Die Meistersinger von Nürnberg
Interview
Das symbiotische Zusammenwirken der Gegensätze …
Andreas Homoki im Gespräch über seine Inszenierungskonzeption
Richard Wagner hat sein Stück im Entwurf als »komische Oper« bezeichnet, das Attribut aber später wieder gestrichen. Was ist das nun für ein Stück?
Es handelt sich ohne allen Zweifel um eine komische Oper, eine der schönsten, die geschaffen wurden. Es mögen irgendwelche ideologischen Vorbehalte gewesen sein, die Wagner bewogen haben, die Genrebezeichnung zu ändern. Vielleicht klang ihm das zu französisch. Das ist, glaube ich, für unsere Arbeit nicht weiter wichtig. Immerhin gibt es aber eine Äußerung von ihm selbst, dass er seinen ersten Entwurf, den er mit 32 Jahren niederschrieb, nicht weiter verfolgen konnte, weil er ausschließlich durch Ironie geprägt war und ihn schon deshalb bald nicht mehr interessiert hat. Denn alle wirklich großen Komödien zeichnen sich dadurch aus, dass nicht immer alles lustig ist, sondern die komischen Situationen auf einem Hintergrund von Tragik erscheinen. Allem Anschein nach war es dies, was Wagner brauchte, um das Stück ausarbeiten zu können. Und dazu musste er wohl erst gewisse Lebenserfahrungen sammeln.
Man hört immer wieder mal den Vorwurf, das Stück sei tatsächlich nicht besonders komisch. Mit dem deutschen Humor sei es ja sowieso so eine Sache, und außerdem habe Wagners Hang zum Tiefsinn echte Komik verhindert.
Das habe ich nie verstanden. Ich finde in diesem Stück eine Fülle von komischen Situationen und gelungenen Pointen, die mir immer, wenn ich es höre und sehe, große Freude machen und die uns auch auf den Proben viel Spaß bringen. Der Humor ist natürlich der eines Deutschen – wie könnte es denn anders sein –, aber das spricht doch nun wirklich nicht gegen das Stück. Dieses Naserümpfen über den deutschen Humor entspringt doch eigentlich nur einem ideologisch verdrehten Patriotismus, der das Attribut »typisch deutsch« negativ meint.
Wenn wir uns das Stück ohne die Scheuklappen solcher Vorurteile ansehen, erweist es sich schnell als eine wirklich großartige Komödie. Die Ausgangssituation ist übrigens typisch für nahezu alle Komödien: Zwei Liebende geraten in Konflikt mit einer Umwelt, die sich ihrer Liebe entgegenstellt. Sie müssen gegen die überkommenen Strukturen aufbegehren, um ihr Glück zu verwirklichen. Wagner bereichert diese Grundstruktur, die mehr als genug Material für komische Verwicklungen und turbulente Situationskomik bietet, noch durch zwei Besonderheiten: Die eine ist, dass er die überkommenen Zustände, die durch die jungen Leute in Frage gestellt werden, als traditionelle Kunstauffassungen einführt, so dass die Liebeshandlung auf einer zweiten Ebene zu einer Diskussion von Grundfragen des künstlerischen Handelns wird. Und da für Wagner die Kunst immer eine politische Angelegenheit war, gewinnt die Diskussion um die richtige Art, Lieder zu dichten und zu komponieren – die letztlich eine Diskussion um die richtige Art zu leben ist – eine zusätzliche politische Dimension.
Die zweite Besonderheit ist, dass er die Gegenseite, also die Vertreter der älteren Generation, die von den jungen Leuten überwunden werden muss, mit sehr großer Genauigkeit und Sympathie zeichnet. Hier ist es vor allem der Schuster Hans Sachs, der den beiden jungen Leuten zu ihrem Glück verhelfen muss, was er aber nur kann, wenn er akzeptiert, dass er der Vergangenheit angehört und der Zukunft weichen muss, die durch die Liebenden repräsentiert wird. Wagner reflektiert in dieser Figur sehr feinfühlig die Probleme eines reifen Menschen, der erfahren muss, dass er das Heft des Handelns irgendwann an die Jugend abgeben muss, wenn er sich nicht lächerlich machen will. Sachs ist wie die übrigen Meister versucht, sich gegen das Neue zu wenden und innerlich zu versteinern, entscheidet sich jedoch, das Neue zu befördern und damit selbst die Führung abzutreten. Sachs steht hier für uns alle, denn wir alle müssen im Verlauf unseres Lebens lernen, dass nichts bleibt, wie es ist, und alles im Fluss ist. Das ist eine schmerzhafte Erkenntnis, weil sie einen fortwährenden Abschied von Liebgewonnenem bedeutet. Aber nur wer diese Tatsache akzeptiert, hat die Chance, als Mensch innerlich jung und als Künstler schöpferisch zu bleiben. Mit diesen Elementen kommen tatsächlich sehr ernste Fragen ins Spiel, und sie sind es, die aus dem Stück eine Komödie machen und keine Farce.
Der Titel des Stücks nennt die Meistersinger, diesen seltsamen Club von kunstliebenden Handwerkern, die in ihrer Freizeit Lieder dichten und komponieren und dabei größten Wert darauf legen, dass ihr ziemlich verzweigtes Regelwerk genau beachtet wird. Wen interessiert eine solche Geschichte heute noch?
Das ist ja nicht der Hauptgegenstand des Stücks, sondern eher der Hintergrund, von dem sich die eigentliche Handlung abhebt: diese wunderbare Liebesgeschichte, aus der Wagner eine Spieloper im Geiste Lortzings geschaffen hat. Aber trotzdem ist es natürlich kein Zufall, dass er sich diese Meistersinger gewählt hat. Zunächst einmal bieten sie mit ihrem Regelkanon und ihren steifen Ritualen, die sie so überaus wichtig nehmen, viel Material für die Komik des Stücks. Und sicherlich stehen deshalb sie im Titel. Aber die Frage nach dem Sinn von Regeln und dem Sinn von Regelübertretungen, anders gesagt die Frage nach dem Sinn von Traditionen und der Möglichkeit von Neuerungen, ist selbstverständlich eine wichtige Frage, die jeden Künstler beschäftigt, die aber keineswegs nur für den Bereich der Kunst von Bedeutung ist. Die Meister sind Handwerker, die die Kunst lieben. Künstler sind sie in ihrer Freizeit, und das bringt schon eine gewisse Beschränkung mit sich. Sie haben die Traditionen der mittelalterlichen Dichtkunst aufgenommen und bewahren sie als etwas Wertvolles, das sie möglichst ohne Verluste über die Zeiten retten wollen. Und nun kommt da so ein junger Feuerkopf daher, will alles anders machen und denkt auch noch, dass all das, wofür die Meister stehen, einfach außer Acht gelassen werden kann. Es ist klar, dass sie darauf empfindlich und auch verständnislos reagieren. Und sie haben damit durchaus recht. Freilich hat auch Stolzing recht, denn die getreuliche Reproduktion und Aufbewahrung des Alten führt irgendwann zwangsläufig zur Stagnation und schließlich dazu, dass eine so ausgeübte Kunst jede Relevanz verliert.
Dass die Meister einer solchen gefährlichen Stagnation sehr nahe sind, erkennt man auch daran, dass sie glauben, Kunst sei etwas, das man wie das Schustern oder Schreinern erlernen könne, wenn man die Regeln nur gründlich genug studiere.
Ist diese Auffassung denn so ganz falsch?
Nicht ganz, aber einseitige Festlegungen führen immer zu falschen Aussagen. Natürlich kann man kein Künstler sein, wenn man nicht über die entsprechenden handwerklichen Voraussetzungen verfügt. Ohne dieses Handwerk kann man den künstlerischen Impuls, der zwangsläufig ein eruptiver, subjektiver ist, gar nicht vermitteln. Von den Adressaten kann er ja nur begriffen werden, wenn er in eine künstlerische Form gebracht wird. Und dazu bedarf es des Handwerks. Aber Handwerk allein reicht natürlich nicht aus. Es braucht beides: den ungezügelten Ausbruch der Kreativität und die formale Bindung durch das Handwerk. Dieses Zusammenwirken ist immer ein spannungsvolles, und hieraus entstehen die Reibungen und Konflikte, die die Kunstgeschichte letztlich vorangebracht haben.
Walther von Stolzing scheint aber doch zu glauben, dass man so etwas nicht braucht, dass es ausreicht, wenn man Einfälle hat und verliebt ist.
Ich glaube, darüber denkt er gar nicht nach. Er will doch eigentlich gar nicht Künstler werden, das flunkert er Pogner ja nur vor. Er will Eva heiraten, und wenn dafür die Bedingung ist, dass er sich auf diese Meister einlässt, dann tut er es eben. Nun merkt er aber schnell, dass er gar keine Chance hat, wenn er versucht, sich die Vielzahl von Tönen, Weisen und Regeln zu merken, also legt er einfach los, singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und fällt bei den Meistern mit Pauken und Trompeten durch. Und trotzdem hat er da etwas abgeliefert, worin ein kluger und sensibler, dem Neuen gegenüber aufgeschlossener Meister wie Hans Sachs den genialen Funken erkennen kann, der in Stolzing glüht. Er sieht, dass dieser junge Mann die wichtigste Voraussetzung erfüllt, die ein Künstler erfüllen muss: Er ist von seiner Liebe durchdrungen und diese Liebe ist es, die zum künstlerischen Ausdruck drängt. Hans Sachs drückt das dann so aus: »Nun sang er, wie er musst, und wie er musst, so konnt’ er’s.« Wagner nimmt hier natürlich eine starke Vereinfachung vor, das war ihm sicherlich bewusst, aber worum es ihm ging, ist, dass Inspiration etwas damit zu tun hat, dass man eine Leidenschaft in sich trägt, die nach außen drängt. Und nur wenn man das zulässt, wird man in der Lage sein, etwas Besonderes zu schaffen. Sachs sieht dieses Besondere, die anderen sind dazu nicht in der Lage, weil sie nicht nach der Schönheit des Liedes, sondern nach seiner »Richtigkeit« fragen, und als richtig gilt den Meistern nicht, was der angemessene Ausdruck einer gewissen Empfindung oder eines bestimmten Gedankens ist, sondern das, was exakt ihren altehrwürdigen Regeln folgt.
Plädiert das Stück also für radikale Neuerungen und die Zerstörung alles Hergebrachten und Überlieferten?
Zwischen einem unreflektierten »weiter so« und der rücksichtslosen Zerstörung des Althergebrachten zeigt uns das Stück einen Mittelweg. Mit viel Witz führt es uns zunächst vor, wie Stolzing die braven Handwerker in heillose Verwirrung stürzt. Das ist uns natürlich sympathisch, denn diese Meistersinger, wie wir sie kennenlernen, haben etwas durchaus Kleinkariertes und sind alles andere als schöpferisch. Dieser Zustand muss aufgebrochen werden, wenn er nicht zum sicheren Untergang eben der Kunst führen soll, welche die Meister bewahren wollen. Dennoch hat ihre konservative Haltung eine gewisse Berechtigung. Wenn jede Generation immer wieder von vorn anfängt, kann es keinen Fortschritt geben, denn jede Generation muss auf den Erfahrungen der vorherigen aufbauen können, sie aber auf immer neue und eigene Art umsetzen und anwenden. Das müssen die Meister lernen, und das muss auch Stolzing lernen. Es geht um das symbiotische Zusammenwirken der beiden Gegensätze. Das Neue kann nicht ohne das Alte existieren, das Alte kann nicht ohne Erneuerung überleben.
Einige Interpreten des Stücks sind der Auffassung, Sachs würde Stolzings ursprünglichen Erneuerungsimpuls brechen, den revolutionären Schwung des Anfangs neutralisieren. Die Geschichte werde so zu einer von einem faulen und reaktionären Kompromiss …
Das kann man so sehen, wenn man meint, dass Fortschritt nur durch die radikale Zerstörung des Alten möglich ist. Glücklicherweise ist das aber nicht so, denn Fortschritt verwirklicht sich sehr viel öfter in kleinen Schritten. Solange politische oder kulturelle Strukturen reformierbar, also für Neues durchlässig bleiben, können sie sich den Entwicklungen anpassen, ohne zu zerbrechen. Erst wenn sich Dinge unnatürlich verhärten, staut sich der Widerstand gegen das Unnatürliche auf, bis dieses schließlich weggesprengt wird. Das ist übrigens auch in der Natur nicht anders: Wenn sich eine Art den veränderten Umweltbedingungen nicht mehr anpassen kann, geht sie unter, wie die Dinosaurier. Die Nürnberger Meister sind klüger als die Dinosaurier. So leidenschaftlich sie auch das Alte und die hergebrachten Regeln ihres Handwerks verteidigen – sie vollziehen den Schritt in die Zukunft letztlich mit. Allerdings erst als ihnen gezeigt wird, dass dieser Schritt nicht ins Chaos oder die künstlerische Beliebigkeit führt, sondern zu einer neuen Form sinnvoller Kunstausübung. Ich kann darin keinen reaktionären Akt der Domestizierung erkennen. Was hier geschieht, ist ein Grundmuster des Lebens, und es liegt viel Weisheit in der witzigen Art, wie Wagner diese Struktur herausgearbeitet hat.
Indem Hans Sachs dem Neuen zum Durchbruch verhilft, verhilft er dem Träger dieses Neuen gleichzeitig zum Glück mit der Frau, die auch für Sachs in Frage käme. Er trifft also nicht nur eine künstlerische Entscheidung, sondern auch eine sehr einschneidende für sein persönliches Leben. Warum tut er das?
Das ist vielleicht der schönste und anrührendste Zug dieses Stücks: Die Geschichte von der Überwindung der veralteten Traditionen wird parallel erzählt zu der Geschichte eines Mannes, der erkennen muss, dass er nicht mehr jung ist und vor den Ansprüchen der jungen Leute zurücktreten muss. Er macht sich keine Illusionen über den Gang der Dinge. Er sieht, dass diese beiden jungen Leute zusammengehören, und dass es nur natürlich und richtig ist, wenn der junge Mann die junge Frau kriegt. Und wenn die Welt lebenswert sein soll, muss das Richtige siegen. Also muss er sich dafür einsetzen, was immer es ihn auch kosten mag. Und das Stück zeigt deutlich, dass es ihn viel kostet. Denn auch wenn er einsieht, dass eine Verbindung mit der jungen Frau unvernünftig wäre und nicht in Frage kommt, bleibt doch, dass er sich damit abfinden muss, für immer allein zu bleiben. Und es bleibt, dass er sich klarwerden muss, dass sein Leben vergeht, dass er bestimmte Dinge nicht mehr tun wird usw. Aber er tut es doch und schaut damit über sein eigenes Schicksal hinaus. Denn nur weil es für ihn keine Liebesperspektive mehr gibt, muss er sie den anderen ja nicht missgönnen. Und das betrifft sein Verhältnis zu den beiden Liebenden ebenso wie seine Position im Kunststreit, der hier ausgetragen wird. Auch in der Kunst sieht er die Verbindung zum Natürlicheren als richtig und wichtig an. Und darum muss er sich für die Abschaffung der überlebten Regeln und Traditionen einsetzen – auch das ein schmerzlicher Prozess, weil Sachs selbst Teil dieser traditionellen Kunstordnung ist, die zu überwinden er mithelfen muss. So steht er nicht nur dem jungen Mann gegenüber, dem er die junge Frau überlassen soll, er sieht sich auch dem Künstler gegenüber, der höchst begabt ist, noch dazu viel begabter als Sachs, und eine große Zukunft vor sich hat. Sachs’ Klugheit und menschliche Größe zeigen sich darin, dass er in der Lage ist, zurückzutreten. Und die Größe Wagners als Dramatiker zeigt sich darin, dass er uns die Schmerzen, unter denen das vonstatten geht, auf so berührende Art vorführt.
Der gefährlichste Gegner der jungen Leute ist der Stadtschreiber Beckmesser, der strikt auf der Einhaltung der Regeln besteht und Stolzing auf keinen Fall in den exklusiven Club der Meistersinger einlassen will. Ist er zu dumm zu sehen, was die Stunde geschlagen hat?
Beckmesser ist nicht dumm, ganz im Gegenteil. Er ist hochgebildet, rhetorisch brillant und sicherlich der mit Abstand beste Kenner der Meisterregeln. Aber er hat ein Problem: Er hat kein Talent, schlimmer noch: Er ist nicht liebesfähig, und darum kann er auch nicht schöpferisch sein. Er kennt sich gut aus, aber er ist kein Künstler und würde es doch so gern sein. Wagner zeichnet mit dieser Figur die Karikatur eines Kritikers, eines Intellektuellen, der keinen künstlerischen Instinkt hat. Er ist brillant in der Analyse und Beurteilung von Kunstwerken, solange alles in sein System passt. Aber sowie diese Grenzen gesprengt werden, versteht er nichts mehr. Er ist nicht bereit, sich auf Neues einzulassen, und misst alles nach seinen engen und überkommenen Kriterien. Damit repräsentiert er die reaktionäre Seite der Meistersingerei und bleibt schließlich verständnislos zurück.
Es gibt freilich Interpreten, die das genau umgekehrt sehen. Einerseits, meinen sie, wird Stolzing in unguter Weise domestiziert, andererseits ist Beckmesser der eigentlich Fortschrittliche, denn das verballhornte Lied, für das er ausgelacht wird, sei ein Beispiel für Nonsens-Poesie, mit der er seiner Zeit weit voraus sei, andererseits habe er die avancierteste Musik und wäre damit Stolzing und gar dem C-Dur-Jubel des Finales haushoch überlegen.
Ich halte das für eine ungute Häufung von Missverständnissen. Zum einen ist Nonsens-Poesie keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern etwas, was es in der Geschichte der Dichtung schon immer gegeben hat. Beckmesser trägt auch keine moderne Dichtung vor, er redet einfach Unsinn, weil er Stolzings Text nicht versteht. Zum anderen darf man doch nicht die Musik, die ihm zugeordnet ist, mit der Musik verwechseln, die er komponieren würde. Es ist richtig, dass Beckmessers Pantomime im 3. Akt und sein missglücktes Werbelied auf der Festwiese zu den kompositorisch avanciertesten Passagen der Oper gehören. Hier hat Wagner nach einem Ausdruck für Beckmessers Zerrissenheit und Angst gesucht und dafür musikalische Mittel eingesetzt, die neu waren. Ähnlich weit geht er bei Mimes Angstvision im 1. Akt des Siegfried oder schon viel früher beim Auftritt der Geister im Fliegenden Holländer. Aber weder Mime noch die Mannschaft des Holländers sollen damit als besonders fortschrittlich oder kreativ charakterisiert werden. Wie Beckmessers Musik klingt, hören wir, wenn er sein Ständchen im 2. Akt vorträgt, oder wenn wir uns von seinem Lied auf der Festwiese die Orchesterbegleitung wegdenken: Das ist eine höchst einfallslose und ungeschickte Aneinanderreihung abgegriffenster Formeln ohne jeden Anflug von Inspiration. Ich glaube, solche Missverständnisse gehen auf ein Unbehagen gegen dieses Stück zurück, auf das diffuse Gefühl, dass das irgendwie konservativ – wenn nicht reaktionär – ist, und dass man dem durch solche Uminterpretationen gegensteuern muss. Ich denke, wenn man das Stück nur ernst genug nimmt, löst sich dieses Unbehagen schnell auf.
Aber zumindest bei der Schluss-Ansprache des Hans Sachs kommt man um ein solches Unbehagen doch nicht herum. War es eine gute Idee von Cosima Wagner, ihren Mann zur Einfügung der berüchtigten Passage »Habt acht!…«,
der oft der Vorwurf des deutsch-nationalen Chauvinismus gemacht wird, zu überreden?
Unbedingt! Ich denke, es war sogar eine sehr gute Idee. Die ursprüngliche Version ist vergleichsweise banal, während die endgültige Ansprache die ästhetisch-politische Dimension sehr wesentlich vertieft. Der Kerngedanke ist doch, dass Kultur auf Tradition basiert, die bewahrt werden muss, weil man sich sonst verliert. Das gilt für alle Werte und Lebensbereiche, nicht nur für die Kunst. Der Verlust der Tradition führt zum Verlust der Identität, die wir eben nicht nur in uns selbst, sondern auch in der Gemeinschaft finden, der wir uns zugehörig fühlen. Und das ist zum Beispiel der Kulturkreis, dem wir angehören, in diesem Falle also der deutsche. Nun ist aber die politische Pointe dieser Ansprache, die oft überhört wird, dass ein Staat oder »Reich« für die Bewahrung der kulturellen Identität gar nicht nötig ist: »Zerging’ in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst.« Man darf nicht vergessen, dass diese Verse geschrieben wurden, als das Deutsche Reich tatsächlich in Dunst zergangen war, und dass Wagner hier keineswegs Propaganda für die anstehende Neugründung betrieb, sondern dieses Ereignis schon im Vorfeld als eigentlich nebensächlich abwertete. Das letzte Wort dieser Rede ist eben nicht »Reich« oder »Staat«, sondern »Kunst«. Die Kunst, von der sich Wagner einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Welt – »Erlösung« hat er das genannt – erhoffte, einen wichtigeren und wirkungsvolleren jedenfalls als von den Reden und Taten der Kaiser und Reichskanzler.
Das Gespräch führte Werner Hintze