffes. Dann ergibt sich eine solche Identifikation ganz von selbst, ohne dass sie bewusst erzeugt würde.
Don Giovanni ist einer, der es einfach nicht einsieht, dass seine Aufgabe in dieser Welt darin bestehen soll, problemlos im Gefüge der Gesellschaft zu funktionieren. Er ist ein Ausnahmemensch und ist sich dessen sehr wohl bewusst. Und das trifft auf Mozart ganz sicher auch zu.
Nehmen wir als ein Beispiel nur diesen wunderbaren Brief an seinen kranken Vater, der in unserer Aufführung eine wichtige Rolle spielt. Da spricht er vom Tod als dem besten Freund des Menschen. Allein das ist ein ungeheurer Tabubruch in unserer abendländischen Kultur, die den Tod mit allen Mitteln verdrängt. So etwas kann nur jemand schreiben, für den Übertretungen von Regeln und Tabubrüche etwas Selbstverständliches sind.

Ist Donna Annas Vater, der Kommandant, also Leopold Mozart ?
Eine solche Identifikation wäre sicher ebenso zu kurz gegriffen, wie die Don Giovannis mit Mozart. Anderseits ist es aber ganz undenkbar, dass aus seiner Erfahrung mit dem Vater, der immer darauf achtet, dass sich der Sohn möglichst den Regeln entsprechend verhält, nichts in die Komposition eingeflossen sein sollte.
Dramaturgisch vertritt der Kommandant das Gesetz, das dieser Gesellschaft zugrundeliegt. Er vertritt die Ordnung, mit der Giovannis Vitalität in Konflikt gerät, und die sich gegen Giovannis Vitalität schützen muss. Wenn er am Ende zu Giovannis Abendessen kommt, erscheint er als der wichtigste Vertreter der Gemeinschaft, der vom Provokateur den Widerruf verlangt. Würde er Giovanni dazu bewegen können, würde das den Fortbestand des Systems sichern. Der bekehrte Wüstling könnte als Beispiel für aufsässige Schulkinder dienen. Man zeigt ihnen, dass selbst dieser Bösewicht schließlich eingesehen hat, wie gut es ist, sich den Zwängen der Gesellschaft zu unterwerfen. Aber Giovanni lässt sich nicht unterkriegen. Darum wird er dann liquidiert.

Wie verhält es sich mit dem Frauenbild in diesem Stück?
Ich weiß nicht, ob das Stück uns wirklich mitteilen will, wie die Frauen so sind. Es führt uns drei verschiedene vor. Donna Anna ist eine sehr dramatische Gestalt. Für sie ist das ganze Leben ein einziges Drama, sie nimmt alles sehr ernst und lebt jeden Konflikt mit größter Leidenschaft. Donna Elvira scheint ziemlich hysterisch zu sein, wie das Männer so auszudrücken pflegen. Ihre Nerven liegen blank. Sie ist den Zumutungen bedenklich hilflos ausgesetzt. Wichtig ist mir, auch sie als liebenswert zu zeichnen. Es gibt keinen Grund, darüber zu lachen, dass sie sich einfach nicht vorstellen kann, jemals einen anderen Mann zu lieben. Zerlina ist eine eher einfache Frau, die nicht intellektuell reflektiert, was vorgeht, und auch nicht die Dramatik und Leidenschaft der Anna hat. Mozart und Da Ponte führen uns unterschiedliche Möglichkeiten, als Frau in der Welt zu sein, vor, aber nicht wirklich ein vollständiges Frauenbild. Wichtig ist, dass sie alle etwas sehr Liebenswertes haben, auch wenn sie gelegentlich nervend sind. Diese Frauen müssen uns wegen ihrer Liebesfähigkeit ans Herz wachsen; denn an ihnen sehen wir, wie zerstörerisch das Lebensprinzip des Don Giovanni tatsächlich wirkt. Am Ende sehen wir, und Mozart hat das unmissverständlich komponiert, dass diese Leute ohne Giovanni eigentlich nichts mehr sind. Dieses Fugato, mit dem die Moral aus der Geschichte gezogen werden soll, ist doch ein ziemlich peinlicher Schluss. Das ist eben der Witz an der Sache: die beiden Seiten eines Widerspruchs bedingen einander, wenn man eine löscht, verschwindet auch die andere, und es bleibt nicht Harmonie, sondern Leere.
Es ist denkbar, dass es in einer neuen Gesellschaft, die mit diesem Widerspruch von subversiver animalischer Kraft und notwendiger Erhaltung des Bestehenden besser umgehen kann, keinen Giovanni mehr gibt. Das ist für uns nicht vorstellbar. Aber es ist wichtig, darüber nachzudenken, ob eine solche Organisation nicht anstrebenswert wäre. Und ein Stück wie Mozarts »Don Giovanni« hilft uns bei diesem notwendigen und schmerzlichen Nachdenken, indem es die Wunde offen hält, indem es darauf hinweist, dass es da ein Problem gibt, dem wir uns immer von Neuem stellen müssen.

Das Gespräch führte Werner Hintze

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